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ZwischenrufDie Crux mit dem Kreuz

26.04.2010, 14:29 Uhr
imageManfred Bleskin

Wenn Unionspolitiker ihre Parteikollegin Aygül Özkan mit Hinweis auf das christliche Wertesystem der Bundesrepublik kritisieren, gehen sie am Kern der Sache vorbei.

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Aygül Özkan hat sich für ein Verbot von Kruzifixen an öffentlichen Schulen ausgesprochen. (Foto: dpa)

Wäre die designierte niedersächsische CDU-Sozial- und Integrationsministerin nicht türkischer Abstammung, hätte man sie sehr wahrscheinlich nicht nach ihrer Meinung zu Kruzifixen in staatlichen Schulen oder Kopftüchern um die Häupter von Lehrerinnen befragt. Wir hätten bequem ohne den nun wieder offen ausgebrochenen Streit leben können.

Denn: Gestritten wird um Symbole, nicht um Inhalte. Weder Kreuz noch Kopftuch bewirken per se eine Hinwendung zu christlichen oder muslimischen Werten, die zudem viele gegenseitige Berührungspunkte aufweisen. Wenn Unionspolitiker ihre Parteikollegin Aygül Özkan mit Hinweis auf das christliche Wertesystem der Bundesrepublik Deutschland kritisieren, gehen sie am Kern der Sache vorbei.

Nicht das Kruzifix bewirkt die Durchsetzung christlicher Werte wie Nächstenliebe, sondern all-tägliche Politik sozialer Fürsorge für Bedürftige. Was ist christlich daran, wenn das reichste Zehntel der Deutschen über 61 Prozent des Nettovermögens verfügt und 27 v.H. kein Vermögen besitzen oder verschuldet sind? Verhindert das Kreuz, dass Kinder aus armen Familien von ihrer Klassenkameraden geschurigelt werden, wenn ihre Klamotten vom Discounter und nicht aus dem Markengeschäft stammen? Macht das Kopftuch die Lehrerin zu einer Missionarin? Was ist mit dem muslimischen Lehrer, der überhaupt kein äußeres Zeichen seines Glaubensbekenntnisses trägt, aber Hasspredigten verbreitet?

Es ist gut und ein Zeichen des Modernisierungswillens der Christdemokraten, wenn eine Hamburgerin mit türkischen Eltern Kabinettsmitglied in Hannover wird. Doch für sich genommen bedeutet das gar nichts. Es wird auf die Politik ankommen, die Frau Özkan betreibt.

Noch immer gilt: Es zählt nicht, was eine/r auf dem Kopf trägt, sondern was drin ist im Kopf.

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.