Samstag, 29. November 2008
Zweijähriger Sohn gerettet: Rabbiner-Ehepaar ermordet
Die Freude über das Überleben des zweijährigen Mosche, den Sohn des Rabbinerpaares Rivka und Gavriel Holtzberg, währte in Israel nur kurz. Das Paar leitete eine Filiale der jüdischen Chabad-Bewegung in Bombay, die mit viel Wärme, Gastfreundschaft und jüdischen Gebräuchen den israelischen Rucksackreisenden eine beliebte Anlaufstelle bot. Der kleine Mosche wurde von seinem indischen Kindermädchen unverletzt gerettet.
Lange blieb unklar, was mit seinen Eltern geschehen war. In israelischen Medien hieß es zunächst, dass sie "bewusstlos, aber lebend auf dem Boden lagen". Der Großvater des kleinen Mosche flog nach Bombay, traf seinen unter Schock stehenden Enkel und wurde in der Wohnung eines israelischen Diplomaten untergebracht.
Der Großvater berichtete aus erster Hand über die Vorgänge in den israelischen Medien, bat aber darum, ab Freitagabend nicht mehr angerufen zu werden, "um nicht den Sabbat zu entweihen". Sein Handy wollte er nicht abschalten - "für den Fall der schrecklichsten aller Nachrichten". Die Nachricht kam bereits am Freitag: Rivka und Gavriel sind tot. Insgesamt starben im Chabad-Zentrum mindestens acht Menschen, allesamt Israelis und Juden aus den USA.
Die israelischen Militärkorrespondenten gehen davon aus, dass die Terroristen nur "zufällig" das jüdische Zentrum im Nariman-Haus besetzten. Sie seien wohl beim Angriff auf ein anderes Gebäude gestört worden und ins Nariman-Haus geflüchtet. Israels Außenministerin Zipi Livni glaubt dagegen, dass das jüdische Zentrum von vornherein auf der Liste der Angreifer gestanden habe.
Israelische Experten, darunter Militärkorrespondent Gil Tamari, beobachteten mit zunehmender Beklemmung das Vorgehen der indischen Kommandos. "Die haben jeden nur erdenklichen Fehler gemacht", sagte Tamari im israelischen Fernsehen. Regel Nummer eins sei es, ein von Terroristen besetztes Gebäude großräumig abzusperren und Neugierige zu ihrem eigenen Schutz fern zu halten. Dann seien die Truppen auf ihren Lastwagen unter dem Jubel der Menge vor laufenden Kameras zu dem Haus gefahren. Gemäß dem Prinzip, mit Terroristen nicht zu verhandeln, seien die Inder mit blinder Gewalt vorgerückt, "anstatt mit taktischen Verhandlungen die Terroristen in eine Falle zu locken, sie zum Aufgeben zu überreden oder zu überraschen".
Am Freitagabend hatten die indischen Spezialtruppen das Nariman-Haus schließlich von Terroristen "gesäubert". Noch ehe die mutmaßlich israelischen Leichen von den nach Indien gereisten Spezialisten der ultraorthodoxen Zaka-Organisation identifiziert werden konnten, gab Livni schon die Weisung, die "Operation Narzisse" zu starten. Das ist das Codewort, wenn im Ausland bei Terroranschlägen ermordete Israelis in die Heimat überführt und am Flughafen mit einem Ehrenzeremoniell empfangen werden. Zaka ist die ausschließlich aus ultraorthodoxen Juden bestehende Organisation, die nach Terroranschlägen Leichenteile einsammelt und die Toten identifiziert. Die Mitarbeiter von Zaka haben in Israel so viele Erfahrungen gesammelt, dass sie weltweit anerkannt sind. So wurden sie nach dem 11. September 2001 nach New York geflogen und nach dem Tsunami nach Thailand.