ZwischenrufI don't like Wednesdays
Das Beste wäre es, den privaten Besitz von Waffen zu verbieten. Der Staat hat das Gewaltmonopol. Waffen sollten sich nur in den Händen seiner Diener befinden: Polizisten, Soldaten, Kriminalbeamte.
Als im April 2002 ein 19-jähriger ehemaliger Schüler im Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen ermordete und sich danach selbst richtete, sprach der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder von einem "singulären Ereignis". Das war es zu jenem Zeitpunkt längst nicht mehr: Gut zwei Monate zuvor hatte ein 22-Jähriger bei München bei einem Amoklauf drei Menschen umgebracht, darunter den Rektor seiner früheren Wirtschaftsschule. International standen Namen wie Jonesboro und Littleton in den USA wie Menetekel an der Wand.
Bob Geldofs Song "I Don't Like Mondays" war zu einem düsteren Denkmal des Mordes einer Schülerin an ihrem Direktor und dem Hausmeister geworden, den sie an einem Montag des Jahres 1979 im kalifornischen San Diego begangen hatte.
Nun also Winnenden. Bluttaten dieser Art hat es, nicht nur, aber auch in Deutschland, schon früher gegeben, 1913 in Vaihingen an der Enz, 1964 im Kölner Stadtteil Volkhoven. Nur, dass die Täter damals keine halben Kinder mehr waren, sondern Erwachsene. Auch sind reihenweise Morde ohne Rücksicht auf sich selbst aus der Geschichte bekannt: die wie im Rausch tötenden skandinavischen Berserker, die orientalischen Assasinen, auf deren Namen in mehreren romanischen Sprachen das Wort für Mord und Mörder zurückgeht. Nicht zuletzt geht der Begriff Amoklauf auf das malaiische "meng-mok" zurück, mit dem in blinder Wut Tötende beschrieben wurden. Der Unterschied zu heute besteht darin, dass die Grausamkeit der Bluttaten im umgekehrten Verhältnis zur allgemeinen Aufgeklärtheit und Bildung steht. Gleichzeitig werden Brutalität und Rücksichtslosigkeit unter den Bedingungen von Leistungsdruck und Konkurrenz zu einer Art Kavaliersdelikt. Und die Täter werden immer jünger. Heranwachsende sind heuer weitaus intensiver und direkter als früher in die Kommunikation von Problemfeldern einbezogen als noch vor wenigen Jahrzehnten. Mit anderen Worten: Die Informations- und Mediengesellschaft mit ihren Computern, Handys und Videospielen hat nicht nur gute Seiten.
Privaten Waffenbesitz verbieten
Vermeintliche Liberalisierung hat unter den Bedingungen des Neoliberalismus in Finnland dazu geführt, dass bereits 15-Jährige Waffen erwerben können. Es war also gar nicht so erstaunlich, dass das uns Deutschen friedfertig erscheinende Land bereits zum Schauplatz von zwei Schulmassakern wurde. In den USA, wo wenige Stunden vor Winnenden ein Amoklauf mit zehn Toten stattgefunden hatte, befinden sich noch immer 200 Millionen Schusswaffen legal in Privatbesitz. In Deutschland, das vergleichsweise eines der schärfsten Waffengesetzte der Welt hat, sind es mehr als zehn Millionen. Dunkelziffern sind in beiden Fällen nicht bekannt. Nach Erfurt wurden die Bestimmungen sogar weiter verschärft: Großkalibrige Waffen dürfen seither erst mit 21 Jahren erworben werden. Geholfen hat es nichts.
Das Beste wäre es, den privaten Besitz von Waffen zu verbieten. Der Staat hat das Gewaltmonopol. Waffen sollten sich nur in den Händen seiner Diener befinden: Polizisten, Soldaten, Kriminalbeamte. Förster eingeschlossen. Ein Schritt in diese Richtung wäre, die Lagerung von Schusswaffen in Privathaushalten zu untersagen. Sportschützen und Hobbyjäger können ihre Waffen an zentralen Stellen lagern. Freilich erfordert dies Bewachung. In welchem Verhältnis aber steht auch nur ein einziges Menschenleben zu den Kosten für einen Wachmann? Als unmittelbare Maßnahme sollte in den Haushalten aller (rpt: aller) Besitzer von Privatwaffen kontrolliert werden, wie die Waffen gelagert werden. Unzulässige Aufbewahrung sollte mit entschädigungslosem Einzug geahndet werden.
Sicher: Auch auf diese Weise wird man Amokläufe nicht verhindern. Aber: Man kann sie minimieren, ihren "Wirkungsgrad" einschränken. Ein gesellschaftliches Klima, in dem es mehr Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft an Stelle von Ellenbogenmentalität gibt, würde sein Übriges tun. Dann gäbe es keinen Grund zu morden, weil man den Montag oder den Mittwoch nicht mag.
Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.