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Necla Kelek für die Zweifel: "Der Islam braucht Kritik"

Der Islam ist nicht nur eine Religion, sondern auch ein Herrschaftssystem, sagt die Soziologin Necla Kelek. Mit diesem "System Islam" will Kelek brechen. Sie fordert einen modernen Islam: "Wir müssen es schaffen soweit zu gehen, dass wir sogar Allah in Frage stellen, Atatürk in Frage stellen, unsere eigenen Väter und Brüder in Frage stellen, um mit ihnen friedlich leben zu können."

n-tv.de: Ihre Kritik am Islam richtet sich vor allem gegen seinen politischen Anspruch, gegen seinen Drang zur Allmacht. Was ist anders am Islam als am Christentum?

Die Soziologin Necla Kelek gehört zu den prominentesten "Islam-Kritikerinnen" in Deutschland. Sie war Mitglied der Deutschen Islam-Konferenz. Ihr neues Buch "Himmelsreise" erscheint am 18. März.
Die Soziologin Necla Kelek gehört zu den prominentesten "Islam-Kritikerinnen" in Deutschland. Sie war Mitglied der Deutschen Islam-Konferenz. Ihr neues Buch "Himmelsreise" erscheint am 18. März.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Necla Kelek: Das Christentum hat es geschafft, das Gewissen als Instanz aufzubauen; das Christentum ist eine an das Gewissen gerichtete Religion, die auf die Erkenntnis des Individuums baut. Dadurch wird der Mensch verantwortlich für sein Handeln. Der Islam fordert von den Gläubigen strikten Respekt gegenüber den Älteren. Die Jüngeren sollen einfach nachsprechen, was man von ihnen verlangt. Dadurch sind Neugier und Zweifel aus der Welt.

Sie sprechen vom "System Islam". Was meinen Sie damit?

Die zahlreichen Ge- und Verbote haben aus dem Islam ein Herrschaftssystem gemacht, in dem Religion und Politik, Privates und Öffentliches nicht getrennt sind. Nicht das Gewissen überwacht die Einhaltung der göttlichen Regeln, sondern die Gemeinschaft der Gläubigen, die "Umma": Ihrer Kontrolle ist jeder einzelne Gläubige unterworfen.

In Ihrem Buch "Himmelsreise" schreiben Sie: "Die Abgrenzung gegenüber anderen - durch das Kopftuch, das Verheiraten der Söhne oder Töchter mit Partnern aus der 'reinen' Heimat, die Verunglimpfung all jener, die Bier trinken und Schweinefleisch essen, die blutigen Traditionen der Beschneidung und des Opferfestes -, all das wird zur Demonstration einer 'kollektiven Selbstvergewisserung'. Es ist die Absage der Muslime an die aufgeklärte Gesellschaft." Ist denn ein Islam, der mit Demokratie, Pluralismus und Menschenrechten kompatibel ist, überhaupt vorstellbar?

Die Muslime müssen dafür sorgen, dass Islam und Demokratie vereinbar werden. Viele der muslimischen Regeln haben mit dem Islam als Religion, als Glaube, als Philosophie nichts zu tun. Einige der angeblich muslimischen Traditionen gab es schon vor dem Islam. Der Islam als System hat es nicht geschafft, sich von Traditionen wie Blutrache, Zwangsehen und dergleichen zu befreien. Die Muslime müssen diese Regeln von der Religion lösen, damit der Islam als Glaube gelebt werden kann und nicht als strenges Regelwerk.

Sie schreiben, Sie seien "zu der Erkenntnis gelangt, dass der Islam, so wie er sich in seinem politischen Kern heute darstellt und repräsentiert, nicht in eine demokratische Gesellschaft zu integrieren ist". Was muss innerhalb des Islam passieren, damit diese Integration möglich wird?

Der Islam braucht Kritik und Kritikfähigkeit, die Muslime - jeder einzelne - müssen sich kritisch mit ihrer Religion auseinandersetzen. Es hilft überhaupt nicht, wenn die Muslime glauben, was die europäischen Islam-Forscher ihnen vorsprechen: dass der Islam eine gute Religion sei. Wir müssen imstande sein, die muslimischen Verbände zu kritisieren. Wir müssen Fragen stellen: Wie sind die Verbände strukturiert, was verstehen sie unter dem Islam, was verstehen Sie unter islamischem Leben? Nur wenn die Muslime sich in ihre eigenen Angelegenheiten einmischen, kann ein moderner Islam entstehen.

Sie kritisieren in Ihrem Buch das Konzept der sozialen Ehre in den "archaisch-muslimischen Gesellschaften". Aber der individuelle Ehrbegriff des Westens ist ja vergleichsweise neu. Heute erscheint uns das lächerlich, aber selbst der Soziologe Max Weber wollte sich noch 1910 duellieren, um die Ehre seiner Frau zu verteidigen. Glauben Sie, dass auch die muslimischen Gesellschaften einen solchen Modernisierungsprozess durchlaufen können?

Eine Frau in einer Burka geht über den Odeonsplatz in München.
Eine Frau in einer Burka geht über den Odeonsplatz in München.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Sie müssen! Wenn die Muslime in einer bürgerlichen Gesellschaft leben wollen, dann müssen sie ihre Rechte und Pflichten wahrnehmen und sich von den archaischen Regeln und Traditionen selbst befreien, und das müssen sie auch von ihren Organisationen verlangen. Das geht nur, wenn man die Zusammenhänge hinterfragt, zum Beispiel den Zusammenhang zwischen "Ehrenmord" und der Familienehre: Im "System Islam" verkörpert die Frau die Ehre der Familie, die Männer müssen diese Ehre bewachen - dass das ein Auftrag Gottes sein soll, muss in Frage gestellt werden. Nur so kann man sich davon befreien. Wir müssen es schaffen, soweit zu gehen, dass wir sogar Allah in Frage stellen, Atatürk in Frage stellen, unsere eigenen Väter und Brüder in Frage stellen, um mit ihnen friedlich leben zu können. So haben die Europäer das auch gemacht.

