Politik
Donnerstag, 03. April 2008

Wolfgang Blendinger bei n-tv.de: "Ein Tropfen auf den heißen Stein"

Prof. Dr. Wolfgang Blendinger vom Institut für Geologie und Paläontologie der TU Clausthal ist Leiter der dortigen Abteilung für Erdölgeologie und Vorsitzender von ASPO Deutschland, der Association for the Study of Peak Oil and Gas.
Prof. Dr. Wolfgang Blendinger vom Institut für Geologie und Paläontologie der TU Clausthal ist Leiter der dortigen Abteilung für Erdölgeologie und Vorsitzender von ASPO Deutschland, der Association for the Study of Peak Oil and Gas.

Früher oder später werden die Erdölgesellschaften schon eingestehen, dass Peak Oil Realität ist, sagt Wolfgang Blendinger, Deutschlands einziger Professor für Erdölgeologie. Die Prognosen der Konzerne seien nur Augenwischerei. "Wir sind zu 98 Prozent abhängig von importiertem Öl. Mit ein bisschen Phantasie kann sich jeder die Folgen von Peak Oil selbst ausmalen." Ohne eine Abkehr vom "Wachstumsdogma" werde diese Krise nicht zu bewältigen sein.

n-tv.de: Wie wird Peak Oil berechnet? Und warum kann vom Förderverlauf einer Quelle auf die Weltförderung zurückgeschlossen werden?

Wolfgang Blendinger: Wenn Sie ungefähr wissen, wie viel Öl Sie gefunden haben, können Sie mit der vergangenen Förderkurve relativ verlässlich das Datum für den Peak berechnen - egal ob aus einem Ölfeld, einer Region oder auf der ganzen Welt. Das ist ein ganz einfaches Integral. Stellen Sie sich eine Menge Öl grafisch dargestellt in einem x-y-Diagramm vor. Wenn Sie auf der x-Achse die Zeit auftragen und auf der y-Achse die Fördermenge, dann haben Sie mehrere Möglichkeiten, den Verlauf der Förderung zu beeinflussen. Sie können möglichst schnell möglichst viel Öl fördern. Dann bekommen Sie einen hohen Peak; einen schnellen Anstieg und einen schnellen Abfall. Oder Sie strecken die Förderung. Die Ölmenge bleibt in jedem Fall dieselbe. Wenn man die Förderkurven sämtlicher Felder der Welt übereinander legt, kommt am Schluss nichts anderes raus als eine langsam abfallende Gesamtförderung. Wie viel Öl in der Vergangenheit gefunden wurde, weiß man ziemlich genau aus diversen Statistiken.

Warum fällt die Förderung einer Ölquelle nach dem Peak ab?

Das Gestein, in dem das Öl enthalten ist, kann man sich von der Struktur her vorstellen wie einen Schwamm. Das sind lauter kleine Hohlräume, die mit Öl und einer gewissen Menge Wasser gefüllt sind. Bei der Ölförderung muss das entnommene Öl durch eine andere Phase ersetzt werden, in der Regel durch Wasser. Durch die veränderten Sättigungen in den Gesteinsporen ändern sich auch die relativen Durchlässigkeiten. Je geringer die Ölsättigung, umso geringer die relative Durchlässigkeit für Öl. Das ist der absteigende Ast der Peak-Oil-Kurve.

Warum kommen die Peak-Oil-Vertreter zu so unterschiedlichen Ergebnissen? Die Energy Watch Group etwa sagt, der Peak war 2006, die ASPO erwartet ihn für 2010.

Das sind unterschiedliche Peaks für unterschiedliche Ölsorten. Öl ist nicht gleich Öl. Die Sorten unterscheiden sich hauptsächlich hinsichtlich ihrer Viskosität. Da ist zunächst das dünnflüssige Öl mit wenig Viskose. Das ist leicht förderbar, weil die Ölvorkommen meist an Land liegen. Bei diesem Öl hatten wir den Peak sehr wahrscheinlich 2005. Dieser Peak ist nicht ganz zu vernachlässigen, weil diese Art von Öl etwa 85 Prozent der weltweiten Förderung ausmacht. Die ASPO prognostiziert den Gesamt-Peak für sämtliche geförderte Ölsorten für 2010. Wenn Sie die Mineralölwirtschaft fragen, werden die Ihnen natürlich etwas anderes sagen. Die beziehen auch die so genannten nicht konventionellen Ölsorten mit ein in ihre Prognose, ...

... Ölsande, Ölschiefer, Öl aus Tiefseebohrungen ...

... und machen daraus eine große Option auf die technischen Fortschritte und überhaupt auf die Zukunft. Das macht die ASPO nicht. Diese angeblichen technischen Fortschritte sind alle längst bekannt. Es gibt keine "break throughs", das ist nur Augenwischerei.

