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Typisch französisch? Zumindest in einigen Teilen des Landes wird die Baskenmütze noch geschätzt.
Typisch französisch? Zumindest in einigen Teilen des Landes wird die Baskenmütze noch geschätzt.(Foto: Samira Lazarovic)

Klischee und Alltag: Unsere französischen Freunde

Von Samira Lazarovic

Baskenmütze, Baguette, Brie und Bardot. Fertig! Oder? Nach 50 Jahren lohnt es sich, das Bild über unsere europäischen Nachbarn etwas zu entstauben. Ein auf jeden Fall unvollständiger Blick auf französische Mythen und Alltag in Frankreich. Und auf das Geheimnis der französischen Frau.

Zur "Goldenen Hochzeit" darf man gerne mal ein bisschen sentimental werden: Diese unbeschwerte Lebenslust, diese Eleganz, einfach dieses ganze "savoir vivre"! In 50 Jahren deutsch-französischer Freundschaft hat sich hierzulande ein festes Frankreich-Bild geprägt, mit einer dicken Schicht Patina und jeder Menge Klischees überzogen.

Das gilt eigentlich auch schon für das Jubiläum an sich: Die Unterzeichnung des Élysée-Vertrags am 22. Januar 1963 wird als Geburtsstunde der deutsch-französischen Freundschaft gefeiert. Die Beziehung zwischen den beiden Ländern reicht jedoch weit länger zurück. Es gab Kriege, es gab aber auch unzählige Franzosen, die in allen Epochen in Deutschland lebten und die neue Heimat prägten: von Hugenotten über Revolutionsflüchtlinge bis hin zu Besatzungssoldaten. Noch Ende des 18. Jahrhunderts war jeder zehnte Berliner ein Franzose. Und lange seufzte man über die französischen Gewohnheiten der preußischen Könige: "Heute muss alles französisch sein, wer nicht Französisch redet, kommt zu Hofe nicht an, wer nicht Französisch redet, der muss ein Dummkopf sein."

Parlez-vous français?

Noch Friedrich der Große wurde wegen seines mangelhaften, vom französischen Vokabular durchsetzten Deutsch verspottet. Heute sind Anglizismen "en vogue", Französisch steht als Fremdsprache an zweiter Stelle.

Das liegt vor allem an der Tradition, weniger an der Motivation: Eltern gehen nicht selten auf die Barrikaden, wenn ihnen die Schule nicht spanisch genug vorkommt. Doch die deutschen Kultusminister setzen – auch mit Blick auf die derzeit mit Brimborium gefeierte Freundschaft – Französisch konsequent auf die Stundenpläne. Es müsse viel dafür getan werden, dass in Frankreich Deutsch und in Deutschland Französisch gelernt werde, mahnt auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Auch ohne Lehrpläne ist Deutschland nicht ganz frei von der französischen Sprache. Zu viele Wörter haben sich im Laufe der Jahrhunderte eingebürgert – wie das Portemonnaie, die Etikette, die Taille oder das Kotelett. Auch das Klischee ist ein Wortmigrant.

Aber Vorsicht: Wer sich hierzulande besonders gewählt ausdrückt, kann in Frankreich mit derselben Wortwahl für hochgezogene Augenbrauen sorgen. So steht "savoir-vivre" im Französischen ausschließlich für das gute Benehmen, die Lebenskunst ist "l'art de vivre". Die Chaiselongue steht nicht im Wohnzimmer, sondern im Garten, als Ausziehklappstuhl. Und in der Konditorei sollte man tunlichst kein Baiser bestellen – schon gar nicht in Verbform. Um ein unanständiges Angebot an die schöne Bäckersfrau zu vermeiden, sollte man unbedingt "une meringue" ordern. Auch der unentschlossene Stoßseufzer "Comme ci, comme ça" wird von Franzosen eher nicht geäußert – egal, wie unzufrieden sie gerade sein mögen.

"Die Franzosen sind doch aber auch nicht gerade bekannt für ihr Talent für Fremdsprachen", ruft da vielleicht einer. Das mag für ältere Generationen noch gelten (wie übrigens auch hierzulande), aber die Jugend holt auf. Einer Studie zufolge sprechen in Deutschland 92 Prozent der Jugendlichen Englisch, in Frankreich sind es 95 Prozent. Zweithäufigste Fremdsprache ist Spanisch, Deutsch liegt auf Platz 3.

Comme ci? Comme ça?

