Reise
Rund um den Yukon River gibt es eine einzigartige Natur.
Rund um den Yukon River gibt es eine einzigartige Natur.(Foto: imago/All Canada Photos)

Camping am kanadischen Polarkreis: Heiße Mittsommernächte auf Permafrost

Von Jenny Mansch, Whitehorse

Campen am Polarkreis? Vier Tage digitale Entgiftung in der Tundra: kein Bild, kein Ton, kein Telefon. Das ist ja noch zu schaffen. Aber schlafen auf dem Permafrostboden? Da stopft man besser noch etwas Warmes in den Koffer.

Der Ivvavik Nationalpark liegt im Nordwesten Kanadas und gehört zum Territorium Yukon. Hier leben die Inuvialuit, die Ureinwohner der westlichen kanadischen Arktis. Berühmt machte den Yukon das Gold. Nicht nur Dagobert Duck scheffelte hier seine erste Milliarde.  Auch Jack London grub im Eis nach Nuggets, recht erfolglos, dafür fand er in der rauen Wildnis den Stoff für seine weltberühmte Literatur.  300 Kilometer südlich liegt der Polarkreis.

Wir sind in Whitehorse gelandet, der Hauptstadt des Yukon. Von hier aus wird die Reise weitergehen in den Norden. Die Luft ist überraschend warm. Der Yukon River wälzt sich breitbeinig nach Alaska, wo er in die Beringsee mündet. Auf den Straßen ist kaum Verkehr, und doch schmückt sich Whitehorse mit allen 18 Ampeln, die es im gesamten Territorium gibt. Verlässt man das Stadtgebiet, wird man in seinem Lauf vielleicht von Bären oder Karibus aufgehalten. Nicht aber von Rot, Gelb oder Grün, was die durchregulierten europäischen Gäste gern erwähnen, wenn sie von ihren Touren mit dem Camper, Auto oder dem Motorrad erzählen.

Goldgräberstimmung in Whitehorse

Auf dem kurzen Weg vom Flughafen Whitehorse in die Innenstadt fällt die restaurierte Pracht der SS Klondike ins Auge. Es ist das letzte der Dampfschiffe, mit denen die Goldsucher ihre Versorgungsgüter nach Dawson City brachten. Von hier aus mussten die Gebiete des gesamten Nordens versorgt werden. Profitiert hat von dem Trubel auch Donald Trumps Großvater, der 1897 an der Uferstraße das New Arctic Restaurant eröffnete. Vom Besuch wurde aber wegen moralischer Verkommenheit des Etablissements dringend abgeraten. Heute kommt man auf zwei Wegen weiter nordwärts.

Auf dem Dempster Highway ist man ziemlich allein unterwegs.
Auf dem Dempster Highway ist man ziemlich allein unterwegs.(Foto: Holger Bergold)

Überland führt der legendäre Dempster Highway von Dawson City nach Inuvik im Nachbarstaat Northwest-Territories, und jeder Fahrer will die 735,5 Kilometer Schotterpiste  ehrenhalber mal gefahren sein. Im Winter wird der Dempster zur Straße für die berühmten Ice Road Trucker und ermöglicht die Versorgung der zugefrorenen Inuvialuit-Gemeinden. Wir heben uns die Erfahrung für den Rückweg auf und fliegen von Whitehorse mit der Propellermaschine von Air North nach Inuvik. Der Abstecher ist nötig, nur von hier aus gelangt man mit dem Buschflugzeug in den Ivvavik Nationalpark, der wiederum zum Yukon-Gebiet gehört.

Zwischenstopp beim "Volk der Seen"

Hier kann man vor allem die Ruhe genießen.
Hier kann man vor allem die Ruhe genießen.(Foto: Holger Bergold )

Der Flug ist wie eine Busfahrt am Himmel, wir landen zwischen Dawson und Old Crow, die Flughäfen nicht größer als eine Bushaltestelle. Hier treffen wir Freddy Frost und seinen Kumpel auf ihren Quads. Freddys Gesicht ist wettergegerbt unter seiner Baseballkappe, er hat eine Hilti-Box auf dem Lenker montiert und bunkert dort ein Bier und Zigaretten. Auf die muss er aufpassen, er zahlt 25 Dollar für die Schachtel. Ich rolle ihm eine Selbstgedrehte, was ihn sichtlich fasziniert. Freddy ist Indianer, er gehört den Vuntut Gwitchin an, dem "Volk der Seen", das hier lebt. "Wir kommen oft vorbei und gucken, was so alles angeliefert wird", sagt er. Viel gibt’s hier nicht zu tun. Die beiden freuen sich schon auf die Kanuten des jährlichen Yukon River Quest, die hier bald vorbeipaddeln werden. Ohne staatliche Unterstützung könnten sie hier nicht leben, auch zahlen sie niedrigere Mieten als die Weißen. Dies sind bescheidene Teil-Erfolge zäher Verhandlungen der kanadischen Ureinwohner mit der Regierung. Die hat erst spät verstanden, dass das Wissen der Ureinwohner eine unbezahlbare Ressource für das Land darstellt und ihre Jahrhunderte alte Kultur des Überlebens unverzichtbar für alle ist. Auch die Großunternehmen, die hier Öl und Gas fördern setzen noch zu wenig auf die Inuit als wahre Fachkräfte. Niemand sonst kennt die Beschaffenheit und Dynamik des Erd- und Eisreichs, die Tier- und Pflanzenwelt besser als sie.