In einigen Feuilleton-Beiträgen sind Sie ziemlich scharf attackiert worden - Thomas Steinfeld nannte Sie und andere Islam-Kritiker in der "Süddeutschen Zeitung" zumindest indirekt "Hassprediger", Claudius Seidl, der Feuilletonchef der Sonntags-FAZ, findet Sie zwar sympathisch, der Titel seines Beitrags "Unsere heiligen Krieger" dürfte jedoch auch Sie meinen. Haben solche Attacken Sie verletzt?

Nein, das trägt nur dazu bei, dass die Debatte lebhaft ist. Viele Menschen haben eine Islam-Debatte lange verhindern wollen. Aber wir sind mittendrin. Ich bin sehr dankbar, dass es diese Debatte gibt.

Sie tragen das Label "Islam-Kritikerin". Stört Sie diese Bezeichnung?

Überhaupt nicht. Obwohl die Wortschöpfer mit der Formulierung mir wohl kein Kompliment machen wollten. Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, mir den Islam kritisch anzuschauen. Ich fühle mich geradezu berufen, das weiter zu tun.

Sind Sie je bedroht worden?

Nein.

Plakat der Schweizerischen Volkspartei (SVP) zur Volksabstimmung über das Bauverbot von Minaretten.
Plakat der Schweizerischen Volkspartei (SVP) zur Volksabstimmung über das Bauverbot von Minaretten.(Foto: picture alliance / dpa)

Was halten Sie von dem Schlagwort der "Islamisierung Europas", das die niederländische "Partei für die Freiheit" oder die Schweizer SVP sich auf die Fahnen geschrieben haben? Gibt es diese Islamisierung?

Natürlich gibt es den Versuch einer weltweiten Islamisierung. Aber der geht von einer sehr kleinen Minderheit unter den Muslimen aus. Das sind Fundamentalisten, die es als Gottes Auftrag ansehen, die "Umma" weltweit zu verbreiten. Die anderen Muslime sind bei weitem die Mehrheit, sie müssen ihre Stimme gegen solche Entwicklungen erheben. Wenn allerdings alle Muslime als Fundamentalisten bezeichnet werden, hilft das nicht weiter. Ich bin eine überzeugte Europäerin und Demokratin, ich setze auf das Wort, nicht auf Propaganda.

Was halten Sie vom Schweizer Minarett-Verbot?

Ich habe das Ergebnis als Signal dafür aufgefasst, dass viele Menschen Angst haben, viele Fragen haben und keine Antworten bekommen. Viele Muslime vertreten ihre Anliegen nach außen nicht positiv, sondern fordern nur ihre Rechte ein; was hinter den Mauern der Moscheen passiert, soll keiner erfahren, die Demokratie wird ausgesperrt. Das haben viele Schweizer sich nicht gefallen lassen.

Sie bezeichnen sich ausdrücklich als Muslimin, aber Sie schreiben einen Satz wie "Selbst Mohammed und die ihm folgenden Kalifen haben Verbrechen begangen". Wie geht das zusammen?

Man muss sich der Geschichte stellen und trennen zwischen Kulturmuslimen und jenen, die das "System Islam" tragen. Ich habe einen Glauben, ich bin muslimisch erzogen worden, ich komme aus einer muslimischen Kultur, bin muslimisch sozialisiert. Bei aller Kritik am Islam gebe ich doch meine Kultur nicht auf. Ich bin Teil der islamischen Kultur und ich brauche meinen Glauben auch - aber nicht als Herrschaftssystem, sondern als Philosophie, als Hilfe bei der Sinnsuche, als Trost für meine Seele.

Sie erzählen in Ihrem Buch von einer türkisch-deutschen Mädchengruppe aus der hessischen Provinz, die Sie in Kreuzberg getroffen haben und die Ihr Buch "Die fremde Braut" im Sozialkundeunterricht gelesen haben. Wir sind keine "unterdrückten Türkenmädels", haben die Ihnen gesagt. Sie schreiben leider nicht, wie Sie diese Begegnung empfunden haben. War das für Sie nicht ein bisschen Anlass zur Hoffnung?

Aber natürlich! Dieser Hoffnung begegne ich jeden Tag, mir schreiben sehr viele Mädchen, auch Frauen, auch Männer, die mir sagen, auch wir sind jetzt auf dem Weg, auch wir schauen jetzt kritischer auf unseren Alltag, wollen ausbrechen, anders leben. Ich hatte den Mädchen versprochen, sie zu zitieren, und wollte das einfach so stehen lassen.

Der Titel Ihres Buches spielt auf Mohammeds "Himmelsreise" an, seinen Aufstieg in den Himmel. Fürchten Sie, dass Sie wegen des Titels Ärger mit konservativen Muslimen bekommen werden?

Nein, das glaube ich nicht. Die Himmelsreise ist eine der Schlüsseloffenbarungen im Koran, diese Sure machte Allahs Gebote zum Gesetz, ihr haben wir zu verdanken, dass Politik und Religion im Islam eins sind. Ich glaube, dass wir nach so vielen Jahren kritischer Auseinandersetzung erreicht haben, dass wir solche Bücher schreiben können und viele Muslime sich daran gewöhnt haben, dass wir kritisch debattieren. Darüber bin ich froh.

Mit Necla Kelek sprach Hubertus Volmer

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Quelle: n-tv.de