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Hamburger Nein zu Olympia: "Olympia war ein Projekt der Eliten"

Olympia und Deutschland – das soll einfach nicht sein. Per Volksentscheid sprechen sich die Bürger Hamburgs gegen Olympische Sommerspiele in der Hansestadt aus. Damit machen sie es den Münchnern und Garmisch-Partenkirchenern nach, die sich 2013 ebenfalls gegen die Austragung von Winterspielen entschieden. Mitverantwortlich für das Nein Hamburgs sind auch Ängste vor einer Kostenexplosion und die Nachwirkungen vergangener Sportskandale. Während Hamburgs Politiker und unzählige Sportler diese Entscheidung bedauern, kann die Presse diese gut nachvollziehen.

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Auch wenn die Frankfurter Allgemeine Zeitung bedauert, dass der Volksentscheid nicht die Athleten im Auge hatte, findet sie Verständnis für die Beweggründe der Hamburger. Denn mit ihrem Nein wehrten sie sich "gegen das Kalkül der Macher, Kernprobleme mit Emotionen überspielen zu wollen". So habe Bürgermeister Olaf Scholz versucht, Olympia für die Stadtentwicklung der Stadt zu nutzen. Dafür forderte er Geld vom Bund, das dieser nicht freigeben wollte. Von dieser Strategie konnte selbst der Deutsche Olympische Sportbund Scholz nicht abbringen. "Für diese Schwäche gibt es einen wesentlichen Grund: Großereignisse des Sports sind nicht mehr hoffähig. Die Korruption im Internationalen Fußball-Verband (Fifa), der DFB-Skandal, tägliche Doping-Meldungen haben auch das Votum in Hamburg beeinflusst: Diesen Verbandsfürsten wollen viele Bürger ihr Geld nicht in den Rachen kippen."

Für die Berliner Zeitung steht fest: "Olympia war ein Projekt der Eliten". Denn diejenigen, die wirklich hinter dem Vorhaben gestanden hätten, seien die Politik, Prominente und die Wirtschaft gewesen. Doch bei den Bürgern hätte die Bewerbung vor allem zu Verunsicherung geführt. "Das sind Zweifel, die bis weit in eine hart arbeitende Mittelschicht hinein gehegt werden, die um ihr Überleben kämpft. Es ist in den vergangenen Jahren in Deutschland viel Vertrauen in die grundsätzliche Gerechtigkeit unserer Gesellschaft verloren gegangen", stellt das Blatt aus der Hauptstadt fest.

Nach der gescheiterten Bewerbung denkt die Braunschweiger Zeitung an das Image des deutschen Sports und fragt sich: "Erleben wir jetzt den Absturz des deutschen Sports in die Bedeutungslosigkeit, nur weil wir Olympia nicht ausrichten wollen?" Die klare Antwort des Blattes darauf lautet Nein. Denn das Steuergeld, das nach der Bewerbung in der Kasse bleibt, könne nun vermehrt und direkt in den Sport investiert werden. "Und die Hamburger, die mehrheitlich und demokratisch mit Nein gestimmt haben, sind keine Sport-Gegner. Sie haben sich gefürchtet vor den unkalkulierbaren Kosten - so schön Olympia auch sein mag."

Dass das Misstrauen gegenüber Sportfunktionären ausschlaggebend für das Hamburger Votum ist, denkt auch der Mannheimer Morgen. Die Bürger würden längst nicht mehr daran glauben, dass ihre Steuergelder nach Doping-Skandalen und beim "Filz auf Funktionärsebene" im Sport gut investiert seien. Doch die Zeitung hat die Hoffnung noch nicht verloren, dass daraus Lehren gezogen werden können. "IOC-Chef Thomas Bach scheint auf dem richtigen Weg: weg vom Gigantismus, hin zu klaren Vergaberegeln. Sollten die Spiele 2024 tatsächlich nach diesen Kriterien vergeben werden, dürfte die Zustimmung für Olympia auch in Deutschland wieder steigen."

Die Nürnberger Nachrichten bedauern das Olympia-Nein Hamburgs. Zu gerne würden viele "oberlehrerhaft mokieren", dass autoritäre Staaten wie Russland oder Katar Sportveranstaltungen beheimaten. Doch wenn der Westen nicht mehr bereit sei, die Sportereignisse selbst auszurichten und "die positiven Seiten und die Inspiration solcher Ereignisse höher zu bewerten als die durchaus vorhandenen Risiken, dann müssen wir akzeptieren, dass diktatorisch ausgerichtete Staaten zugreifen - und dies entsprechend zur Selbstdarstellung nutzen." Daher sei die Entscheidung Hamburgs gegen die Olympischen Spiele schade. Die Hansestadt verpasse die Gelegenheit, "sich als Tor einer offenen Welt zu präsentieren."

Zusammengestellt von Katja Belousova

Quelle: n-tv.de

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