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Gigantische Schweinerei: Abbau von Ölsanden in Kanada.
Gigantische Schweinerei: Abbau von Ölsanden in Kanada.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ölbohrungen in der Tiefsee: "Es kracht halt regelmäßig"

Bei Tiefseebohrungen wird es immer wieder zu Unfällen kommen, sagt der Erdölgeologe Wolfgang Blendinger. Ihn wundert, "dass hier viel Lärm um eine Sache gemacht wird, die im Moment vielleicht spektakulär erscheint, die aber bei weitem nicht so schlimm ist wie die chronischen Verschmutzungen im Zusammenhang mit der Ölgewinnung und dem Ölverbrauch". Der Abbau von Teersanden in Kanada sei eine viel größere Umweltsauerei als die Ölpest im Golf von Mexiko.

n-tv.de: Haben Sie eine Vorstellung, wie es zu dem Unglück gekommen ist?

Wolfgang Blendinger: Bislang ist das zum großen Teil Spekulation. Offenbar war es ein Blowout, also ein unkontrollierter Austritt von Öl, aber es gibt unterschiedliche Arten von Blowouts. Noch ist ja nicht einmal klar, warum die Plattform in Brand geraten ist. Denn damit scheint es ja angefangen zu haben: Zuerst ist der Bohrturm abgebrannt und im Meer versunken. In der Folge oder parallel dazu gab es am Meeresboden den Abriss, der zum Austritt von Öl führte.

Ein Ventil unten am Bohrloch, ein sogenannter Blowout-Preventer, soll versagt haben.

Auch das ist im Moment noch Spekulation. Tatsache ist, dass etwas versagt hat, was nicht hätte versagen dürfen. Diese Blowout-Preventer sollen dafür sorgen, dass man bei einem unkontrollierten Austritt ein Ventil zumachen kann. Aber natürlich ist ein Blowout-Preventer nur so gut wie seine eigene Abdichtung. Das ist eine kniffelige Angelegenheit, man kann diese Blowout-Preventer ja nicht im Felsen verankern, sondern nur mit den Rohren verbinden, die ins Bohrloch gehen. Diese Verrohrung wird teleskopartig immer dünner; dass sind einzelne Rohre, die nicht miteinander verschraubt sind, sondern mit einer Art Beton verbunden werden. Wenn der Beton nicht hält, kann es sein, dass der Blowout-Preventer in die Luft fliegt.

Im Golf von Mexiko strömen täglich rund 700 Tonnen Rohöl ins Meer ...

Unfälle lassen sich nicht vermeiden: "Wir haben die Sache schlicht und ergreifend nicht vollständig im Griff."
Unfälle lassen sich nicht vermeiden: "Wir haben die Sache schlicht und ergreifend nicht vollständig im Griff."(Foto: dpa)

Das wissen wir nicht, das kann niemand messen, weil da unten alles kaputt ist. Das kann man nur schätzen. Und die Schätzungen reichen von 1000 Fass pro Tag im günstigsten Fall - pro Fass 159 Liter! - bis zur 169-fachen Menge. Das ist die Schätzung von BP im ungünstigsten Fall: 169.000 Fass pro Tag. Ich vermute, dass das die sogenannte Bohrungskapazität ist, also die Menge, die vor dem Unglück aus der Bohrung geströmt wäre, wenn man das Öl hätte ungehindert fließen lassen.

Glauben Sie, dass BP das Bohrloch schließen kann?

In den meisten Fällen ist das in der Vergangenheit auf die eine oder andere Art gelungen. Wir haben hier allerdings erschwerte Umstände, weil die Unglücksstelle 1,5 Kilometer unter dem Meeresspiegel liegt. Mit Unfällen in einer solchen Tiefe gibt es keine Erfahrungen. Die einfachste Methode, das Bohrloch abzudichten, ist vermutlich die Kuppel, die dort aufgesetzt werden soll.

Wie funktioniert das?

