Politik
Die deutschen Waffen auf dem Weg in die Türkei: Die Fähre ist gemietet.
Die deutschen Waffen auf dem Weg in die Türkei: Die Fähre ist gemietet.(Foto: REUTERS)

Nato-Raketen aus Deutschland: Das können die "Patriots"

Von Martin Morcinek

Die Stationierung deutscher Hightech-Raketen an der Grenze zu Syrien nimmt ihren Lauf: Nach einer Anfrage aus dem Hauptquartier der Nato schickt der Bundestag ein Kontingent an Soldaten in die Türkei. Ist die Entsendung von Patriot-Raketen "militärisch angemessen"?

Mobile Raketenabwehr für den Bündnispartner: Ein komplettes System kostet bis zu sechs Millionen Dollar.
Mobile Raketenabwehr für den Bündnispartner: Ein komplettes System kostet bis zu sechs Millionen Dollar.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Ursprünge des Flugabwehrsystems "Patriot" reichen zurück bis in die 1960er Jahre: Den Anforderungen der Militärs entsprechend wurden herkömmliche Boden-Luft-Raketen in mobile Startgeräte verpackt und durch ebenfalls leicht verlegbare, neuartige Radargeräte ergänzt. Das System besteht aus fahrbaren Abschussrampen für radargesteuerte Luftabwehrraketen, die gegen einfliegende Bedrohungen in mittleren bis großen Höhen gerichtet sind.

Per Kabel oder Funk miteinander vernetzt sollte eine Patriot-Einheit in der Lage sein, einen oder mehrere feindliche Flugkörper zu erkennen und bereits weit vor dem Zielgebiet sicher unschädlich zu machen. Unter dem Projektnamen "Patriot Air Defense Missile System" experimentiert das US-Militär seit Mitte der 1970er Jahren mit ersten Versionen. Offiziell an die Truppe übergeben wurden die Raketen im Jahr 1982. Seitdem wurde das System mehrfach weiterentwickelt und an neue Bedrohungsszenarien und neue technische Möglichkeiten angepasst.

Entwickelt wurde das System als Gemeinschaftsprojekt der US-Rüstungsindustrie. Beteiligt waren Raytheon und Lockheed. Gebaut und ausgeliefert werden die Patriots durch Raytheon. Einzelne Komponenten kommen unter anderem aus Deutschland.

Ein Erfolgsgeheimnis der Patriots verbirgt sich in der Steuerungstechnik: Zum Einsatz kommen sogenannte Phased-Array-Antennen, deren Radarstrahlen sich nicht wie üblich mechanisch, sondern elektronisch ausrichten lassen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Feuerleitsystemen benötigt die Patriot-Steuerung damit keine sich drehende Radaranlagen. Der große Vorteil liegt in der Reaktionsgeschwindigkeit: Der Richtstrahl kann phasengesteuert sehr viel schneller umschwenken und damit auch extrem schnelle Ziele erfassen und verfolgen.

Ein Computer wählt, der Mensch feuert

Dazu kommen weitere Besonderheiten: Im Gegensatz zu einfachen Luftabwehrraketen läuft bei der Zielauffassung automatisch auch eine Freund/Feind-Erkennung ab. Das soll verhängnisvolle Fehlschüsse in die Reihen der eigenen Luftstreitkräfte verhindern. Unter Gefechtsbedingungen ist das von besonderer Bedeutung. Denn im Fall eines Angriffs bleibt für menschliche Zweifel wenig Raum. Aufgrund der hohen Geschwindigkeiten anfliegender Jets oder Raketen, müsste der Feuerbefehl binnen Sekunden ausgelöst werden, wenn das Ziel tatsächlich zuverlässig zerstört werden soll.

Das Radarauge einer deutschen Patriot-Staffel.
Das Radarauge einer deutschen Patriot-Staffel.(Foto: IMZ-Bildarchiv)

Bei der Bundeswehr werden Patriots seit 1989 in den Flugabwehrraketen-Einheiten der Luftwaffe genutzt. Ursprünglich ausgelegt auf die Verteidigung gegen feindliche Aufklärer, Jäger oder Bomber, können die neueren Patriot-Versionen auch Marschflugkörper und ballistische Kurz- und Mittelstreckenraketen abfangen. Ins Ziel gelenkt werden die Raketen dabei durch die Steuersignale der Feuerleitrechner am Boden. Einen eigenen Infrarotsuchkopf besitzen sie nicht.

