Politik

Kretschmann erster grüner Landeschef: "Wahl ist eine Zäsur"

Baden-Württembergs neuer Mininsterpräsident: Winfried Kretschmann.
Baden-Württembergs neuer Mininsterpräsident: Winfried Kretschmann.(Foto: AP)

Besser hätte es für Winfried Kretschmann nicht laufen können: Der Landtag in Stuttgart wählte den Grünen-Politiker im ersten Anlauf und mit Oppositionsstimmen zum Ministerpräsidenten. Erstmals regiert damit ein Grüner ein deutsches Bundesland. Mit den Stimmen von Grün-Rot bestätigte der Landtag anschließend auch Kretschmanns Kabinettsmitglieder. Damit ist der historische Machtwechsel in Stuttgart nach fast sechs Jahrzehnten CDU-Dominanz perfekt.

Für die Ludwigsburger Kreiszeitung ist es "selbstverständlich", dass Winfried Kretschmann im ersten Wahlgang gewählt wurde. Die baden-württembergische Zeitung schreibt: "Wer daran gezweifelt, oder gar die stille Hoffnung gehegt hatte, dass er durchfallen könnte, unterschätzt, was die grün-roten Regierungskoalitionäre in Baden-Württemberg unter dem neuen Ministerpräsidenten zusammenhält: der am 27. März wahrgewordene Traum, endlich das Land zu regieren. Nach eigenen Vorstellungen und ganz anders, als dies jahrzehntelang unter christdemokratischen Ministerpräsidenten geschehen war. Diesen so lange herbeigesehnten Wechsel wollte keiner gefährden".

"Dass Ministerpräsident Kretschmann bei seiner Wahl im Stuttgarter Landtag sogar zwei Stimmen aus der Opposition bekam, zeigt, wie frustriert die ehemals regierenden Parteien über ihre eigenen Leute sind", bemerkt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Für das Blatt aus Hessen ist dies "aber auch eine indirekte Aufforderung, dieses von Wirtschaft bis Pisa überaus erfolgreiche Land nicht total umkrempeln zu wollen. Der neue Ministerpräsident, ein bedächtiger Mann von wertkonservativem Zuschnitt, steht nicht im Ruf, ein Revoluzzer zu sein. Aber er wird die Kräfte in seiner Koalition bändigen müssen, die nach langen Jahren in der Opposition nun endlich das Rad neu erfinden wollen. Ob er das taktische Geschick und die politische Kraft dazu hat, wird über sein Schicksal und die Zukunft seiner Regierung entscheiden".

Die Stuttgarter Zeitung stellt fest: "Die Wahl des ersten grünen Ministerpräsidenten ist eine Zäsur. Für Baden-Württemberg, für Deutschland, aber vor allem für die Grünen selbst. In knapp 32 Jahren ist aus der 'Anti-Parteien-Partei' eine Volkspartei geworden. Was 1979 als bunte Sammelbewegung von Atomkraftgegnern, Spontis, Linksradikalen, Bürgerschrecks, Wertkonservativen, Pazifisten und Öko-Nationalisten begann, stellt jetzt erstmals einen Regierungschef. Das wird nicht nur das Land verändern, das Kretschmann regiert. Es wird auch die Grünen verändern. Wer den Ministerpräsidenten stellt, der trägt automatisch Verantwortung fürs Ganze. Die Zeit der Grünen als ökologische Nischenpartei ist Geschichte".

Die Leipziger Volkszeitung gibt sich vorsichtig optimistisch: "Heilig's Blechle: Mit Winfried Kretschmann, dem grünen Schwaben mit katholischer Messdiener-Vergangenheit und autoarmen Visionen wird Geschichte geschrieben. Der erste Ministerpräsident aus der Sonnenblumen-Partei - und dabei kein Steinewerfer, kein Multikulti-Missionar und kein nervtötender Lautsprecher. Nicht mal eine Doktorarbeit tickt als Zeitbombe: Das kann wirklich was werden im Ländle. An ihm wird sich aber auch entscheiden, ob die grüne Welle tatsächlich den politischen Wandel bundesweit beschleunigt. Deshalb drückt Kretschmann zurecht auf die Euphoriebremse. Der Mann, der sich einst scherzhaft Moses nannte, hat Grün-Rot durch die Wüste der langen Machtlosigkeit geführt. Das Gelobte Land muss er deshalb noch lange nicht erreichen".

Mit Bedacht reagiert auch die Zeitungsgruppe Landshuter Zeitung/Straubinger Tageblatt: "Die Grünen haben sich mit den Wutbürgern verbrüdert. Nun müssen sie aufpassen, dass sich deren Zorn nicht eines Tages gegen sie richtet. Erste Zumutungen hatten sie schon parat: Den faulen Volksentscheid-Kompromiss zu Stuttgart 21 etwa. Das Stänkern gegen die Autobranche. Oder die Erhöhung der Grunderwerbssteuer im Land der Häuslebauer. Weitere Konflikte sind programmiert, die zügige Umsetzung der Energiewende, die Kretschmann seinem Land verspricht, wird auch nicht konfliktfrei über die Bühne gehen. Nicht ausgeschlossen, dass der Euphorie schon bald Ernüchterung folgt. Bei Grün-Rot, aber auch bei den Wählern".

Die Augsburger Allgemeine kommt zu dem Schluss: "Die eigentliche Herausforderung Kretschmanns besteht darin, den geplanten ökologischen Umbau des Industrielandes ohne eine Gefährdung des Wohlstandes und der wirtschaftlichen Spitzenposition voranzutreiben. Wenn Kretschmann dieses Kunststück gelingt, dann  ist dem weiteren Aufstieg der Grünen der Boden bereitet. Scheitert er, ist der Höhenflug der Grünen beendet".

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Quelle: n-tv.de

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