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Größter Arbeit- und GeldgeberBiblis braucht die Atomkraft

07.09.2009, 10:22 Uhr

Das älteste Akw Deutschlands steht in Biblis. Der Betreiber RWE vergibt jährlich millionenschwere Aufträge. Die Gemeinde lebt davon - also ist selbst die örtliche SPD gegen den Atomausstieg.

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Die Einwohner von Biblis sind gegen die Abschaltung ihres Atomkraftwerks. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Im Internet zeigt die Gemeinde Biblis, wem sie sich verbunden fühlt. "Vorweg gehen" steht rechts oben in Großbuchstaben. R, W und E sind hervorgehoben - das Kürzel des Energieriesen RWE. Das Unternehmen betreibt am Rand der 9000 Einwohner großen Kommune in Südhessen das älteste laufende Atomkraftwerk Deutschlands. Wenn es nach den führenden Kräften in Biblis geht, soll das auch nach der Bundestagswahl im September so bleiben, trotz des Atomausstiegs, auf den vor allem die SPD pocht. Denn ohne das Kraftwerk gingen in Biblis die Lichter aus. Die beiden Blöcke sollen voraussichtlich etwa 2010 vom Netz gehen.

"Das Atomkraftwerk ist unser größter Arbeitgeber", beschreibt die parteilose Bürgermeisterin Hildegard Cornelius-Gaus die Bedeutung. Bei den regelmäßigen Revisionen seien die großen Parkplätze vor dem Kraftwerk "immer gerammelt voll". "Biblis" mache sich auch im Gemeindesäckel bemerkbar. Rund 3,3 Millionen Euro nimmt die Kommune laut Cornelius-Gaus 2009 an Gewerbesteuer ein. "Daran hat das Kraftwerk den überwiegenden Anteil." Kritik an der Atomkraft gebe es in Biblis kaum. Nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 habe es eine Zeitlang eine Anti-Atom-Gruppe gegeben. "Die hat aber nicht genügend Resonanz gefunden." Cornelius-Gaus hält das Kraftwerk für sicher. RWE sei zuverlässig, informiere offen, Sicherheitsüberprüfungen würden wie vorgeschrieben eingehalten.

Katastrophe für die Gemeinde

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Im strömenden Regen posiert der RWE-Vorstandsvorsitzende Jürgen Großmann auf einer Pro-Atom-Demo in Biblis mit Auszubildenden für ein Foto. (Foto: picture-alliance/ dpa)

Laut Betreiber RWE sichert "Biblis" die Arbeitsplätze von direkt etwa 1000 Menschen. Hinzu kämen noch einmal indirekt mindestens 1500 Stellen, "ganz konservativ gerechnet", sagt RWE-Sprecherin Rita Craemer. Das Unternehmen vergebe allein in der Region jährlich Aufträge im Umfang von 70 Millionen Euro. Davon profitierten immerhin 500 Firmen, darunter viele Mittelständler.

Nach Einschätzung des örtlichem Wirtschafts- und Verkehrsvereins wäre das "Aus" für "Biblis" eine Katastrophe für die Gemeinde. "Das hätte mit Sicherheit weitreichende Folgen", sagt die Vorsitzende Liselotte Blume-Denise. Auch die 42-Jährige spricht vom "Hauptarbeitgeber und Hauptsteuerzahler." In dem Verein sind etwa 120 örtliche Geschäftsleute zusammengeschlossen.

Alle setzen auf RWE

Selbst Hotels und Gastronomie profitierten vom Atomkraftwerk, da dort zu den Revisionen fast dreimal soviel Beschäftigte arbeiten. Und die müssen irgendwo schlafen und essen. "Das hat sich halt so entwickelt", sagt Blume-Denise. Der örtliche Pferdesport, die Turner - alle setzten immer wieder auf RWE als Sponsor. "Es gibt praktisch keinen Verein, der von RWE nicht unterstützt wird." Andelko Pehar, der in Biblis das Hotel "Lindenhof" mit 30 Betten betreibt, kann sich ein Leben ohne "Biblis" nicht vorstellen. "Wir leben davon, und das gilt nicht nur für die Gastronomie", sagt er.

In Biblis ist vieles anders als in der großen Politik. In der Gemeindevertretung sitzen CDU (12), SPD (8), die Freie Liste Biblis (2) und das Bibliser Bürgerforum (1). Eine Partei mit klarem Anti-Atom-Kurs fehlt. Laut CDU-Fraktion sind alle dafür, dass das Atomkraftwerk erst mal weiterläuft. Der Fraktionsvorsitzende der SPD, Josef Fiedler, atmet tief durch, wenn er unter Hinweis auf den Atomausstiegskurs der Bundes-SPD nach den örtlichen Genossen gefragt wird. "Die Fraktion vertritt in diesem Punkt nicht die Haltung der Mutterpartei", sagt der 59-Jährige. "Wir wären mit einer Laufzeit des Atomkraftwerkes auch in den nächsten zwei, vier oder fünf Jahren einverstanden."

Quelle: Joachim Baier, dpa