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Wo der Nil Ägypten mit Wasser versorgt, ist das Land sattgrün. Entlang des Ufers wachsen Palmenhaine und saftige Weidewiesen für die Kühe.
Wo der Nil Ägypten mit Wasser versorgt, ist das Land sattgrün. Entlang des Ufers wachsen Palmenhaine und saftige Weidewiesen für die Kühe.(Foto: Simone A. Mayer/dpa-tmn)
Mittwoch, 08. November 2017

Krisenland buhlt um Touristen: Auf Nilkreuzfahrt durch Ägypten

Das Reiseland Ägypten steckt in der Krise. Nach Anschlägen und politischen Unruhen meiden viele Touristen das Land. Massentourismus gibt es bei Nilkreuzfahrten nicht mehr. Kann sich das Land aus der Krise befreien?

Eine Besucherschlange und einen Hauch von Andrang gibt es nur einmal auf dieser Reise. Kôm Ombo am Nil, Ankunft am Spätnachmittag, für nur zwei Stunden halten acht Schiffe zugleich, direkt vor den Heiligtümern. Während die schon untergehende Sonne die uralten Bauten in ein warmes Rot taucht, strömen 300 bis 400 Menschen die Treppe zu ihnen hinauf. Händler buhlen um ihre Aufmerksamkeit, im bis dahin ruhigen Café nahe des Eingangbereiches bricht Hektik aus. Kellner organisieren sich, Musiker beginnen ihr schnelles Trommeln.

Doch das Gelände mit den Tempeln ist groß genug für alle. Die schnell in Kleingruppen mit eigenem Reiseführer zerfallene Masse wechselt sich höflich vor den Reliefs ab. Und wer ein paar Minuten geduldig wartet, kann von den besten Ansichten auch Fotos schießen, ohne dass jemand weiteres im Bild ist. Über dem anderen Nil-Ufer geht gerade die nun blutrote Sonne unter. Kitsch pur - für viele Besucher ist ein Foto davon wichtiger als die Ruinen des 2000 Jahre alten Heiligtums.

Krise seit 2011

Nilkreuzfahrten waren mal Massentourismus. Doch Ägyptens Reisebranche steckt seit der Revolution 2011 in der Krise. Von den rund 300 Schiffen, die damals zwischen Luxor und dem weiter südlich gelegenen Assuan fuhren, sind lokalen Angaben zufolge zum Saisonbeginn 2017/18 gerade mal 15 bis 20 in Betrieb. Es finden sich kaum noch Passagiere, heute sind es noch zehn bis 15 Prozent der früheren Zahlen.

Glaubt man den einheimischen Reiseführern, geht es aktuell geradezu entspannt zu an den Tempeln in Luxor und Assuan und an den Gräbern in Theben - auch wenn eine Nilreise immer noch ein schnelles Stakkato von mehreren Besichtigungen täglich bedeutet. Und auch jetzt ist man selten alleine auf dem Nil unterwegs, die Schiffe haben oft ähnliche Abfahrtzeiten. Es tuckern daher immer mehrere im Konvoi entlang des grünen Gürtels durch die Wüste. Und die Kapitäne stacheln sich mit lautem Hupen zu Wettfahrten an - wie ein Elefantenrennen auf dem Nil.

Touristin vor dem Karnak-Tempel in Luxor.
Touristin vor dem Karnak-Tempel in Luxor.(Foto: imago/Xinhua)

Tag eins, Luxor: Das Schiff liegt für ein paar Tage im Hafen - Bettenwechsel. Jeder Reiseanbieter hat einen eigenen Führer an Bord, in Gruppen von drei bis 30 Personen geht es für die meisten Passagiere ins Tal der Könige. "Wir machen es anders, wir fahren erst zu den Karnak-Tempeln, dann sind wir dort wirklich ganz allein", kündigt Reiseführer Gamal Elsheikh an. In der Tat: Die Tempelanlage mit ihren Säulenhallen voller gut erhaltener Reliefs und unzähligen Widderfiguren ist noch so leer, dass Angestellte den Boden kehren können. Auf dem Parkplatz verlieren sich zwei Kleinbusse.

Das gleiche Bild wenig später am Totentempel der altägyptischen Königin Hatschepsut. Ahmed, ein älterer Mann mit schiefem Lächeln, fährt drei Gäste mit einer Bummelbahn in den Talkessel von Deir el-Bahari und vor den 3500 Jahre alten Bau aus Kalkstein, der wie ein modernes Gebäude im Bauhausstil wirkt. Ahmed spricht kein Wort, zeigt aber in schnellen Wechsel mal hierhin, mal dahin: Felsengräber links, Trümmer rechts, in der Mitte der Tempel. Zu Fuß geht es eine lange Rampe hinauf zu seinen Terrassen – und wer sich oben von den Statuen losreißt und umdreht, blickt auf das weite, unwirklich grüne Niltal.