Im Prinzip ist das ganz primitive Mechanik: Da wird eine Kuppel mit einem großen Gewicht auf das Bohrloch gesetzt. Das Öl sammelt sich unter der Kuppel und wird an die Oberfläche abgeleitet. Eine dauerhafte Lösung ist das nicht, weil auf dem Meeresboden um die Bohrstelle herum alle möglichen Unebenheiten natürlicher und auch künstlicher Art sind. Aber es ist ein Zeitgewinn. Danach kann man eine Entlastungsbohrung starten, um den Druck von der Unfallstelle wegzunehmen.

In so großer Tiefe ist eine solche Kuppel noch nie auf ein leckes Bohrloch gesetzt worden.

Da möchte ich nicht unken und sagen, dass das nicht funktioniert. Technologisch gesehen ist das eine ganz einfache Methode.

Ist nicht zu erwarten, dass das Öl einfach irgendwann von alleine aufhört zu sprudeln?

Wenn so eine Ölquelle ungehindert sprudelt, dann kommt dabei nicht nur Öl raus, sondern auch Gas und Gesteinspartikel. Die können dafür sorgen, dass die Unfallstelle im Laufe der Zeit von selbst verstopft. Das kommt sehr häufig vor. Man kann nur nicht vorhersagen, wann es passiert.

Sie haben es erwähnt, das Bohrloch liegt in einer Tiefe von 1500 Metern. Wie viel Erfahrung haben die Ölgesellschaften mit solchen Tiefen?

Schwimmende Barrieren sollen verhindern, dass das Öl das Marschland erreicht. Mit einer Kuppel will BP das Bohrloch abdichten.
Schwimmende Barrieren sollen verhindern, dass das Öl das Marschland erreicht. Mit einer Kuppel will BP das Bohrloch abdichten.(Foto: dpa)

Gebohrt wird in solchen Tiefen schon seit vielen Jahren. Das ist nicht unbedingt Neuland. Trotzdem bleibt die große Entfernung zwischen der Wasseroberfläche und dem Bohrloch ein Problem. Eineinhalb Kilometer sind eine gewaltige Distanz, da kommt man nicht direkt hin, nur indirekt, etwa mit einem Roboter. Da wird sehr deutlich, dass dieses ganze Gerede von technologischem Fortschritt nur Geschwätz ist. Wir haben die Sache schlicht und ergreifend nicht vollständig im Griff.

Die Ölfirmen bohren in immer größeren Tiefen. Wird das Risiko von Unfällen damit größer?

Das kann man so pauschal nicht sagen, denn die Sicherheitsvorkehrungen der Ölfirmen werden auch immer besser. Auf der anderen Seite: Je komplexer die Bohrungen sind, umso komplexer sind auch die Maßnahmen nach einem Unfall. Jeder Unfall läuft anders ab und hat andere Ursachen. Da kann man keinen Plan A oder B aus der Schublade ziehen.

Also doch immer mehr Unfälle?

Es ist nicht so, dass bald jeden Tag ein Unfall zu erwarten ist, aber es kracht halt regelmäßig. Das kann man letztlich nicht verhindern. Zumal es häufig ganz einfache Dinge sind, die versagen. Solche Unfälle lassen sich auch mit noch so ausgeklügelten Sicherheitsvorschriften nicht verhindern.

Greenpeace sagt, dass nicht nur spektakuläre Ölkatastrophen wie jetzt im Golf von Mexiko die Meere belasten, sondern auch der alltägliche Austritt von Öl. In die Nordsee würden jährlich 20.000 Tonnen Öl geleitet, der Nordseeboden an den Plattformen sei praktisch tot.

