Politik

Hinter Mauern: Bethlehem heute

Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem

"Friede sei mit Euch" wünscht ein 10 Meter hohes Plakat des israelischen Tourismusministeriums. Es klebt an der ebenso hohen grauen Betonmauer, die etwa einen Kilometer lang zwischen Jerusalem und Bethlehem trennt. Nach einer Ausweiskontrolle geht es durch ein schweres eisernes Tor nach Bethlehem. Jenseits dieses "Anti-Terror-Sicherheitswalls" beginnt für die Palästinenser das "Gefängnis" im "ummauerten Bethlehem". Leere Häuser, eine verwaiste Tankstelle und geschlossene Läden rund um das eingemauerte Rachels-Grab zeugen von der verheerenden Auswirkung des Sperrwalls mitsamt Grenzterminal, Wachttürmen, Kameraüberwachung und Grenzschützerinnen hinter dickem Panzerglas.

"Bitte hier die Bombe ansetzen", haben Unbekannte mit Sprühfarbe auf die auf palästinensischen Seite der Mauer gesprüht neben Sprüchen wie "Jesus weint" oder "Keine Mauer kann die Wahrheit verstecken".

Eine vierspurige Straße mit nagelneuen von Japan gestifteten Straßenlaternen führt zum Krippenplatz, wo die schwer befestigte Geburtsbasilika aus dem 3. Jahrhundert steht. Mit jedem Meter näher zum Zentrum wird das Leben immer "normaler": Läden mit üppigen Auslagen, Gemüsehändler mit buntfarbenen Früchten, moderne Computergeschäfte, Banken und Hühnchenverkäufer, deren frische Ware lebendig in Plastikkäfigen auf dem Bürgersteig gestapelt steht. Polizisten regeln Arme fuchtelnd den Verkehr, der sich laut hupend an jeder Kreuzung verhakt, weil niemand dem Anderen die Vorfahrt lässt.

Vor der gähnend leeren Geburtsbasilika, in der eine griechische Frau unter einer Ikone der Maria mit dem Jesuskind grunzende Schmerzschreie ausstößt, erklärt Pater Jamal Khader einem kanadischen Reporter die Leiden der Palästinenser: "Es gibt drei Übergänge, den großen nach Jerusalem, einen ins Westjordanland nach Jericho und einen Dritten in Beth Dschala, der bald geschlossen wird. Die Übergänge sollen den Besuch christlicher Palästinenser verhindern. Regulierungen sollen Touristen entmutigen." Israel "erwürge" die Wirtschaft von Bethlehem.

Auf der Hauptstraße in Richtung Hebron geht es vorbei an Steinfabriken. Riesige Blöcke "Jerusalem-Stein", mit denen per Gesetz alle Häuser in Amman, Ramallah und Jerusalem verputzt werden müssen, liegen bereit, geschnitten und behauen zu werden. Diese blühende Industrie stoppte selbst in den schlimmsten Tagen der Intifada nie. Ein paar Kilometer weiter versperren dutzende Taxis die Hauptstraße. Fliegende Händler brutzeln stinkendes Fleisch auf rauchender Holzkohle. Billiges Obst und geschnitzte Koraninschriften werden verhüllten Frauen und hübschen Studentinnen feilgeboten, die sich zum Taxistand jenseits der Betonklötze auf der Straße begeben. Auf Bethlehems Seite rufen die Taxifahrer "Abu Dis" oder "Ramallah". Jenseits der Blöcke werden Fahrten nach Hebron geboten.

"Deutschland gut, Mercedes gut, Hitler gut", ruft Mahmoud und hämmert auf das Blech seiner Mercedes-Limousine für sieben Fahrgäste. Dreimal am Tag fährt er die halbstündige Strecke nach Hebron zum Preis von einem Euro pro Person. Palästinenser müssen mehrmals umsteigen, wenn sie von Hebron über Bethlehem und Ramallah nach Nablus wollen. Nur öffentliche Verkehrsmittel dürfen auf den Hauptstraßen verkehren, die auch Israelis benutzen. An einer Bude wirbt ein Plakat für Urlaub in einem palästinensischen Hotel mit Swimmingpool und Luxus. Rechts und links der Sperre am Naschasch-Checkpoint sind weder Zaun noch Mauer zu sehen. Kein Soldat prüft die Taschen. Betonblöcke versperren allein den Autos den Weg.

Um zu erkunden, ob Bethlehem tatsächlich "eingemauert" sei, fahren wir in Richtung Osten. In der Ferne ist nur ein elektronischer Zaun mit Patrouillenstraße zu sehen, der Selbstmordattentäter aus Jerusalem fern halten soll. Ohne Straßensperre geht es hinaus aus Bethlehem, zu den Hirtenfeldern in Beth Sahour und von dort zu den Siedlungen Nokdim, Tekoa und Efrat. Weiter geht es hinauf zur deutschen Schule Talitha Kumi und von dort unkontrolliert durch die Sperre am israelisch-palästinensischen Verbindungsbüro. Seit Monaten steht da kein Soldat mehr. Obgleich Bethlehem doch angeblich "von einer Mauer umgeben" ist und die Menschen sich "im Gefängnis" befinden, war es möglich, die ganze Runde zu drehen: vom Zentrum Bethlehems bis weit ins Westjordanland hinein, an Siedlungen vorbei und zurück in die Geburtsstadt Jesu, ohne eine einzige bemannte Straßensperre zu passieren.

Auf dem Weg zurück nach Jerusalem passieren wir nicht mehr das Mauertor am Rachelsgrab, sondern nehmen den Weg über das Dorf Waladsche. "Schalom", rufen wir dem Soldaten und zwei äthiopischen Soldatinnen an einer behelfsmäßigen Sperre vor Jerusalem zu. "Okay", flüstert er und winkt uns durch. Pässe oder Ausweiskarten interessierten ihn nicht.

Quelle: n-tv.de