Politik

Schlecker geht pleite: "Herumdoktern an Symptomen"

Der schrittweise Abstieg eines einstigen Pioniers des Einzelhandels erreicht seinen vorläufigen Höhepunkt: Schlecker geht in die Insolvenz. Für die Kommentatoren deutscher Zeitungen liegen die Gründe auf der Hand. Schlecker sei für den Niedergang selbst verantwortlich.

(Foto: dapd)

"Ein Drogeriemarkt wie ein Kiosk - dieses alte Konzept funktionierte nur dort, wo Schlecker keine Konkurrenten hatte", meint die Sächsische Zeitung. "Doch in den vergangenen Jahren haben die wachsenden Wettbewerber auch kleinere Orte besiedelt. Zu spät haben die Schlecker-Erben Meike und Lars erkannt, dass sie den Ruf des Unternehmens verbessern müssen." Nun sei mitten im Umbau das Geld ausgegangen. "Doch die Konkurrenten sind Schlecker nun nicht losgeworden. In der Insolvenz werden voraussichtlich viele Arbeitsplätze verlorengehen - doch übrig bleiben die Gewinn bringenden Läden."

Schlecker könne ohne Hilfe von außen das Ruder nicht mehr herumreißen, gibt die Südwest Presse zu bedenken. "Eine bittere Erkenntnis, nicht nur für den Firmengründer Anton Schlecker selbst, dem stets verschlossenen Patriarchen, der nun vor einem Scherbenhaufen steht. Sondern auch für die beiden Kinder Lars und Meike, die seit 2009 dem Unternehmen ein neues und sympathisches Gesicht geben wollten. Vor allem aber für die Beschäftigten, darunter wie im Handel üblich vor allem viele Frauen, muss es ein Schock sein." Schließlich hätten sie in den vergangenen Monaten mit großem Engagement versucht, die Modernisierung des Unternehmens und damit auch dessen Gesundung zu unterstützen.

"Klar ist: Seit Anton Schlecker das Ruder an seine Kinder übergeben hat, sind wichtige Dinge angepackt worden", ist im Mannheimer Morgen zu lesen. "Die Zusammenarbeit mit Arbeitnehmervertretern klappt - von der Hauruck-Aktion abgesehen - deutlich besser. Viele unattraktive Filialen wurden modernisiert. Nichtsdestotrotz kam die Kehrtwende zu spät, oder sie ist bislang nicht konsequent genug durchgesetzt worden. Jetzt gilt es, zu retten, was zu retten ist." Dass die Belegschaft dabei für die Versäumnisse des Managements den Preis bezahlen müsse, scheine unausweichlich. "Wie hoch er sein wird, hängt allerdings nicht zuletzt von Anton Schlecker ab - und davon, ob er bereit ist, zur Rettung seiner Firma tief in die Privatschatulle zu greifen."

"Eine Leidensgeschichte erhält ein neues Kapitel: Das Imperium Schlecker ist nur noch mit einer Rosskur zu retten", so die Heilbronner Stimme. "Denn in den vergangenen zehn Jahren wurden reihenweise Trends verschlafen. Was heute nötig ist, um auf dem Drogeriemarkt in Deutschland zu bestehen, machen die aufstrebenden Konkurrenten DM und Rossmann vor: großzügige, lichtdurchflutete Märkte. Zahlreiche Mitarbeiter pro Filiale, die tatsächlich stolz und zufrieden sind. Vor allem aber: ein gepflegtes Sortiment, etablierte, hochqualitative Eigenmarken, Läden in bester Lage in der Innenstadt oder gleich auf der grünen Wiese."

"Längst ist die Anmutung der Läden, die billig ist und selbiges versprechen soll, nicht mehr zeitgemäß", kritisiert die Nordsee-Zeitung. "Genauso wenig wie das Lohndumping, was Schlecker - Gott sei Dank - die fettesten Negativ-Schlagzeilen gebracht hat. Wenn dann am Ende eine Bundesarbeitsministerin schon eine "Lex Schlecker", also ein Gesetz gegen üble Ausbeutungspraktiken, mit dem Namen dieses Unternehmens verbindet, dann ist vor allem in der Schlecker-Vorstandsetage jede Menge schiefgelaufen." Das Umsteuern der jungen Schlecker-Familie sei richtig, nur leider spät. Vermutlich zu spät, denn die Konkurrenz werde Schleckers Schwäche nutzen.