Ach, Greenpeace mag es gern spektakulär. Die ganz unspektakuläre Tatsache, dass wir Tag für Tag 85 bis 86 Millionen Barrel Öl in CO2 umwandeln, ist doch die größere Sauerei. Dagegen ist dieser Oilspill im Golf von Mexiko vergleichsweise lächerlich. Von der Menge her ist das sehr wahrscheinlich auch deutlich weniger als die Ölmenge, die 1991 in Kuwait ausgetreten ist, als die abziehenden Iraker halb Kuwait unter Öl gesetzt haben. Das hat damals niemanden interessiert. Und diese latenten Umweltsauereien, die beim Abbau von Teersanden in Kanada passieren, sind summa summarum wahrscheinlich viel größer als das, was derzeit im Golf von Mexiko abläuft. Natürlich ist das eine schlimme Sache, aber in ein paar Wochen haben sich alle abgeregt.

Und dann?

Dann wird weitergemacht wie bisher.

Was ist die Alternative?

Hier wird viel Lärm um eine Sache gemacht wird, die im Moment vielleicht spektakulär erscheint, die aber bei weitem nicht so schlimm ist wie die chronischen Verschmutzungen im Zusammenhang mit der Ölgewinnung und dem Ölverbrauch. Und das droht noch schlimmer zu werden. Wir machen immer wieder Experimente mit den sogenannten Ölschiefern: Da bleiben hoch toxische Abfälle zurück. In großen Mengen ist das mindestens so problematisch wie die Teersande.

Wird Ölschiefer denn schon in großem Stil abgebaut?

Der Abbau der Ölsande am Fluss Athabasca in der kanadischen Provinz Alberta erstreckt sich über ein Gebiet, das größer ist als Bayern. Und die Fläche wächst noch immer.
Der Abbau der Ölsande am Fluss Athabasca in der kanadischen Provinz Alberta erstreckt sich über ein Gebiet, das größer ist als Bayern. Und die Fläche wächst noch immer.(Foto: NASA)

Zum Teil wird Ölschiefer in Ländern wie China und Russland zur Stromerzeugung eingesetzt, aber in großem Stil wird er bislang nicht abgebaut. Aber Ölschiefer und Teersande sind ja die immer wieder angeführte Zukunftshoffnung; darauf will man setzen, wenn das Öl knapp wird. Die dann zu erwartenden Umweltbelastungen werden um einiges höher sein als das, was im Golf von Mexiko passiert. Schauen Sie sich mal Satellitenbilder von den Tagebauen in Kanada an. Das sieht aus wie Braunkohletagebau zu dreckigsten DDR-Zeiten - das ist eine gigantische Schweinerei.

Sind Tiefseebohrungen besser als Teersande?

Das ist die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub. Ich persönlich würde sagen: Verbietet den ganzen Zirkus, wenn euch die Umwelt lieb ist. Wenn man künstlich ins natürliche Gleichgewicht der Erde eingreift, ist das irgendwann nicht mehr beherrschbar.

Keine Tiefseebohrungen? Ohne Öl läuft doch so gut wie nichts?

Wolfgang Blendinger ist Professor für Erdölgeologie an der TU Clausthal und Vorsitzender der deutschen Sektion von ASPO, der Association of the Study of Peak Oil and Gas.
Wolfgang Blendinger ist Professor für Erdölgeologie an der TU Clausthal und Vorsitzender der deutschen Sektion von ASPO, der Association of the Study of Peak Oil and Gas.

Die Mengen, die aus der Tiefsee kommen, liegen im unteren Prozentbereich, bezogen auf die Gesamtmenge, die wir fördern. Aber klar, wenn wir freiwillig auf ein paar Millionen Barrel Tiefseeöl verzichten würden - was natürlich völlig utopisch ist, das wird nie passieren -, dann steigt natürlich der Preis.

Wir könnten uns umstellen.

Sie und ich vielleicht, auch viele andere, aber solange die Wirtschaftsinteressen von Staaten und großen Konzernen vom Öl abhängen, sehe ich da eher schwarz. Nur aus besserer Einsicht werden die nicht das Notwendige tun.

Mit Wolfgang Blendinger sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de