Politik

Antisemtische Inhalte: Hamas-Charta neu übersetzt

(Von Ulrich W. Sahm, Jerusalem)

"Der Prophet - Andacht und Frieden Allahs sei mit ihm - erklärte: Die Zeit wird nicht anbrechen, bevor nicht die Muslime die Juden bekämpfen und sie töten; bevor sich nicht die Juden hinter Felsen und Bäumen verstecken, welche ausrufen: Oh Muslim! Da ist ein Jude, der sich hinter mir versteckt; komm und töte ihn!"

Der Spruch aus dem Hadith des El-Buchari, der religiösen Traditionsliteratur des Islam, ist nicht das einzige antisemitische Element in der 1988 verfassten Hamas-Charta, dem Programm der stärksten Partei im palästinensischen Parlament.

"Die Islamische Widerstandsbewegung entnimmt ihre Richtlinien dem Islam: Auf den Lehren des Islam gründet ihr Denken, ihre Interpretationen und Vorstellungen über die Existenz, das Leben und die Menschheit." So steht es in Artikel 1 der Charta. Ihre religiösen Argumente sehen keinen Raum für einen jüdischen Staat im Nahen Osten vor. Die Hamas kämpft dafür, dass "das Banner Allahs über jeden Zentimeter von Palästina aufgepflanzt wird." Weiter heißt es: "Für die Palästina-Frage gibt es keine andere Lösung als den Dschihad (Heiliger Krieg). Die Initiativen, Vorschläge und internationalen Konferenzen sind reine Zeitverschwendung, eine sinnlose Praxis."

Gemäß einer Recherche der israelischen Zeitung "Jerusalem Post" wollen Vertreter der Hamas in Beirut, Damaskus und London die Charta neu formulieren.

Der aus Hebron stammende Direktor des Londoner Instituts für islamisches politisches Denken, Dr. Azzam Tamimi, 51, erklärte der Zeitung in einem Telefon-Interview: "Der ganze Schwachsinn zu den Protokollen der Weisen von Zion und die Verschwörungstheorien wird verschwinden. Das hätte da nie drinstehen dürfen."

Diese Parteiplattform der Hamas verkündet, dass die Juden in aller Welt ungeheuren Reichtum angehäuft und die Medien unter ihre Kontrolle gestellt hätten. Sie hätten die französische Revolution provoziert und seien Schuld am Kommunismus. Die Juden, in dem Text als "die Feinde" bezeichnet, hätten den Ersten und sogar den Zweiten Weltkrieg ausgelöst, um sich an Rüstungsgeschäften zu bereichern.

Stilistisch bemerkenswert sind Koranzitate, die jedem Artikel angehängt wurden. So entsteht der Eindruck, die Absichten der Hamas seien göttlicher Wille. So werden die angeblichen jüdischen Machenschaften von Allah gestraft: "Wenn sie das Feuer des Krieges entzünden, wird Allah es auslöschen. Sie wollen Verderben im Land streuen, aber Allah liebt nicht jene, die Böses tun." (Koran, 5:64)

Eine Umfrage der "Jerusalem Post" unter Hamas-Aktivisten und Abgeordneten ergab, dass einige von den antisemitischen Paragraphen in ihrem Parteiprogramm gar nichts wussten. Sie behaupteten, dass nicht Juden, sondern Israelis gemeint seien. Dr. Tamimi erklärte, dass die "Protokolle der Weisen von Zion" ein "völlig falsches Buch seien", in der Tat eine Fälschung des zaristischen Geheimdienstes von 1910. Sie hätten in der Hamas-Charta "nichts zu suchen". Sheikh Yasser Mansour aus Nablus, Nummer 5 auf der nationalen Liste der Hamas, will eine Umformulierung der Charta nicht ausschließen: "Sie ist nicht der Koran."

Die arabische Originalfassung der Hamas-Charta sei nur schwer aufzutreiben, behaupten Mitarbeiter von MEMRI, dem Middle East Media Research Institute mit Sitz in Washington, Jerusalem und Berlin. Das Institut hat eine neue und vollständige Übersetzung aus dem Arabischen angefertigt und im Internet veröffentlicht.

Der deutsche Forscher Dr. Matthias Küntzel arbeitet an der ersten vollständigen Übersetzung der Charta ins Deutsche. Wegen wissenschaftlicher Meinungsverschiedenheiten bei Formulierungen hat er bisher im November 2002 nur Auszüge in der Zeitschrift "Junge World" publiziert.

Quelle: n-tv.de