Montag, 21. September 2009
Rundum-Paket "Scheidungs-Tourismus": Reisen mit Eheberatung
Steht die Ehe kurz vor dem Aus? Ein Reiseveranstalter im indischen Mumbai rät zerstrittenen Paaren, das Geld für den Scheidungsanwalt zu sparen und es lieber in eine Urlaubsreise zur Rettung ihrer Beziehung zu stecken. Bereits ab 35.000 Rupien (knapp 500 Euro) lässt sich das Rundum-Paket "Scheidungs-Tourismus" buchen - inbegriffen ist neben Übernachtung, Abenteuern, Romantik und Sightseeing auch Eheberatung vor Ort.
Eine Reise soll zerstrittenen Paaren helfen, wieder zueinander zu finden.
(Foto: REUTERS)
Vijesh Thakker, Chef von KV Tours and Travels, ist von seiner Geschäftsidee überzeugt. Paare, die auf eine Scheidung zusteuerten, könnten mit Hilfe einer entsprechend begleiteten Urlaubsreise durchaus von diesem Weg abgebracht werden, sagt er. "Wir schicken die Eheleute an einen Ort, an dem sie noch nie waren, wo es nur wenige Leute gibt - und vor allem keine Verwandten", sagt der 40-jährige Unternehmer. Am Urlaubsort wird das zerstrittene Paar dann von einem erfahrenen Eheberater betreut. Schon eine einwöchige Reise in die Berge könne genügen, um über die Zukunft einer Ehe zu entscheiden, ist Thakker überzeugt. Im Angebot hat er aber auch exotischere und teurere Ziele.
Niedrige Scheidungsrate
Indien hat traditionell eine der niedrigsten Scheidungsraten der Welt: Nur eine von 100 Ehen scheitert - in Deutschland ist es fast jede zweite Ehe. Aber auch in Indien steigt die Zahl der Trennungen. Vor allem in den Großstädten: "In Metropolen mit vielen gutausgebildeten und relativ gut verdienenden Einwohnern wie Neu Delhi, Mumbai, Bangalore und Chennai sind Scheidungen inzwischen normal", sagt Scheidungsanwalt Hasan Anzar. Vor allem Frauen seien dort finanziell unabhängiger als auf dem Land und damit auch anspruchsvoller, sagt Anzar. Darüber hinaus wollten sich mehr und mehr Inder aus ihren arrangierten Ehen befreien, um ihren Traum von einer Liebesheirat zu verwirklichen.
Die Scheidungsrate ist in Indien generell sehr niedrig.
(Foto: REUTERS)
Den Scheidungsanwalt überzeugt Thakkers Konzept. Für die Paare sei es allemal besser, auf diese Weise ihre Ehe zu retten als sich zu trennen, erklärt er: In Teilen der indischen Gesellschaft seien Geschiedene immer noch geächtet - vor allem ihre eigenen Angehörigen reagierten wütend, da für sie eine Ehe immer noch als Verbindung ganzer Familien bedeutet. Das erklärt, warum sich laut Thakker so viele Verwandte von zerstrittenen Paaren für das Pauschalangebot zur Eherettung interessieren. Sie wollten in Wirklichkeit die Familienehre retten.
Triviale Probleme lösbar
Psychotherapeutin Rhea Pravin Tembhekar hält die Eherettungsreisen ebenfalls für eine gute Idee. "Wer sich über triviale Dinge wie die Organisation des Alltags, das Geld oder die liebe Verwandtschaft streitet, der kann schonmal im Urlaub eine Lösung finden", sagt sie. Andere Probleme ließen sich jedoch nicht so einfach aus dem Weg räumen: "Häusliche Gewalt lässt sich nicht auf einer Reise abstellen".
Aber mehr und mehr Inder wollen sich aus ihren arrangierten Ehen befreien.
(Foto: REUTERS)
Unternehmer Thakker sieht das ähnlich. "Wir können das Schicksal nicht ändern", sagt der nach eigenen Angaben seit 18 Jahren glücklich verheiratete Familienvater. Er räumt ein, dass hinter seiner Idee auch handfeste Geschäftsinteressen stehen. Die weltweite Wirtschaftskrise hat die indische Tourismusbranche schwer getroffen, und seit den Terroranschlägen in Mumbai Ende vergangenen Jahres meiden viele ausländische Reisende das Land. Auch deshalb hat Thakker zerstrittene Eheleute als seine neue Zielgruppe auserkoren.
Phil Hazlewood, AFP
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