Ratgeber
Video

Je oller, je doller!: Vintage-Möbel neu im Trend

Möbel aus den 1950er, 1960er oder 1970er Jahren sind derzeit das Nonplusultra in der Wohnungseinrichtung. Am liebsten mit Gebrauchsspuren. Egal, ob echt oder nachgemacht. Der neue Einrichtungstrend hat einen Namen: Vintage. Wir sind dem Vintage-Trend und seinen Varianten nachgegangen und haben drei Liebhaber alter Möbel getroffen.

Vintage - auf gut Deutsch bedeutet es nichts anderes als alt oder altmodisch. Auf Möbel bezogen meint man damit einen Wohnstil und der heißt: Hauptsache Patina. Gebrauchsspuren am Mobiliar liegen im Trend. Und der Vintage-Look verkauft sich zur Zeit bestens. Auch wenn die Gebrauchsspuren nicht immer ganz echt sind, sondern auch künstlich gemacht.

Eine alte Lagerhalle in Köln, am Mühlheimer Hafen. Hier sammelt und verkauft Jochen Kloeters Möbel aus den 1950er, 60er oder 70er Jahren. Nur Original-Stücke.

Jochen Kloeters, 19west furniture: "Ich persönlich muss sagen, ich liebe die Sachen einfach, das ist die Form, das ist die Geschichte, das hat einen ganz anderen Charakter als die fabrikneuen Sachen. Die 50er und 60er Jahre haben es mir besonders angetan und das liegt daran, dass damals sehr viel Neues ausprobiert wurde, da wurde experimentiert und die Formen, die dabei entstanden sind, sind für meinen persönlichen Geschmack einfach die besten."

Viele seiner Kunden kommen aus den kreativen Bereichen. Was reizt die Leute denn an Vintage?

Jochen Kloeters, 19west furniture: "Ich glaube, der Trend kommt daher, dass diese Möbel Geschichte haben und dass die Möbel über Jahrzehnte gezeigt haben, dass sie Bestand haben. Heutzutage werden die Produktionszyklen immer kürzer, die Moden wechseln ständig, und das ist so eine Art Gegenbewegung, Sachen, die Sicherheit geben und über lange Zeit Qualität haben."

Viele Möbel könnten mit Sicherheit einige Geschichten erzählen ...

Jochen Kloeters, 19west furniture: "Das ist das Abgerockte, das ist wirklich benutzt, das ist used und das ist genau, was die Leute lieben. Manchmal kleben Kaugummis daran und die Leute freuen sich, dass das Möbel Geschichte hat."

Gute Fotos sind ein Muss. Denn durch das Internet hat sich der Handel mit Vintage-Möbeln sehr verändert. Die meisten Verkäufe wickelt Jochen Kloeters online ab.

Und was kosten solche Retro-Originale?

Jochen Kloeters, 19west furniture: "Viele Vintage-Sachen sind günstiger als vergleichbare neue Sachen, wenn man mal von der Qualität ausgeht. Nach oben gibt es aber kaum Grenzen. Für einen Prototyp von Jean Prouvé kann man auch schon mal ein paar Millionen ausgeben."

Für Uwe van Afferden ist Vintage eine Lebenseinstellung. Und die hat er zum Beruf gemacht. Er betreibt ein Männerkaufhaus in Düsseldorf, das auch Atelier und Galerie ist. Der Stil: Vintage mit dem Schwerpunkt auf Industriedesign. Hier bekommt man zur Hose, zum klassischen Outfit auch das passende Möbel.

Uwe van Afferden, Gestalter: "Das ist überhaupt nicht neu, Industriedesign-Freaks gab’s schon in den 70er Jahren. Und die Leute, die ich kenne, haben auch schon die letzten 20, 30 Jahre diese Möbel gesammelt und haben auch hervorragende Stücke gesammelt. Und jetzt ist dieser Trend bei Lieschen Müller angekommen. Jetzt will sie auch ein bisschen Vintage in ihrem Landhausstil im 7. Stock haben."

Uwe van Afferden entwirft Retro-Möbel auch selbst, indem er gebrauchte Materialien neu kombiniert. Aber auch neue Möbel lassen sich auf alt trimmen, dann greift der Meister in die Patina-Trickkiste. Ein Kunde suchte sechs alte Tolixstühle…

Uwe van Afferden, Gestalter: "... am liebsten sechs gleiche und das ist wie sechs Richtige im Lotto, das finden Sie nicht. Und dann habe ich diese Tolixstühle gekauft, unbehandelt, direkt aus der Fabrik, ohne Lack, ohne Vorbehandlung und hab die mit alter Industriefarbe gestrichen, aber nicht perfekt grau, ein bisschen flott und überall blitzt ein bisschen Metall durch und dann hab ich das in mehreren Gängen mit Wasser und Essig besprüht, um den Rostvorgang zu beschleunigen.