Markenzeichen der Unangepassten: Revolutionäre, Künstler und Intellektuelle schätzten die Baskenmütze. (hier Heinrich Böll)
Markenzeichen der Unangepassten: Revolutionäre, Künstler und Intellektuelle schätzten die Baskenmütze. (hier Heinrich Böll)(Foto: picture alliance / dpa)

Und welches Klischee können wir noch entstauben? Das von der Baskenmütze. Die weltweit als französisches Nationalsymbol geltende Kopfbedeckung ist heute vom Aussterben bedroht. Die südwestfranzösische Firma Béatex, die sich als letzte rühmen kann, das Original herzustellen, kämpft seit Langem gegen die Insolvenz. Die Nachfrage ist eingebrochen, das echte "béret basque" wird heute fast nur noch in der Region getragen, aus der es herkommt: dem Béarn. Denn der Fladen stammt mitnichten aus dem benachbarten Baskenland. Das ist allerdings ein höchst kaiserliches Missverständnis: Denn als Napoleon III. mit seiner Kaiserin Eugénie durch das Baskenland reiste, entdeckte er viele dieser ungewöhnlich geformten Mützen und gab ihnen kurzerhand diesen Namen.

Doch einige Vorurteile müssen doch stimmen – sonst hätte man sie schließlich nicht. Voilà: Der autoliebende Deutsche (um sich mal eines anderen Klischees zu bedienen) sollte seinen fahrbaren Untersatz im Frankreich-Urlaub tatsächlich lieber zu Hause lassen, wenn ihm Kratzer oder Beulen in der Karosserie (noch so ein Franzose) den Nachtschlaf rauben. Denn Stoßstangen sind für viele Franzosen immer noch die beste Einparkhilfe.

Auch preußische Pünktlichkeit ist bei unseren Nachbarn in der Tat keine Tugend. Bei einer Einladung wird der Franzose die Gastgeber nicht durch pünktliches oder gar überpünktliches Erscheinen in die Enge treiben – der perfekte Zeitpunkt zum Klingeln an der Tür liegt 15 bis 30 Minuten nach der vorgegebenen Zeit. Strenger geht es dagegen bei der  Trennung von Staat und Religion zu – wie Gretchen nach der Religion zu fragen, gilt im laizistischen Frankreich als überaus unhöfliches Eindringen in die Privatsphäre.

Bon appétit!

Landestypischer kann ein Brot nicht sein.
Landestypischer kann ein Brot nicht sein.(Foto: picture alliance / dpa)

Dass der liebe Gott sprichwörtlich in Frankreich wohnt, hat vor allem mit dem Ruf der Franzosen als absolute Feinschmecker zu tun – ein Klischee, das mit Vergnügen gepflegt wird. So hat die Regierung auch schon mal beantragt, die französische Küche auf die Unesco-Liste des Weltkulturerbes zu setzen. Zwar haben sich auch in Frankreich Fastfood-Ketten flächendeckend durchgesetzt. Andere Sitten, wie der "Coffee to go" haben es dagegen immer noch schwer, gegen den zivilisiert im Sitzen genossenen Café Creme anzukommen – auch wenn die geliebte Gauloise dazu nur noch unter freiem Himmel angezündet werden darf.

Die Arbeitswelt dreht sich auch im flächenmäßig größten Land der Europäischen Union immer schneller, doch die ausgedehnte Mittagspause bleibt heilig – ob man nun die Kantine nutzt, ein paar Crêpes isst oder sich eine Drei-Gänge-"Formule" im Restaurant um die Ecke gönnt. Dafür strebt der französische Arbeitnehmer im Regelfall seltener den pünktlichen Maurer-Feierabend an.

Die wichtigste Mahlzeit bleibt aber das Abendessen mit der Familie. Statt Schnittchen vor dem Fernseher darf es lieber ein warmes Essen mit bis zu fünf Gängen sein, besonders am Sonntag. Und das Baguette! Knusprig, zumindest für einige Stunden, darf es bei keinem Essen fehlen. Dunkles Brot wird dagegen immer noch eher misstrauisch beäugt. Ganz und gar kein Misstrauen erregen dagegen alle Sorten von Innereien oder wirklich äußerst kurz gebratenes Fleisch. Und das Fett wird der freundliche Fleischer auch nur auf ausdrücklichen Wunsch von Huhn oder Gans entfernen – es ist doch ein zu schöner Geschmacksträger.