Entlang sattgrüner Felder

Nach einem Stopp im Tal der Könige setzt der Bus die Gäste wieder am Schiff ab. Es tuckert nun nach Edfu. Das Deck ist fast leer in der heißen Mittagsonne, so wie die Ufer. Es geht an Palmenhainen und sattgrünen Feldern vorbei. Wo das Nilwasser den Boden dahinter nicht versorgt, türmen sich Sanddünen auf. Durchbrochen wird der Fluss von winzigen, flachen Inseln. Mal grast dort ein Pferd, mal zwei Ochsen. Am Nachmittag wird es am Ufer lebendiger und lauter. Eine Eisenbahn zieht vorbei, knatternde Motoren pumpen Wasser auf die Felder. Von einem winzigen Boot aus werfen Händler ihre Waren und das Wechselgeld in Plastiktüten hinauf aufs Deck. Jugendliche hängen ihr Floß mit Seilen an das Schiff und lassen sich eine Weile mitziehen.

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Die Fahrt nach Edfu wird am Ende die längste Strecke am Stück auf dieser Reise gewesen sein. Die Schiffe dienen auf dem Nil meist nur als Schlafstätte und sind entsprechend ausgestattet. Der Spabereich der "MS Concerto" zum Beispiel besteht aus nur einem Stepper, einem Rad und einer Massageliege. Der größte Teil des kleinen Pools dient zum Kneippen, die Liegen auf dem Oberdeck sind meist leer. Die meiste Zeit ist das Schiff in einem der Häfen festgemacht: Luxor, Edfu, Kôm Ombo, schließlich Assuan - und zwar neben anderen Schiffen parallel zum Ufer. So kann es vorkommen, dass man durch vier Schiffe gehen muss, um an Land zu kommen. Und aus dem Kabinenfenster blickt man oft nicht auf den Nil, sondern in ein anderes Schlafzimmer.

Wer sich nicht gerne mit Geschichte beschäftigt, sondern mehr aufs Faulenzen aus ist, ist auf einer Nilfahrt aber sowieso falsch. Tempel nach Tempel, Grab nach Grab wird besichtigt. Die Reiseleiter rezitieren fortwährend historische Daten, Namen und Jahrtausende alte Geschichten. Die Tage beginnen oft schon zwischen 3.00 und 6.30 Uhr. Trotzdem hat die Schiffsreise ihre Vorteile, denn etwa in Edfu und Kôm Ombo gibt es nur wenige typische Touristenhotels. Reisende kämen hierher sonst nur per Tagesausflug ab Assuan mit langer Fahrt im Bus.

Tag zwei, Edfu: Im Licht des Morgens wird am Schiffskai deutlich, was Edfu von allen anderen Stopps am Nil unterscheidet. Die Stadt wirkt, als wäre sie aus der Zeit gefallen. Pferdekutschen tummeln sich auf der Straße, aber keine Autos. Die Hektik ist groß, die Kutscher haben nur etwa eine Stunde am Morgen, um die Touristen abzufischen. Alle fahren damit zum Horus-Tempel und alle auch wieder zurück zum Schiff.

Tempel von Edfu.
Tempel von Edfu.(Foto: imago/blickwinkel)

Edfu ist eine Durchgangsstation. Die Kreuzfahrtpassagiere steigen nur aus, um einen Tempel zu sehen. Daher ist der Basar mit den Souvenirs direkt an seinem Ausgang aufgebaut. Ein Nadelöhr für Touristen - und die eine Chance für Hany Sayed Ahmed. "Miss! Miss Deutschland! Alabaster?", ruft er laut. Als Antwort erhält er oft nur einen Blick zum Boden und weg von ihm. Und trotzdem: Ahmed behält sein Lächeln sogar, wenn der Tourist weitergezogen ist und erst mal kein weiterer kommt. Dabei ist der Händler verzweifelt, sagt er. Das Geschäft läuft seit Jahren schlecht. Ahmed hat inzwischen mehrere Jobs, aber er betont: "Besonders die Deutschen sind immer sehr korrekt zu uns. Ich verstehe, wenn sie nichts kaufen wollen." Dann lädt er zum Tee ein. Urlaub in Ägypten: Dafür stehen Pyramiden, Tempel, Mumien, viel Sand - und eben auch die nervigen Händler, die Kram verkaufen wollen. Sie sind noch da, der Schnickschnack ist immer griffbereit. Und doch hat sich eine höfliche Distanz breitgemacht, nach einem netten Nein gibt der Händler in den allermeisten Fällen auf. "Warum soll ich dir auch nachlaufen? Du kauft es nur, wenn du es auch wirklich willst", sagt Ahmed. Und hat er was verkauft, macht er oft Feierabend und zieht zum nächsten Job - mehr als einen Treffer landet er selten an einem Tag.