Als Finish ein matter Klarlack und die Stühle sehen aus, als hätten sie 30 Jahre hinter sich. Der Kunde ist mit dem Ergebnis zufrieden, er mag den Used Look.

Nicolas Biagosch, Kunde: "Gerade Möbel, Stühle, ist ein Faible von mir, und da sind alte immer schöner als neue, neue sehen immer wie Mickey Mouse aus, kriegt man überall, hat jeder.

Entwerfen am Laptop wäre ein Stilbruch. Für seine Kunden zeichnet Uwe van Afferden in Aquarell. Jedes Möbelstück ist ein Unikat und ganz nach Kundenwünschen designt. Wie breit muss es sein, wie tief oder wie viele Schubladen will der Kunde. Seine Entwürfe lässt er seit vielen Jahren in derselben Schreinerei bauen. Beim Oberflächenfinish legt der Chef allerdings selber Hand an. Die Tricks des Patinierens hat er sich alle selbst angeeignet, viel gelesen, ausprobiert, bis es funktionierte.

van Afferden, Gestalter: "Ich möchte gerne Möbel bauen, die durch Benutzen schöner werden und die auch nicht von vornherein so aussehen, als wenn man die nagelneu hat. Also wenn der Schrank da steht, dann denkt man, der sei schon immer da gewesen und wird sich auch noch ein klein wenig verändern, wenn die Sonne den noch bearbeitet."

Bei den Beschlägen reichte die Kraft der Sonne allerdings nicht.

Uwe van Afferden, Gestalter: "Die ganzen Griffe waren alle nagelneu, waren entweder ein bisschen glänzend oder verzinkt und die schmeiße ich dann in Salzsäure oder bearbeite sie, dass sie entsprechen fertig sind."

Ich mach das hier gerne, das sieht dann so aus, als hätte das einer jahrelang auf und zu gemacht.

Ich bewege mich lieber in Räumen, die durchs Benutzen und Bewohnen schöner werden. Es gibt ganz viele Möbel heute, z.B. ein Sideboard aus weißem Klavierlack. Wenn da ein kleines Kind mit einem Dreirad reinrammelt, ist das Ding im Eimer. Wenn in mein Sideboard ein Kind mit einem Dreirad reinrammelt, wird’s schöner. Die Leute lassen sich sämtliche Buchsen zerschießen und Anzüge waschen, um möglichst Vintage zu sein, aber zuhause kriegen sie es nicht hin.

Eine besondere Spielart: Vintage aus Fernost. Der Möbelhändler Jürgen Volz reist mehrmals im Jahr nach Indien oder Indonesien und lässt in den dortigen Werkstätten von Handwerkern seine Vintagemöbel fertigen..

Jürgen Volz, Geschäftsführer Rooms: "Die Schränke entstehen dadurch, wir kaufen die vor Ort ein, das sind meistens Tore, Türen, Fensterläden, die werden gesammelt, alte Bauteile und aus diesen Teilen werden dann entsprechend Schänke gefertigt oder Regale, Tische vor allem. Wir sehen das quasi als Objekt, das wir entdecken, finden und zu neuem Leben erwecken."

Mit alten Fronten und neuem Korpus.

Jürgen Volz, Geschäftsführer Rooms: "Das ist ein echter Unikatschrank aus Indien, eine alte Eingangstüre, mit original Messingbeschlag, sieht man z.T. handgeschmiedete Nägel, sind weitgehend erhalten. Original Patina, wird gesäubert und gewachst, der Rest, der Korpus ist neu gefertigt und im Originalfarbe gestrichen."

Es gibt allerdings auch komplette Remakes, da ist wieder Patina-Fachwissen gefragt.

Jürgen Volz, Geschäftsführer Rooms: "Die Handwerker vor Ort beherrschen vielerlei Tricks, um einen Originalschrank nachzuemfinden, wird aus neuem Holz gefertigt. Um den Antiklook zu erreichen, wurde das Holz, das ursprünglich weiß ist, mit Kaliumpermanganat, kennt jeder Schüler aus dem Chemieunterricht, eingefärbt. D.h. sobald K. an Sauerstoff gerät, färbt es das Holz braun."

Der used Look ist in den Wohnwelten der Möbelhäuser angekommen und die Fans des Gelebten sorgen für Umsatz, indem sie sich ein Stück Geschichte einkaufen. Professor Erlhoff ist Designexperte. Wie erklärt er den Vintage-Trend?

Michael Erlhoff, Professor und Design-Experte: "Das zeigt eigentlich nur, dass wir eine gewisse Angst haben, was Zukunft ist, wir sind nicht mehr so nach vorn orientiert, wollen nicht als Avantgarde auftauchen, sondern uns eher absichern nach hinten. Die Geborgenheit einkaufen über diese Vintage-Möbel."

Und was kommt nach Vintage? Vielleicht könnte man ja auch neuen Möbeln die Chance und die Zeit geben, so schön zu altern. Wenn sie es denn aushalten.

Quelle: n-tv.de