Gegen das Vorurteil, ein ausgewiesener Weinkenner zu sein, hat der Franzose an sich in der Regel auch nichts einzuwenden, gehört es doch zum größten Nationalstolz, über einige der schönsten Weinanbaugebiete weltweit zu verfügen – ob im Beaujolais, in der Champagne, in Burgund oder im Elsass. Einen kleinen Krug des edlen Tropfens schon auf den Mittagstisch zu stellen, ist nichts Außergewöhnliches, keinen Wein zu einem schönen Abendessen zu reichen, dagegen sehr selten. Sind die Teller aber erstmal leer, ist in der Regel auch Schluss mit dem Wein – höchstens noch einen Digestif, fertig! Sich in deutscher Gemütlichkeit auf  der Wohnzimmercouch noch über die restliche Flasche herzumachen, ist nicht üblich.

La femme fatale

Mehrgängige Menüs, dazu reichlich Weißbrot, danach einen schönen, fetten Käse und das Ganze runtergespült mit schwerem Rotwein – das muss doch Spuren hinterlassen! Unfairerweise offenbar nicht. Franzosen sollen im Durchschnitt nicht nur weniger übergewichtig als Deutsche und US-Amerikaner sein, sie leben offenbar trotz des höheren Alkoholkonsums auch länger. Ein Phänomen, das seit 1819 als "französisches Paradox" bekannt ist, vermutlich schon viel länger den Neid auf sich zieht und dessen Verbreitung auch Zweifel der Weltgesundheitsorganisation nichts anhaben können.

Auch sie gehörte zu den begehrten und beneideten Frauen: Brigitte Bardot, Ikone der 60er Jahre.
Auch sie gehörte zu den begehrten und beneideten Frauen: Brigitte Bardot, Ikone der 60er Jahre.(Foto: AP)

Neue Höhen erreicht die Missgunst, wenn das Paradox auf die französische Frau bezogen wird. Wie kann man schlank und chic bleiben, wenn Diäten verpönt und Genuss angesagt sind? "Französinnen haben einfach schlank machende Gewohnheiten", verrät Schriftstellerin Mireille Guiliano ("Warum französische Frauen nicht dick werden"). Und welche sind das? Beim Essen von allem etwas, aber immer nur ein wenig. Und lieber mit der Familie und Freunden essen, als allein vor dem Fernseher.

Es ist aber nicht nur die schlanke Figur, um die die Französin beneidet wird. Ihr Ruhm gründet sich auch auf ihre geschmackvolle Kleidung und natürlich auf ihre sexuelle Anziehungskraft. Aber letzteres kann doch nicht an dem vielen Wasser liegen, das sie laut Guiliano zwischen dem ganzen Essen und dem Wein trinkt? Nein, sagen Sozialforscher. Es liegt an der gesellschaftlichen Definition der Frau als begehrenswertes Subjekt. Und dieses Begehren höre in Frankreich nicht automatisch auf, wenn eine Frau Mutter wird oder älter.

Mit einer vorschnell angenommenen und gerne verurteilten Frivolität habe das aber nichts zu tun. Eher mit der Akzeptanz der – durchaus reizvollen – Unterschiede zwischen den Geschlechtern und dem immer vorhandenen sexuellen Kontext, ob in der Jugend oder im Alter, ob privat oder beruflich. Als Paradebeispiel – auch für den pragmatischen Umgang beruflich erfolgreicher Frauen mit ihrem Kinderwunsch – gilt ein aufsehenerregender Auftritt der damaligen Justizministerin Rachida Dati. Fünf Tage nach der Geburt ihres Kindes stöckelte sie im taillierten Kostüm und hochhackigen Schuhen zur Kabinettssitzung. Dass ein weibliches Auftreten die Emanzipation behindert, daran hat in Frankreich noch keine starke Frau geglaubt – weder Coco Chanel noch die stets mit dem Attribut "elegant" versehene IWF-Chefin Christine Madeleine Odette Lagarde.

Bon ami

Auch bei langjährigen Freunden gibt es also noch viel zu entdecken – ob Gemeinsamkeiten oder Unterschiede. Vermutlich ließe sich alleine über die französische Frau noch das nächste halbe Jahrhundert rätseln. Damit das aber weiterhin so vergnüglich ist, sollte man auf den Rat einer deutschen Frau hören: "Die deutsch-französische Freundschaft muss weiterhin gepflegt werden", sagt Angela Merkel anlässlich des Jubiläums. "In der Geschichte gibt es nichts, was für immer selbstverständlich ist."

Bilderserie

Quelle: n-tv.de