Sie haben selbst lange in der Mineralölwirtschaft gearbeitet.

Ich war 14 Jahre bei der Shell, ich habe hauptsächlich in der Feldesentwicklung gearbeitet, war viel in der Forschung, aber auch draußen, in Oman fünf und in Venezuela zwei Jahre, dort habe ich ein Feld mitentwickelt. Dann habe ich bei der Veba in den Niederlanden noch ein Feld in der Nordsee mitentwickelt. Später habe ich Forschungsprojekte über Feldentwicklung durchgeführt. Die Technologien, die da eingesetzt werden, sind uralt. Es gibt keine Option auf die Zukunft. Wollen Sie etwas zu Teersanden hören?

Ja, natürlich.

Die werden bergmännisch abgebaut, sind also mit konventionellen Ölvorkommen, die weit unter Tage liegen, überhaupt nicht vergleichbar. Teersande müssen erst in verwendbares Rohöl überführt werden. Das ist ein aufwändiger Prozess, der viel Wasser und Energie kostet. Die Energieeffizienz von Teersanden liegt etwa bei 50 Prozent: Man investiert einen Liter Öl, um zwei Liter rauszukriegen. Im Vergleich zu den konventionellen Ölvorkommen ist das eine desaströse Bilanz.

Aber dennoch werden Ölsande abgebaut. Das scheint sich doch zu lohnen.

Das wird vollkommen überdreht dargestellt. Bezogen auf die Weltförderung machen Öle aus Teersanden derzeit zwei bis drei Prozent aus. Die Pläne der Industrie sind sehr ambitioniert, die wollen das in den nächsten Jahren hochfahren auf fünf bis sechs Prozent. Aber selbst dann wären Teersande eine vernachlässigbare Größe. Es wäre unsinnig, da große Hoffnungen draufzusetzen.

Wie ist es mit den Tiefseebohrungen?

Da gibt es sicher leichtes Öl, aber da kommen Sie schwer ran. Diese Felder liegen in mehreren tausend Metern Wassertiefe und sind im Vergleich zu den großen konventionellen Feldern meist relativ klein. Als kürzlich vor Brasilien ein Tiefseefeld gefunden wurde, ging ein Jubel durch die Medien, nach dem Motto: Wir sind gerettet, endlich wieder billiges Öl! Das können Sie vergessen. Wenn die Felder, die heute gefunden werden, überhaupt jemals die Produktion aufnehmen, dann vergehen bis dahin mindestens fünf bis zehn Jahre. In der Zwischenzeit sind so viele konventionelle Vorkommen eingebrochen, dass uns das überhaupt nichts nützt.

Warum streiten Unternehmen wie Shell hartnäckig ab, dass es Peak Oil gibt?

Ich habe neulich bei einem großen Autohersteller einen Vortrag gehalten. Da war auch ein Vertreter von Shell. Explizit geleugnet hat er den Peak nicht; er sprach von einem "Plateau". Ich fand das ganz witzig: Vor ein paar haben die gesagt, wir haben überhaupt kein Problem, jetzt befinden wir uns auf einem "Plateau". Früher oder später werden sie schon noch von Peak Oil reden. Die Autofirmen scheinen übrigens zu wissen, in welch missliche Lage Peak Oil sie versetzt.

Wie ist es mit den Regierungen?

Das wundert mich schon eher. Je weniger Öl ein Land hat, umso lauter beteuert seine Regierung, dass es keine Schwierigkeiten gebe. Für die Bundesregierung gilt das auch. Das sind ganz hartgesottene Brüder.

In den "Blättern für deutsche und internationale Politik" erschien im vergangenen Jahr ein Aufsatz, in dem unterstellt wird, die Amerikaner hätten gemerkt, dass es zu spät ist, sich zivil auf Peak Oil vorzubereiten. Daher investiere man nun in Rüstung und Kriege. Ist Ihnen so eine Argumentation zu polemisch?

Wann und ob die amerikanische Regierung gemerkt hat, dass der Peak kommt, kann ich nicht beurteilen. Auffällig ist aber, dass diese Kriege Ressourcenkriege sind. Wahrscheinlich haben die Amerikaner sich überlegt, so lange im Irak zu bleiben, bis das Öl gefördert ist. Nützen wird ihnen das nichts, der Peak kommt trotzdem. Im Sudan sind es die Chinesen, die sich dort einkaufen. Die einzigen, die sich ins Fäustchen lachen, sind die Russen.

Weil sie selbst genug Öl haben.

