Politik

Phosphor-Opfer in Gaza: Kritik an Israel wächst

Nafis Abu Schaban ist seit 15 Jahren Chefarzt der Abteilung für plastische Chirurgie und Verbrennungen im Schifa-Krankenhaus von Gaza. Doch solche Verletzungen hätte er in dieser Zeit noch nie gesehen, sagt er. Abu Schaban meint jene furchtbaren Verbrennungen, die er in seiner Abteilung bei etlichen Verletzten während der 22-tägigen israelischen Militäroffensive gesehen hat und die sich so schwer behandeln lassen. Wie sich erst nach und nach herausstellt, sollen sie von Phosphormunition stammen, die das israelische Militär bei der Offensive im Gazastreifen verwendet hat.

Experten der Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI), die kurz vor der Waffenruhe am 18. Januar in den Gazastreifen einreisen konnten, sahen inzwischen mit eigenen Augen noch schwelende Geschosshülsen herumliegen. "Wir fanden sie überall, auch in Wohngebieten", berichtet Donatella Rovera aus dem AI-Expertenteam. "Wir sahen welche, die mit Sand bedeckt waren, und wenn Kinder sie herumkickten, brannten sie erneut."

Israelische Armee will Munition prüfen

Angesichts von Vorwürfen will die israelische Armee prüfen, ob der Einsatz von Phosphormunition in ihrem Gaza-Feldzug gegen bestehende Regelungen verstoßen haben könnte. Um "jegliche diesbezügliche Unklarheit zu beseitigen", sei eine Untersuchungskommission ins Leben gerufen worden, hieß es in einer Stellungnahme der Armee. Die israelische Armee räumt bislang nur ein, Phosphormunition im unbebauten Gebiet eingesetzt zu haben.

Der weiße Phosphor, der in der Munition enthalten ist, verursacht Brände, die sich mit Wasser nicht löschen lassen. Kommt er mit menschlichem Gewebe in Berührung, führt Phosphor zu Brandwunden, die kaum zu heilen sind. Einige der Patienten hätten stundenlang fürchterliche Qualen gelitten, berichtet der Arzt. Unabhängige Informationen über zivile Phosphor-Opfer liegen aber bisher nicht vor.

Bei den ersten Patienten hatten er und seine Kollegen zunächst keine Ahnung davon, welcher Art von Verbrennungen sie hatten, sagt Abu Schaban. "Wir behandelten sie, wie man eben Verbrennungen behandelt", berichtet er. "Wir wuschen die Wunde mit Wasser und Salzlösung aus." Aber das machte es nur schlimmer. Erst da habe es den Ärzten gedämmert, dass die Verletzungen etwas mit weißem Phosphor zu tun haben könnten.

Langzeitfolgen nicht absehbar

"Von da an gingen wir anders vor", sagt Abu Schaban. "Wir bedeckten die Wunden zunächst mit Speisesoda und Verbandsstoff und operierten sie dann. Wir schnitten alles raus, bis wir gesundes Gewebe erreichten." Trotzdem ist sich der erfahrene Arzt nicht sicher, ob man die beste Behandlungsmethode gewählt habe. "Ich bin ja kein Waffenexperte", sagt er. Außerdem seien die Langzeitfolgen für ihn völlig unabsehbar.

Weltweit haben zahlreiche Armeen Phosphormunition in ihren Waffen-Arsenalen. Die Granaten, die leicht entzündlichen weißen Phosphor enthalten, werden vor allem abgefeuert, um Rauchwände zu erzeugen, die dem Feind die Sicht nehmen sollen. Der Einsatz in besiedeltem Gebiet ist nach geltenden internationalen Konventionen verboten. Der Gazastreifen mit 1,5 Millionen Einwohnern auf einer Fläche von 360 Quadratkilometern ist eines der dicht besiedeltsten Gebiete der Welt.

Abu Schaban betont, dass es sich bei allen Patienten mit diesen Verletzungen um Zivilisten gehandelt habe. Viele unter ihnen seien Kinder gewesen, "von einem Jahr aufwärts". Manchmal seien ganze Familien damit zu ihm gebracht worden, vom Kleinkind bis zum Großvater.

Ofira Koopmans, dpa

Quelle: n-tv.de