ZwischenrufSpätbayerische Dekadenz
Zünftige Blasmusik, viel Bier und markige Sprüche. Der politische Aschermittwoch ist und bleibt eine Show. Viel heraus kommt nicht dabei.
Es hat schon etwas Römisch-Gladiatorisches an sich, wenn Politiker zu Blasmusikklängen in Hallen einziehen, unzählige Hände schütteln und dann Kübel von Mist über den politischen Gegner - und manchmal Partner – auskippen. Die Zuhörer und dann auch Redner haben die erste, manchmal die zweite Maß Bier geleert. Gelehrtes aufzunehmen respektive von sich zu geben sind beide kaum mehr in der Lage. Noch willens.
In cerevisiae veritas, im Bier liegt … viel … Wahrheit. Wenn Horst Seehofer in Passau Mecklenburg-Vorpommern ohne Not und zudem fälschlich als Merkel-Land bezeichnet, schimmert alles andere als Zuneigung des katholischen Landesvaters zur ungeliebten protestantischen Schwester durch. Wenn der Ministerpräsident – "der siebtstärksten Wirtschaftsmacht Europas" - Zugezogenen die bayerische Staatsangehörigkeit verleiht und vom Einreisevisum spricht, das er dem Niedersachsen Sigmar Gabriel erteilt hat, bedient der CSU-Chef die Volksseele und lässt zugleich erkennen, wie er’s denn gern hätte, wenn’s nur ginge. Aber auch wenn der Freistaat im deutschen Staatsverband verbleiben muss, ins Büro der Kanzlerin "in Berlin" würde er, Horst, nicht auf dem Bauch kriechen. Wenn’s richtig bairisch klingt, die Wählerseele in den Himmel springt. Hofft Seehofer zumindest.
Auch in Straubing lief eine Show ab, auf der der FDP-Chef mal nicht durch schräge Bonmots denn eher dadurch glänzte, dass er immer wieder mit dem Kopf gegen die Wand des dortigen Circus Maximus rannte. Westerwelle ließ keine Kritik an sich herankommen, wich keinen Millimeter von jenen Positionen ab, die seine Liberalen laut Forsa in dieser Woche auf mittlerweile sieben Prozent der Wählerstimmen absacken ließen. Im Gegenteil. Starrköpfigkeit nennt man so etwas gemeinhin.
Gleichwohl bleiben die Auftritte beliebig und vor allem belanglos. Denn die Berliner Koalition wollte keiner in Frage stellen. Es sind Spiele, die das Volk kriegt, wenn’s mit dem Brot zu hapern beginnt. Spätbayerischer Populismus für das "populus bavariae". Und den Rest Deutschlands.
Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.