Politik
Bereits in der Nacht stehen die Menschen Schlange vor der RAM-Klinik in Wise im Bundesstaat Virginia ...
Bereits in der Nacht stehen die Menschen Schlange vor der RAM-Klinik in Wise im Bundesstaat Virginia ...(Foto: REUTERS)
Freitag, 31. Juli 2009

Angewiesen auf kostenlose Behandlung: Kranke hoffen auf Obama

Tausende sind gekommen in der Hoffnung auf Heilung. Sie schlafen auf freiem Feld in Zelten und Autos, schützen ihre Babys mit warmen Decken gegen die Kälte der Nacht, stehen stunden- und tagelang geduldig in Warteschlangen. Was sie hergelockt hat, ist eine Wohltätigkeitsorganisation, die den Armen kostenlose ärztliche Behandlung verspricht. Nicht in den Elendsgebieten von Afrika oder Indien spielen sich diese Szenen ab, sondern mitten in den USA, dem reichsten Land der Erde. Während die Politiker in Washington zäh um eine Gesundheitsreform ringen, zeigt sich in der Provinz, wie krank das System wirklich ist.

... und übernachten in ihren Autos, ...
... und übernachten in ihren Autos, ...(Foto: REUTERS)

Im Jahr 1985 hat der Brite Stan Brock die ehrenamtliche Ärzteorganisation Remote Area Medical (RAM) gegründet, die US-Bürgern ohne Krankenversicherung in abgelegenen Regionen kostenlose Behandlung bietet. In dieser Woche waren die Ärzte in der alten Bergbausiedlung Wise im Bundesstaat Virginia zu Gast, wo die Not groß und das Geld knapp ist. Wie im Akkord behandelten sie mehr als 2700 Menschen in Zelten auf dem örtlichen Messegelände. Sie zogen Eiterzähne, setzten Insulinspritzen, maßen die Sehstärke und verteilten gespendete Brillen. "Für die Armen hier sind die RAM-Teams eine Chance, endlich eine wirkliche Behandlung zu bekommen", sagt Brock.

Kein Geld für einen kaputten Weisheitszahn

Unter den Patienten ist der Lastwagenfahrer Daniel Moore, dessen Schicksal viel über die Unzulänglichkeit des Gesundheitssystems in den USA erzählt. "Mein Weisheitszahn ist seit einem Jahr kaputt, aber ich kann mir die tausend Dollar für den Zahnarzt nicht leisten", sagt der 38-Jährige. "Mein Arbeitgeber zahlt nicht für die Krankenversicherung." Moore verdient knapp unter 3000 Dollar (rund 2140 Euro) im Monat, er stottert noch eine Hospitalrechnung über 13.000 Dollar wegen einer Lungenerkrankung ab, sein 20-jähriger Sohn hat Diabetes und braucht teures Insulin. "Das alles ist manchmal schwer auszuhalten", sagt Moore.

... um sich kostenlos ein Muttermal entfernen ...
... um sich kostenlos ein Muttermal entfernen ...(Foto: REUTERS)

Bislang sind Arbeitgeber in den USA nicht verpflichtet, ihren Angestellten Geld für die Krankenkasse zu zahlen. Private Versicherungen sind teuer, sie zahlen für viele Behandlungen nicht, und Menschen mit einer Vorgeschichte schwerer Krankheiten werden abgewiesen. Moores Sohn etwa wurde mit 19 Jahren trotz Diabetes aus der staatlich bezuschussten Kinderkrankenversicherung ausgeschlossen. In den vergangenen Monaten kam er zwei Mal ins Krankenhaus, weil er kein Insulin hatte.

Obama will universelle Versicherung ...

Die 50-jährige Cindy Ridings hofft, dass der Plan von US-Präsident Barack Obama im Washingtoner Kongress eine Mehrheit findet. Obamas Ziel ist es, in den USA eine universelle Versicherung einzuführen, die allen Bürgern Zugang zu einer Kasse ermöglicht. Ridings hat wie so viele andere US-Bürger ihre Stelle verloren und damit auch ihre Krankenversicherung. "Nur mit der Hilfe Gottes komme ich über die Runden", seufzt sie. Das wenige Geld, das sie hat, reicht gerade für die Medikamente gegen ihr Asthma und die Diabetes.

... oder ihre Zähne behandeln zu lassen.
... oder ihre Zähne behandeln zu lassen.(Foto: REUTERS)

Etwa 47 Millionen US-Bürger, etwa ein Sechstel der Bevölkerung, haben keine Krankenversicherung. Selbst jene, die eine Versicherung haben, sind nicht immer in Sicherheit. Der 54-jährige Paul Cook hat eine neunstündige Autofahrt aus Detroit auf sich genommen, um in Wise kostenlos seine kaputten Zähne richten zu lassen. Er ist Bestattungsunternehmer, hat eine Versicherung, die aber keine Zahnarztkosten übernimmt. "Für Leute, die sich keine Extra-Versicherung leisten können, ist RAM wirklich ein Segen", sagt Cook in einem der Zahnarztstühle, die unter einer weißen Markise aufgereiht sind.

... stößt aber auf Widerstand

Präsident Obama hat die Gesundheitsreform zu seinem innenpolitischen Kernanliegen erklärt, doch er stößt auf viel Widerstand. Politische Gegner fürchten astronomische Kosten, Lobbyistengruppen der Gesundheitsindustrie fürchten um ihre lukrativen Einnahmen, der Erfolg von Obamas Projekt ist offen. Bei den Armen in Wise ist die Hoffnung groß. "Das ist wohl der wichtigste Schritt, den jemals eine Regierung versucht hat", sagt Lkw-Fahrer Moore über die Reform.

Quelle: n-tv.de