Bei der Bundeswehr besteht eine Patriot-Einheit aus einer Batterie mit rund 90 Soldaten, welche sich auf fast zwei Dutzend Fahrzeuge verteilen. Die Raketen selbst befinden sich in kantigen Abschussboxen aus Aluminium. Die charakteristische Form der Startbehälter macht das Waffensystem auch für Laien leicht erkennbar.

Steil in den Himmel gerichtete Boxen

Jeder "Launcher" trägt jeweils vier Lenkflugkörper in ein oder zwei Boxen, die luftdicht abgeschlossen sind. So bleiben die maximal acht Raketen je Fahrzeug während Lagerung, Transport und in der Bereitschaftsphase vor Witterungseinflüssen geschützt. Montiert werden die Behälter - zumindest bei der Bundeswehr - auf geländegängige Vierachser-Lkw von MAN. Andere Armeen nutzen vergleichbare Trägerfahrzeuge der jeweils heimischen Hersteller. In den Versionen mit einer hohen Reichweite sind Patriots deutlich dicker und schwerer als ihre schlankeren Varianten. Aufgrund von Gewichtsbeschränkungen bei den Trägerfahrzeugen werden sie daher je nach Gesamtgewicht in Vierer- oder Achter-Bündeln zusammengefasst.

Zwei Starterboxen mit jeweils vier Raketen: Für Reifen und Windschutzscheibe des Trägerfahrzeugs gibt es spezielle Schutzvorrichtungen, die Schäden durch den Feuerschweif beim Start verhüten sollen.
Zwei Starterboxen mit jeweils vier Raketen: Für Reifen und Windschutzscheibe des Trägerfahrzeugs gibt es spezielle Schutzvorrichtungen, die Schäden durch den Feuerschweif beim Start verhüten sollen.(Foto: IMZ-Bildarchiv)

Am Einsatzort werden die Startrampen mit etwa 50 Grad Neigung aufgerichtet und mit den Feuerleitanlagen verbunden. Einsatzbereit wird eine Patriot-Staffel dabei erst durch die verschiedenen Begleitfahrzeuge, die Radar- und Feuerleitanlagen sowie die mobile Stromversorgung per Generator aufnehmen. Tank- und Werkstattwagen ergänzen die Flugabwehrraketenstaffel. Insgesamt kann ein feuerbereites Abwehrsystem in den neueren Versionen bis zu 50 Ziele gleichzeitig verfolgen und dabei fünf Ziele simultan bekämpfen. Der Abschuss selbst erfolgt auf Knopfdruck aus der mobilen Startstation.

"Erkennt das Radarsystem eine Bedrohung, so wird dieses an die mit zwei Arbeitsplätzen besetzte Patriot-Feuereinheit weitergeleitet", beschreibt die Luftwaffe die Funktionsweise. "An dieser Schnittstelle von Mensch und Maschine werden die Hauptfunktionen von Patriot überwacht und bedient." Beim Start durchstößt die Raketenspitze den Deckel des Raketenbehälters. Leergeschossene Container lassen sich schnell und zur Not auch vor Ort austauschen.

Mit Mach 5 Richtung Feind

Die Raketen selbst sind je nach Version etwa fünf Meter lang, wiegen zwischen 300 und 900 Kilogramm und haben nach Version und Bauart eine Reichweite von etwa 70 Kilometern. Der Gefechtskopf enthält neben allerlei Elektronik rund 90 Kilogramm Sprengstoff. Nach dem Start beschleunigt ein Feststoffmotor den Gefechtskopf auf bis zu fünffache Schallgeschwindigkeit.

Innerhalb der Nato verfügen nur Deutschland, die Niederlande und die USA über die modernste Variante des Flugabwehr-Systems mit einer verbesserten Software und einem präziseren Radar, die sowohl PAC-2 als auch PAC-3-Raketen verschießen kann. Beide Versionen sind dank überarbeiteter Software und verbesserter Reichweite speziell auf die Abwehr taktischer ballistischer Raketen ausgelegt. Diese feindlichen Geschosse könnten in den Szenarien der Militärs theoretisch auch mit Massenvernichtungswaffen bestückt sein und sollten daher schon weit vor dem Zielgebiet abgeschossen werden.

