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(Foto: dpa)

Vergewaltigungsopfer abgewiesen: "Geheimnis zölibatärer Priesterkaste"

Eine vergewaltigte Frau sucht nach ärztlicher Hilfe und wird abgewiesen – zweimal hintereinander von katholischen Krankenhäusern. Der Fall sorgt für Aufsehen und die Presse fragt sich, wie das mit den Prinzipien der Kirche vereinbar ist.

Die Westdeutsche Zeitung zweifelt an, dass die katholische Kirche als Träger von Krankenhäusern geeignet ist: "Gerade in solchen sensiblen Fällen wie bei einer Vergewaltigung muss das Wohl der Patientin an erster Stelle stehen. Es kann nicht sein, dass einem traumatisierten Gewaltopfer zugemutet wird, eine weitere Klinik aufzusuchen, weil ihm sonst nicht geholfen wird. Folglich muss man sich die Frage stellen, ob die katholische Kirche überhaupt noch Träger eines allgemeinen Krankenhauses sein kann, wenn sie keine umfassende Versorgung anbieten kann, weil das gegen ihre Glaubensgrundsätze verstößt."

Die Berliner Zeitung sieht gar den Fortbestand der Kirche in Gefahr: "Zwei katholische Krankenhäuser haben einer vergewaltigten Frau nicht nur ein Beratungsgespräch und die von der Notärztin verschriebene "Pille danach" verweigert, sondern auch eine Sicherung von Tatspuren. Zur Begründung verwiesen sie auf eine Vereinbarung mit dem Kölner Kardinal. Dessen Sprecher legt Wert auf die Feststellung, verboten sei den Kliniken nur die Ausgabe der Pille, erlaubt hingegen die Spurensicherung. Mit anderen Worten: An der Überführung eines Vergewaltigers dürfen sich katholische Kliniken äußerstenfalls beteiligen, Hilfe für das Vergewaltigungsopfer hat aus moraltheologischen Gründen hingegen außer Betracht zu bleiben. Sollte der Fortbestand der katholischen Kirche wirklich von gelebter Barmherzigkeit abhängen, ist mit ihrem Ableben stündlich zu rechnen."

Die Volksstimme aus Magdeburg fordert zunächst einmal Klarheit über die kirchlichen Vorgaben für Krankenhäuser: "Die katholische Kirche hat zu Schwangerschaftsbrüchen ihre eigene Haltung – Beratungsstellen der Caritas dürfen deshalb auch keine Beratungsscheine für einen Schwangerschaftsabbruch ausstellen, Kliniken in Trägerschaft von katholischen Verbänden nehmen keine Schwangerschaftsunterbrechungen vor. Darf die grundsätzliche Haltung aber so weit gehen, dass katholische Krankenhäuser Vergewaltigungsopfern nicht helfen, weil sie in der Folge über einen Schwangerschaftsabbruch mit der betroffenen Frau sprechen müssen? Wer sich aus der Beweissicherung heraushält, schützt nicht das Opfer, sondern den Täter und demütigt die junge Frau ein zweites Mal. Eine Grundhaltung, mit der christliches Verhalten ins Gegenteil verkehrt wird. Das Erzbistum in Köln steht damit zu Recht im Kreuzfeuer. Um Glaubwürdigkeit wiederherzustellen, muss es für Klarstellung sorgen, wie katholische Kliniken in solche Fällen handeln sollen."

Die Badische Zeitung wirbt für Verständnis für die Kirche und spricht dennoch von einem Skandal: "Man mag es zwar befremdlich und falsch finden, dass die katholische Kirche Frauen im Falle einer Vergewaltigung einen Abbruch der Schwangerschaft untersagt. Doch das ist nun einmal katholische Lehre. Wenn die Frau es anders sieht, hat sie die Freiheit, sich danach von einem anderen Arzt behandeln zu lassen. Dass aber zwei Kliniken mit Blick auf die vermeintliche Regel sogar eine Notfallbehandlung verweigern, ist ein Skandal. Wie belastend muss diese Abweisung für die traumatisierte Frau gewesen sein! Das Erzbistum Köln hat sich zwar für diese Vorfälle entschuldigt. Doch könnte das Verhalten der Ärzte auch symptomatisch für ein Klima sein, in dem Gehorsam einen so übergeordneten Stellenwert hat. Dass daraus Unmenschlichkeit erwachsen kann, dürfte auch der Kirchenführung zu denken geben.

Auch die Mitteldeutsche Zeitung lehnt die katholische Moral nicht ab. Doch der aktuelle Fall ist auch ihr unverständlich: Anerkennung verdient, wer das hohe Gut des Lebens achtet und ungeborene Kinder schützen will. Gut, dass die Kirche dafür eintritt. Etwa 100.000 Abtreibungen in Deutschland pro Jahr sind eine Zahl, die beunruhigt. Dass die Kirche einer vergewaltigten Frau aber sogar die "Pille danach" samt Information hierüber verweigert wissen will, dies ist mindestens so verstörend wie die Schocker-Bilder abgetriebener Föten. Die Kirche lehrt: Jedes Kind ist Frucht der Liebe Gottes und – im besten Fall – der Liebe zwischen Mann und Frau. Wie das mit Vergewaltigung vereinbar sein soll, bleibt das Geheimnis einer zölibatären Priesterkaste, ihrer Moralisten und Juristen. Sie reiten Prinzipien und vergessen die Menschen.

Quelle: n-tv.de

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