Politik
Dienstag, 12. Januar 2010

Interview mit "Nazijäger" Zuroff: "Das ist sehr frustrierend"

Die Tatsache, dass John Demjanjuk im Vernichtungslager Sobibor einen niedrigen Rang bekleidete, ist kein Argument gegen strafrechtliche Verfolgung, sagt Efraim Zuroff. Der "Nazijäger" hofft weiterhin darauf, dass NS-Kriegsverbrecher, die seit Jahrzehnten unbehelligt in Deutschland leben, vor Gericht gestellt werden.

n-tv.de: John Demjanjuk steht in Ihrer Liste der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher (S. 40 im jährlichen "Status Report") auf Platz eins. Heißt das, dass Sie ihn als schlimmsten lebenden NS-Kriegsverbrecher einstufen?

Dr. Efraim Zuroff ist der Leiter des israelischen Büros des Simon Wiesenthal Center. Er veröffentlich den jährlichen "Status Report" über die weltweite Suche nach NS-Kriegsverbrechern. Darin enthalten ist die Liste der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher.
Dr. Efraim Zuroff ist der Leiter des israelischen Büros des Simon Wiesenthal Center. Er veröffentlich den jährlichen "Status Report" über die weltweite Suche nach NS-Kriegsverbrechern. Darin enthalten ist die Liste der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher.(Foto: REUTERS)

Efraim Zuroff: Wir haben drei Kriterien, auf deren Basis wir die Verbrechen von Individuen bewerten und anhand derer wir entscheiden, auf welchem Platz sie stehen. Das erste ist das Ausmaß des Verbrechens, die Zahl der beteiligten Fälle, die Zahl der Opfer. Das zweite Kriterium ist, ob die Person persönlich Morde begangen hat, das dritte ihr Rang, ihr Dienstgrad, ihre Macht. Mit Blick auf den Fall Demjanjuk kann man sagen, dass er in den ersten beiden Kriterien sehr hoch einzustufen ist, im dritten Kriterium dagegen nicht. Aber die Gesamtbetrachtung ergibt, dass er aktiv und persönlich an der Ermordung von 29.000 Menschen beteiligt war.

Demjanjuk ist der erste untergeordnete mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher, der in Deutschland nicht wegen konkreter Morde, sondern wegen Beteiligung am Massenmord angeklagt wird.

Zunächst: Nur weil in der Vergangenheit Fehler gemacht wurden, muss man heute keine weiteren Fehler hinzufügen. Zweitens: Die Tatsache, dass er einen niedrigen Rang bekleidete, schützt ihn in keinster Weise vor strafrechtlicher Verfolgung. In der Zeit, in der er in Sobibor diente, von März bis September 1943, wurden dort 29.000 Juden ermordet. Die Frage, ob er einen niedrigen oder einen hohen Dienstgrad hatte, ist nicht so wichtig wie die Tatsache, dass er dabei half, diese Menschen zu ermorden.

Demjanjuk stand von 1987 bis 1993 in Israel wegen Verbrechen im Konzentrationslager Treblinka vor Gericht. Das Verfahren endete mit einem Freispruch. Warum wurde er nicht wegen der Morde in Sobibor angeklagt?

John Demjanjuk am 21. Dezember vor dem Landgericht München II.
John Demjanjuk am 21. Dezember vor dem Landgericht München II.(Foto: picture alliance / dpa)

Weil der Vorwurf, er sei "Iwan der Schreckliche" aus Treblinka gewesen, sehr viel gravierender war als der Vorwurf, ein Wachmann in Sobibor gewesen zu sein - zumal die Beweislage damals relativ dünn war.

Neu auf Ihrer Liste ist Klaas Carl oder Carel Faber. Er wurde nach dem Krieg in den Niederlanden wegen elffachen Mordes verurteilt, aber entkam 1952 nach Deutschland. Seither lebt er hier, ohne je zur Verantwortung gezogen worden zu sein.

Das ist genau der Grund, warum wir ihn auf die Liste gesetzt haben: Um auf seinen Fall aufmerksam zu machen, den wir für sehr problematisch halten.

Aufmerksamkeit gab es, aber die deutschen Behörden sind nicht aktiv geworden.

Das ist das Problem, das wollen wir ändern.

Ein zentrales Problem scheint zu sein, dass Deutschland grundsätzlich keine deutschen Staatsbürger ausliefert.

Heinrich Boere am 28. Oktober 2009 vor dem Landgericht Aachen.
Heinrich Boere am 28. Oktober 2009 vor dem Landgericht Aachen.(Foto: picture alliance / dpa)

Es gibt drei Personen auf der Liste, die durch die deutsche Staatsbürgerschaft geschützt sind, die ihnen per "Führererlass" vom Mai 1943 verliehen wurde: Faber, Sören Kam und Heinrich Boere. Dieser "Führererlass" machte "deutschstämmige Ausländer", die Nazi-Deutschland halfen, automatisch zu deutschen Staatsbürgern.

Was halten Sie davon, dass Deutschland diese Leute nicht ausliefert?

Ich bin natürlich dagegen! Ich hätte keine Einwände, wenn sie in Deutschland vor Gericht gestellt würden. Boere steht vor Gericht, Josef Scheungraber ist bereits verurteilt worden. Aber das sind leider nur zwei Fälle. Es gibt weitere wie Sören Kam und Klaas Faber, von denen wir hoffen, dass sie angeklagt oder ausgeliefert werden. Wir setzen sie auf die Liste, um für Aufmerksamkeit zu sorgen.

Scheungraber hatte als Wehrmachtsoffizier 1944 eine Racheaktion in der Toskana geleitet, im August 2009 wurde er wegen zehnfachen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Er ging jedoch in Revision und sitzt jetzt nicht einmal in U-Haft. Ist das nicht sehr frustierend?

Ja, sehr!

Mit Efraim Zuroff sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de