Die Russen sind die einzige Weltmacht, die noch exportiert, sie sind nach Saudi-Arabien der zweitgrößte Ölexporteur. China hat auch eine Menge Öl, ist aber vor zehn Jahren vom Netto-Exporteur zum Netto-Importeur geworden. Die USA importieren gegenwärtig rund 60 Prozent ihres Ölbedarfs aus anderen Ländern.

Wann werden wir merken, dass das Öl knapp wird?

So richtig werden die Folgen bei uns spürbar, wenn Benzin und Heizöl rationiert werden.

Wann wird das sein?

Das kann ich nicht vorhersagen. Eigentlich hätte man es längst machen müssen. Spätestens wenn es zu Schlangen an den Tankstellen kommt, wird man Benzin kontingentieren müssen, damit die Leute sich nicht gegenseitig umbringen. Wir sind zu 98 Prozent abhängig von importiertem Öl. Mit ein bisschen Phantasie kann sich jeder die Folgen von Peak Oil selbst ausmalen.

Die "Zeit" hat Sie im April 2006 mit den Worten zitiert: "In dieser Legislaturperiode wird es ernst." Die Legislaturperiode dauert nur noch rund anderthalb Jahre.

Warten Sie's ab. Wir stecken doch schon mitten in den Schwierigkeiten. Auch der Finanzkollaps hat mit dem Öl zu tun. Da kommt einiges auf uns zu.

Verfolgen Sie die Entwicklung der Ölpreise?

Natürlich. Vor fünf Jahren waren die aktuellen Preise noch undenkbar. Aber an den Tankstellen kriegen Sie noch immer jede Menge Benzin für 1,40 Euro pro Liter.

Wenn der Ölpreis steigt, wird das selten mit Peak Oil begründet, sondern mit ...

Die Gründe sind immer die gleichen: Das sind die Spekulanten, die gierigen Ölscheichs, ...

... Unruhen in Nigeria ...

... die "Unruhen"! Das Hintergrundrauschen der "Unruhen" gibt es permanent. Nur der Begriff "Ressourcenerschöpfung" taucht nirgends auf, das ist geradezu ein Unwort. Aber wenn der Ölpreis über sechs Jahre kontinuierlich steigt, dann ist das nicht die Folge von Spekulationen oder Unruhen. Das sind Erschöpfungsprobleme!

Was würden Sie empfehlen? Ausweichen auf erneuerbare Energien, Atomenergie?

Das sind alles keine Lösungen. Beim Uran sieht es ähnlich aus wie bei fast allen Rohstoffen. Und die erneuerbaren Energien werden uns beim Verkehr nicht helfen. Auf dem Antriebssektor gibt es keine Alternative! Seit Jahrzehnten wird von Brennstoffzellen, Elektroautos, Ein-Liter-Autos und dergleichen geschwätzt, aber nichts ist passiert.

Ist es nicht so, dass die Automobilindustrie diese Alternativen eher verhindert als gefördert hat?

Ob das Absicht der Autoindustrie ist oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Aber all diese Alternativen bedeuten "sparen" und mit 50 bis 60 statt 200 km/h unterwegs zu sein - also eine angebliche "Reduktion des Lebensstandards" oder ein "Angriff auf die Freiheit", was schlichtweg nicht vereinbar ist mit der Wachstumsgesellschaft, in der sich doch jeder den Traum vom eigenen SUV erfüllen soll.

Was müsste passieren?

Viel, besonders eine drastische Reduktion des Verbrauchs im Verkehrssektor. Aber bei uns werden ja selbst die einfachsten Maßnahmen nicht umgesetzt. Das Tempolimit beispielsweise ist völlig tabu. Bevor sich etwas ändert, müssten erst einmal Politik, Wirtschaft und Gesellschaft einsehen, dass hier etwas schief läuft, das mit den üblichen Instrumentarien "des Marktes" nicht verhindert werden kann. Davon sind wir weit entfernt. Die Leute fahren 200 Meter bis zum Bäcker mit dem Auto, auf den Autobahnen wird gerast wie eh und je. Es gibt keinerlei Bewusstsein für die Schwierigkeiten, in denen wir stecken. Dieses Interview ist auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Das klingt ziemlich pessimistisch.

Das ist kein Pessimismus. Die Leute haben Jahrtausende ohne Benzin, Öl und Kerosin gelebt. Der Natur ist es vollkommen egal, ob die Leute an Peak Oil glauben oder nicht.

Sie meinen, irgendwie wird's schon weitergehen.

Der Mensch wird es nicht schaffen, die Welt zu vernichten. Die Menschheit entzieht sich aber die Lebensgrundlage, und die Menschen werden sich in der Zahl gewaltig dezimieren müssen. Wenn es gelingt, das Wachstumsdogma zu überwinden, sieht die Zukunft gar nicht so schlecht aus.

Mit Wolfgang Blendinger sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de