Leer und verschossen: Nach irakischen Scud-Angriffen auf Israel entsorgen US-Soldaten 1991 bei Haifa die Hülsen der vergangenen Nacht.
Leer und verschossen: Nach irakischen Scud-Angriffen auf Israel entsorgen US-Soldaten 1991 bei Haifa die Hülsen der vergangenen Nacht.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

In der Version PAC-2 liegt die maximale Kampfdistanz bei bis zu 160 Kilometern. Ballistische Raketen können im Anflug mehrfache Schallgeschwindigkeit erreichen, was in der Berechnung der Flugbahn und der Steuerung enorme Ansprüche an Präzision und Signalübertragung stellt. Im Gegensatz zur Version PAC-2 soll die PAC-3 die Gefechtsköpfe von Raketen direkt mit Volltreffern zerstören. Die Vorläuferversion PAC-2 rast dagegen der angreifenden Raketen stur entgegen, um bei der Annäherung an das Ziel zu explodieren. Die entstehende Splitterwolke soll das feindliche Projektil dann - einem Schrotschuss vergleichbar - unschädlich machen.

Die Nato hatte schon einmal Patriot-Batterien in die Türkei verlegt: Auslöser der Aktion vor knapp zehn Jahren waren steigende Spannungen an der Grenze wegen des Irak-Krieges. Deutschland half der Türkei damals lediglich mit den Raketen selbst aus. Abschussrampen, Elektronik und Bedienmannschaften steuerten die Niederlande bei. So konnte die damalige Regierung Schröder das heikle Thema Auslandsentsendung deutscher Soldaten im Bundestag umschiffen.

Betont defensiv

Abseits bündnispolitischer Symbolik bleibt fraglich, welche konkreten Einsatzziele das aktuelle deutsche Einsatzkontingent in der Türkei verfolgen soll. Offiziell dienen die Patriot-Raketen dazu, "die integrierte Luftverteidigung der Allianz (…) zu verstärken".

Zur Abwehr von Granatbeschuss – bisher die Hauptbedrohung auf der türkischen Seite der syrischen Grenze – sind die Patriots in jedem Fall komplett ungeeignet. Die Raketen sind dafür schlicht überdimensioniert – und im Ernstfall wohl auch viel zu teuer. Es gibt weitaus bessere Waffensysteme zur Abwehr solcher Bedrohungen, auch in deutschen Beständen. Wenn die Bundeswehr hier aushelfen müsste, könnte sie etwa ihr neues "Nahbereichsschutzsystem Mantis" anbieten, das laut Hersteller Rheinmetall Raketen, Artilleriegranaten und Mösergeschosse auf eine Kampfentfernung von 500 bis 3000 Metern abwehren kann. Sinnvollerweise müssten sie dann aber auch sehr nahe und in entsprechenden Stückzahlen aufgereiht an der Grenze positioniert sein.

Punktuelle Abwehr, begrenzte Reichweite

In den türkischen Luftraum eindringende Flugzeuge ließen sich mit Patriots dagegen ohne weiteres abschießen. Doch den Einsatz deutscher Flugabwehrraketen zur Durchsetzung einer etwaigen Flugverbotszone im Norden Syriens schloss Verteidigungsminister Thomas de Maiziere aus. "Die Unterstützung der Türkei hat einen klaren defensiven Charakter und zielt auf militärische Abschreckung", betonte er mit Blick auf anhaltende Spekulationen.

Hinter vorgehaltener Hand kursieren noch ganz andere Überlegungen: Doch auch zur Abwehr anfliegender Raketen aus dem Iran auf dem Weg nach Israel oder Europa wäre das deutsche Patriot-Kontingent in seiner aktuellen Aufstellung vollkommen ungeeignet.

Militärische Symbolik

Technisch ist das Patriot-System darauf ausgelegt, wichtige Einzelziele wie etwa Großstädte oder Ballungszentren, Regierungssitze, strategisch bedeutsame Militäreinrichtungen und wichtige Infrastruktur-Einrichtungen abzuschirmen. Der Schutz ganzer Landstriche durch einen Sperr-Riegel, wie dies noch zu Zeiten des Kalten Krieges üblich war, würde einen ganz anderen Aufwand erforderlich machen. Um einen wirkungsvollen Schutzschirm an der Nato-Außengrenze aufzuziehen, müsste die Bundeswehr sehr viel mehr Einheiten in die Türkei verlegen als die bisher vorgesehenen zwei Raketenabwehrstellungen.

Viel über die realistischen Eingriffsmöglichkeiten verrät dann auch der vorgesehene und per Bundestagsbeschluss festgelegte Standort des deutschen Einsatzkontingents: Die rund 400 deutschen Soldaten sollen die türkische Luftabwehr von Stellungen bei Kahramanmaras aus unterstützen. Die südostanatolische Stadt mit rund einer halben Million Einwohnern liegt Luftlinie rund 100 Kilometer von der türkisch-syrischen Grenze entfernt.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de