Politik

Kindersoldaten von Uganda: Gezeichnet für ihr Leben

Sie sind jung. Sie haben das ganze Leben vor sich. Und sie sind schon für ihr Leben gezeichnet, die Kindersoldaten von Uganda. Sie wurden aus ihren Dörfern entführt, misshandelt, gedrillt, zu Gräueltaten gezwungen. Weltweit wird ihre Zahl auf 250.000 bis 300.000 geschätzt, allein in Afrika auf 120.000. Im Norden Ugandas hat die "Widerstandsarmee des Herrn" (LRA) mehr als 25.000 Jungen und Mädchen missbraucht. Die Kindersoldaten sind Täter und Opfer zugleich. Christine ist eine von ihnen. Bundespräsident Horst Köhler hat in Gulu bei seinem Uganda-Besuch mit der ehemaligen Kindersoldatin gesprochen.

Die Geschichte Christines hat der Autor Sönke C. Weiss aufgeschrieben. In seinem Buch "Das Mädchen und der Krieg" nennt er sie Hope, um sie vor Nachstellungen zu schützen. "Die Regeln, die sie lernt, sind eindeutig und einfach. Hope lernt schnell, dass die Widerstandsarmee des Herrn äußerst straff und brutal organisiert ist, Widersprüche sind tödlich: Wer unaufgefordert redet, wird getötet. Wer zu fliehen versucht, wird getötet. Wer Befehle verweigert, wird getötet. Wer im Kampf verwundet wird, bleibt zurück."

Christine ist im Alter von zwölf Jahren entführt worden. Ende 1996 überfällt die LRA ihr Dorf, erschießt ihren Großvater, raubt die wenigen Habseligkeiten, verschleppt ihren Vater, andere Kinder und sie. Wer beim folgenden Gewaltmarsch nicht mithalten kann, wird erschossen. Die rücksichtslosen Entführer sind Kinder. 80 Prozent der LRA sind Kindersoldaten. Jan Egeland, Vizegeneralsekretär für Humanitäre Angelegenheit und Koordinator für Nothilfe der UN, nennt sie die "wohl brutalste Rebellengruppe der Welt". Wer nicht pariert, erleidet unvorstellbare Grausamkeiten. Ohren, Nasen, Lippen, Gliedmaßen werden abgehackt oder abgeschnitten. Oft werden die Kinder gezwungen, nahe Verwandte, Vater oder Mutter umzubringen.

Mehr als 20 Jahre terrorisiert die vom Rebellenführer Joseph Kony angeführte LRA die Bevölkerung im Norden Ugandas. Kony ist ein pseudoreligiöser Fanatiker. Von seinen Anhängern wird er als Prophet verehrt, für unverwundbar gehalten. Kony sieht sich als Freiheitskämpfer. Er will einen fundamentalistisch-christlichen Gottesstaat errichten, ein politisches Programm hat er nicht.

Wenn Töten zum Alltag wird

Seit 1986 töteten Angehörige der LRA Schätzungen zufolge mehr als 100.000 Menschen. "Ich bekomme zwar Alpträume davon, aber Töten ist für mich normal geworden, wie Händeschütteln bei einer Begrüßung", wird in einem Bericht ein Kindersoldat zitiert. Ein Schulleiter berichtet: "Die Zukunft von Ugandas Norden ist in Gefahr. Die Kinder kennen nur Krieg, Gewalt, Ungerechtigkeit, Vergewaltigung, sexuellen Missbrauch, Hunger, Tod, Rache und Armut und sie werden vernachlässigt, selbst wenn sie krank sind."

Christine erleidet ein Schicksal wie Tausende. Als Sexsklavin muss sie dem Vize-Anführer der LRA, Vincent Otti, und anderen dienen. Nach fast zweijähriger Gefangenschaft gelingt ihr - inzwischen schwanger - endlich die Flucht.

Im Lager Coo Pe, das Köhler besucht, gibt es viele solche Schicksale. Da ist der inzwischen 37-jährige Okemg Partrick. Er wurde 1986 entführt und blieb neun Jahre in der Gewalt der LRA. Zwei Kugeln hat er noch im Körper von einem Feuergefecht zwischen der LRA und Regierungssoldaten. Sein größter Wunsch ist eine Operation. Andere hat es noch schlimmer getroffen. Einer 50-jährigen Frau fehlen die Füße. Ein 41-jähriger Mann hat keine rechte Hand mehr.

Köhler ist sichtlich berührt von den Eindrücken seines Besuchs. "Ich bin auf Eurer Seite", ruft er bewegt den vielen Menschen zu, die seinen Worten lauschen. Gerade hat der Sänger und Afrika-Botschafter Wolfgang Niedecken von der Gruppe BAP, der Köhler schon zum zweiten Mal auf einer Afrikareise begleitet, unter großer Zustimmung des Publikums seinen "Gulu"-Song vorgetragen. An seiner Seite Christine. Sie ist jetzt eine 22-jährige hübsche und selbstbewusste Frau, die ihr Abitur gemacht hat und hilft, ehemalige Kindersoldaten wieder in ihre Familien und Gemeinden einzugliedern. Aus der Anonymität ist sie herausgetreten. Ihr Peiniger Otti soll auf Befehl des LRA-Führers Kony umgebracht oder sogar selbst von ihm ermordet worden sein.

Von Norbert Klaschka, dpa

Quelle: n-tv.de