"Ob wirklich Einsicht bei Schlecker zu der Erkenntnis geführt hat, dass das Ruder herumgeworfen werden muss, ist zu bezweifeln", meint die Süddeutsche Zeitung. Vielmehr habe der Ruf des Unternehmens durch schlechte Arbeitsbedingungen und Standorte mit Schmuddelimage in einer Weise gelitten, dass sich kaum ein Kunde noch öffentlich zu Schlecker bekennen mochte. "Dass eine Billig-um-jeden-Preis-Strategie nicht aufgeht, ist ein gutes Signal für die Marktwirtschaft. Bedauerlich ist allerdings, dass Schlecker diese Erkenntnis zu spät gekommen ist und jetzt die Mitarbeiter die Zeche zahlen müssen."

"Seit Jahren tobt auf dem Drogeriemarkt in Deutschland ein erbitterter Konkurrenzkampf", stellen die Westfälischen Nachrichten fest. "Kleine Filialketten wie "Ihr Platz" sind dieser Marktlage schon vor Jahren zum Opfer gefallen und von Schlecker gekauft worden." Jetzt habe es den ehemals Größten der Branche erwischt. "Schritt für Schritt führte der Weg des Familienkonzerns immer tiefer in die Misere. Mit Schließung unrentabler Standorte wollte das Management in jüngster Zeit die roten Zahlen noch in den Griff bekommen."Doch um wieder Gewinn zu machen, müsse Schlecker grundlegend am Konzept arbeiten", heißt es weiter. Das Herumdoktern an Symptomen sei gescheitert.

"Die Konkurrenten zeigen, wie Einkaufen in modernen Drogerien funktioniert", weiß die Berliner Zeitung: breite Gänge, großes Sortiment, angenehme Atmosphäre, ausreichend Personal. Schlecker müsse nun die Sanierung fortsetzen und das immer noch zu große Filialnetz auf ein gesundes Maß schrumpfen, so die Zeitung. "Sortiment, Optik und Service sollten in allen Filialen auf das Niveau der neuen XXL-Märkte gehoben werden, wenn Schlecker langfristig eine Chance haben will."

Die Badischen Neuesten Nachrichten halten es durchaus für möglich, dass Schlecker eine zweite Chance bekommt. "Leicht wird es für die Schleckers aber auch dann nicht. Der Wettbewerb in der Branche ist knallhart, auch weil Discounter wie Aldi und Lidl mitmischen."

Kunden würden zwar auf niedrige Preise achten, aber auch auf den den Umgang mit den Mitarbeitern, meint die Stuttgarter Zeitung. Ein Beispiel dafür, dass sich gute Arbeitsbedingungen auszahlten, sei der Wettbewerber dm. "Lange wurde das anthroposophisch angehauchte Wohlfühl-Unternehmen belächelt, weil Mitarbeiter Theaterkurse besuchen und Ordner mit getrockneten Heilpflanzen anlegen", so die Zeitung. Inzwischen dominiere dm den Markt der Drogeriekonzerne. "Es ist lobenswert, dass sich Schlecker inzwischen um eine moralische Kehrtwende bemüht. Aber die Pleite zeigt, dass sich die Geschäftsleitung dafür viel zu viel Zeit gelassen hat."

Die Nachrichten über Insolvenzen häufen sich, stellt die Neue Westfälische fest. Jetzt komme die Psychologie ins Spiel, warnt die Zeitung. "Und wenn es noch so gute, nachvollziehbare Gründe für jede einzelne Insolvenz gibt. Häufen sich die Meldungen, schlägt das auf die Stimmung. Auf die Verbraucherstimmung. Auf die Bereitschaft, Geld auszugeben." Dabei sei es insbesondere der Konsum, der uns bislang vor Schwierigkeiten bewahrt habe und die Wirtschaft auch in diesem Jahre stützen solle. "Der Einzelhandel setzt darauf, die Baubranche und natürlich auch die in Ostwestfalen-Lippe so starke Möbelindustrie. Wir sollten also nicht so viel von Krise reden. Sonst ist sie irgendwann da. Und das wollen wir doch schließlich alle nicht."

Quelle: n-tv.de

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