Wilde Natur - das suchen die meisten Touristen, die hierher kommen.
Wilde Natur - das suchen die meisten Touristen, die hierher kommen.(Foto: Holger Bergold)

Inuvik liegt 100 Kilometer vor der Küste des Eismeeres und ist die größte Stadt Kanadas nördlich des Polarkreises. 3.500 Menschen leben hier. Die Inuit – das sind all die indigenen Volksgruppen, die im arktischen Zentral- und Nordostkanada und auf Grönland leben – sind neben den Europäern mit 25 Prozent in der Minderheit. Die kleine Stadt hat eine Buchhandlung, ein College mit jährlich rund 25 Graduierten, hier steht die nördlichst gelegene Moschee Amerikas, es gibt ein alternatives Café sowie eine Kirche in Iglu-Form. "Hier hat sich Detlef D. Soost verlobt!", erzählt stolz ein Gemeinde-Mitarbeiter. Der deutsche Fitness-und Tanz-Guru ist auch hier im Eis bekannt. Sogar ein Frauengefängnis hat Inuvik, allerdings ist es wegen guter Führung seit Jahren geschlossen.

Menschenleere Landschaft

Am nächsten Morgen dann der letzte Flug, es geht mit dem Buschflugzeug über das Mackenzie-Delta direkt nach Sheep Creek, unserem Camp im Ivvavik Nationalpark. Hier werden wir vier Tage lang Ruhe tanken und eine menschenleere Landschaft erleben, so weit das Auge reicht und die Füße tragen. Unter uns schreiben unzählige Flüsse und Rinnsale eine kryptische Geheimschrift in die grünbraune Tundra, werfen baumlose Berge sanfte Schatten. Die kleine Maschine landet auf einer kurzen Schotterpiste, und nach der freudigen Begrüßung durch die Mitarbeiter von Parks Canada, die sich um diesen Teil des Gebietes kümmern, ist es – still. Einsamer geht’s nicht. Und wärmer auch nicht. Wir schwitzen bei 30 Grad im Schatten und die Sonne brennt 24 Stunden am Tag auf den Kopf. Es ist Mittsommer. Das zerstreut die Bedenken, vier Nächte im Zelt auf Frostboden zu schlafen.

Der Yukon River schlängelt sich durch die Landschaft.
Der Yukon River schlängelt sich durch die Landschaft.(Foto: Holger Bergold )

Außerdem sind da Renie und Louisa. Die beiden sind Inuvialuit-Elders, Älteste aus der Gemeinde Aklavik. Lousia wird uns die nächsten Tage mit ihren Speisen versorgen und Renie erzählt aus dem Nähkästchen der Inuvialuit, während sie kleine selbst gemachte Püppchen bestickt. Sie ist fast 70, hat ein iPad und 900 Facebook-Freunde. Mitte der 90er-Jahre war sie als Aktivistin an den Verhandlungen mit der Regierung beteiligt, sie rangen um Land und Jagdlizenzen: "Ich habe Feldstudien gemacht, die Leute interviewt, um das Wissen und die Traditionen unserer Leute zu dokumentieren. Als ich vor der kanadischen Kommission gesprochen habe, konnte ich erklären, warum die Ölfirmen nicht bohren können, wo es ihnen gefällt, weil sie sich nicht auskennen und uns die Lebensgrundlage rauben." Heute ist Renie Arey Mitglied des Jäger- und Trapper-Komitees, dem wichtigsten Entscheidungsträger für die Inuit-Community. Hier werden die Bohrvorhaben von der Inuit-Gemeinde genehmigt oder auch nicht. Oft genug setzen sich die Firmen darüber hinweg.

Medizin aus den Bäumen

Täglich kocht Renie Medizin aus getrocknetem Kiefernharz, ein uraltes Allheilmittel. Auch wir sammeln im Wald "Diamanten", die getrockneten Harztropfen, die der Baum im Frühjahr durch die Rinde drückt. Zwei Stunden wird der Sud gekocht und gesiebt. Als in der Gruppe der Sonnenstich umgeht, hilft der bittere Trunk innerhalb kurzer Zeit wieder auf die Beine.

Vier Tage hiken, chillen und den Geschichten der Inuvialuit lauschen. Die Sonne leuchtet das prachtvolle Bergpanorama stets aufs Neue in warmen Gelbtönen aus, es ist spektakulär und unmöglich, sich daran satt zu sehen. Ungläubig schöpfen wir bei Wanderungen Trinkwasser direkt aus dem Bach, es schmeckt einfach köstlich. Eine Einweisung klärt uns über örtliche Gefahren auf, wir nehmen Bären- und Mückenspray, Bärenböller und Trillerpfeife entgegen. Rachel Hansen ist Anfang 30 und als Inuvialuit hier aufgewachsen. Von klein auf hat sie gelernt, sich selbst in der Eiswüste zu orientieren: “Im Delta weiß ich, wo es langgeht, ob im Boot oder auf dem Eis.” In der Stadt aber, etwa in Ottawa, wo sie kurz lebte, sei sie verloren, erzählt sie.  

Im Sommer begleitet sie die Besucher kundig bei den Wanderungen über die Flüsse und Berge und am liebsten zum Halfway To Heaven, einem besonders schönen Aussichtspunkt. Die Grandezza der Aussicht überwältigt. Wir juchzen regelmäßig, auch, um den Bären unsere Gegenwart anzuzeigen. Zu schnell vergeht die Zeit im Park. Braungebrannt von der Polarsonne und tief entspannt treten wir den Rückweg an. Leicht fällt der Abschied nicht. Doch es locken die Fahrt auf dem Dempster Highway zurück in den Süden und all die Geschichten, die am Wegesrand noch auf die Reisenden warten.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de