Einige Geschäfte im Basar sind dauerhaft geschlossen. "Früher haben wir um die Läden gebuhlt", sagt Abdel Asis Elsharif. Er öffnet Schubladen, es kommen staubige Plastiktüten zum Vorschein. Er hat seit drei Jahren keine Ware neu bestellt, weil er sie nicht los wird. Doch die deutsche Touristikbranche ist optimistisch: Ägypten werde im Winter 2017/18 ein "beispielloses Comeback" feiern, und diese Tendenz werde sich im Sommer 2018 fortsetzen, erwartet zum Beispiel Ralph Schiller, Geschäftsführer des Veranstalters FTI. Auch andere Anbieter sehen in dem Land ein Trendziel, zumal die Preise niedrig sind.

"Ich will nicht, dass alle Touristen zurückkommen", sagt dagegen Reiseführer Gamal Elsheikh. "Das waren zu viele. Wir haben sie nicht mehr gut versorgen können. Die Schiffe und Hotels wurden nur schlecht gewartet, wir haben schlechtes Essen serviert, weil es so viel sein musste." Das sei nun anders, man müsse um jeden Gast kämpfen. Gamal wünscht sich "vielleicht 40 oder 50 Prozent der Touristen" zurück. "Das würde uns allen reichen zum Leben, und ihr habt es schön hier."

Kolossale Ramses-Statuen zieren den Felsentempel von Abu Simbel. Die Anlage wäre fast in den Fluten des Assuan-Stausees verschwunden, ein deutsches Firmenkonsortium siedelte den mächtigen Tempel kurzerhand um.
Kolossale Ramses-Statuen zieren den Felsentempel von Abu Simbel. Die Anlage wäre fast in den Fluten des Assuan-Stausees verschwunden, ein deutsches Firmenkonsortium siedelte den mächtigen Tempel kurzerhand um.(Foto: Simone A. Mayer/dpa-tmn)

Tag drei, Assuan: Für einige Reisende ist hier Endstation, andere fahren wieder zurück nach Luxor. Neben den Klassikern des Assuan-Programms - dem Staudamm und der Tempelinsel von Philae - lohnt sich ein Ausflug in ein nubisches Dorf mit einer kleinen Barkasse oder einem der Segelboote, die für wenige ägyptische Pfund gemietet werden können. Die Fahrt geht an der Insel Elephantine und an unzähligen dreieckigen Strommasten des Kraftwerks am Assuan-Staudamm vorbei - Ägyptens modernen Pyramiden. In die reinweiß oder in strahlendem Himmelblau getünchten Häuser des Dorfs können Touristen einkehren, Tee, Brot mit salzigem Käse und Shisha genießen, mit den Bewohnern schwatzen - und das Krokodil bestaunen, dass sich jede Familie als Schutzgeist hält.

Tag vier, Abu Simbel: Der Weckruf kommt um 3.45 Uhr, doch das Schiff summt dann schon wie ein Bienenstock. Eine Gruppe Spanier schwirrt laut um die frühmorgendliche Kaffeeausgabe in der Bar, ein paar Koreaner verkriechen sich in ihren Bus. Eine ganze Kolonne davon setzt sich noch in der Dunkelheit in Richtung Wüste in Bewegung.

Irgendwann geht die Sonne auf - und erhellt schnell das Nichts entlang einer Autobahn in Richtung Sudan. Weit und breit nur Sand, ab und an kommt ein Lastwagen entgegen. Der ganze Bienenstock trifft sich erst nach vier Fahrtstunden an den Tempeln in Abu Simbel wieder.

Busweise treffen die Besuchergruppen dort ein, es wird kurz laut und voller. Und doch: Schon wenige Minuten später hat sich die Menge auf dem Gelände verlaufen. Und geht man entlang des Sees um den Hügel herum, auf dessen Rückseite die 21 Meter hohen Ramses-Statuen den großen der beiden Tempel zieren, lässt sich auch der kleine Rest Mitreisender gut ausblenden - zu einnehmend ist der Anblick.

Wenn die Führer in ihrem schnellen Treiben von Tempel zu Tempel es zulassen, lohnt sich eine Pause unter dem einzigen Baum und der einen Bank etwas abseits, aber mit gutem Blick auf die Tempelanlage. Hier ist es so einsam, dass man sich wünschte, jemand würde nach dem üblichen Obolus für Dienstleistungen - dem Bakschisch - fragen und anbieten, den Touristen hier zu fotografieren. Aber da ist niemand. "Das ist gut so", sagt Reiseführer Gamal Elsheikh später dazu. "Das ist richtig gut für unsere Touristen, dass es so leer ist. Nur ein kleines bisschen mehr dürften schon kommen - für uns."

Quelle: n-tv.de

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