Reise
Wer in Rom noch Kutsche fahren will, muss sich beeilen.
Wer in Rom noch Kutsche fahren will, muss sich beeilen.(Foto: picture alliance / Massimo Perco)
Sonntag, 13. August 2017

Mit Strom durch die Ewige Stadt: Roms Pferdekutschen werden elektrisch

Von Andrea Affaticati, Mailand

Seit Jahren will Roms Stadtverwaltung die berühmten "botticelle" aus dem Verkehr ziehen. Jetzt scheint es so weit. Die neuen E-Kutschen sind sogar schon in Produktion, doch das letzte Wort ist noch nicht gesprochen.

Was die Fiaker für Wien sind, sind die "botticelle" für Rom. Die Wiener besingen seit eh und je ihre Kutschen, genauso wie die "stornelli romani" ihre Fuhrwerke, die die Besucher an Roms Antike vorbeikutschieren, ihnen das Kolosseum, Villa Borghese, die Spanische Treppe, Ponte Sant'Angelo, Piazza del Popolo und all die anderen Sehenswürdigkeiten der Ewigen Stadt zeigen. Doch während in Wien die Kutscher mit dem stolz getragenen schwarzen Zylinder weiter ihrem Geschäft nachgehen, könnten ihre römischen Kollegen bald statt den Zügeln das Lenkrad einer "e-botticella", einer elektrischen Kutsche, in der Hand halten. So will es zumindest die Bürgermeisterin der Fünf-Sterne-Bewegung, Virginia Raggi.

Die E-Botticelli wirken wie eine Mischung aus Oldtimer und Kutsche.
Die E-Botticelli wirken wie eine Mischung aus Oldtimer und Kutsche.(Foto: picture alliance / -/Ufficio Sta)

Einen Prototyp der elektrischen Pferdekutschen, die in Zukunft die "botticelle" ersetzen sollen, gibt es schon. Er hat Anfang Juli seine erste Rundfahrt gemacht. Vom Auditorium in der Nähe der Ponte Milvio, der Brücke mit den Liebesschlössern, bis zur Piazza Venezia, am Fuß des Kapitols. Von der Ästhetik her gibt es an dieser modernen Version des Fiakers nichts zu bemängeln. Das war auch nicht zu erwarten, immerhin genießt Italiens Design zu Recht internationales Renommee.

Die Ästhetik ist minimalistischer als bei den traditionellen Pferdekutschen, die Bottichform (daher der Name "botticella") wurde aber beibehalten. Die Karosserie ist weinrot lackiert, das Innere mit Leder überzogen, und natürlich mit einem Klappverdeck ausgestattet. Die Leistung dieser Elektrokutsche beträgt 4,5 Kilowatt und die Maximalgeschwindigkeit 25 Kilometer in der Stunde. Entworfen wurde sie vom Forschungsdezernat Polo per la mobilità sostenibile (Pomo) der römischen Universität La Sapienza.

Produktion angelaufen

Geht es nach Raggi sollen die e-botticelle so schnell wie möglich zum Einsatz kommen. Zwanzig sind schon in Produktion, weitere werden folgen. Unterstützung bekommt Roms Bürgermeisterin von Tierschützern, die schon seit langem auf Kriegsfuß mit den Kutschern stehen. Auch viele Römer befürworten die Initiative. Im Frühjahr haben 10.000 Bürger Raggi per schriftlichem Antrag aufgefordert, ihr Wahlversprechen von 2016, die "botticelle" aus dem Verkehr zu ziehen, endlich einzulösen. Zumal es nicht nur eine Quälerei ist, die Tiere in den chaotischen Verkehr der Hauptstadt zu zwingen.

Die Kutschen stellen auch eine Gefahr dar. Etliche Kutscher halten sich nicht an die Verkehrsvorschriften, fahren im Trab anstatt nur Schritt, telefonieren und überholen sogar Autos, wie zahlreiche Videos bezeugen. Im Frühjahr dieses Jahres ist auch wieder einmal ein Pferd auf offener Straße zusammengebrochen.

Die Debatte über die Abschaffung der "botticelle" ist nicht neu. Einen ersten Versuch sie zumindest aus dem Wochenverkehr zu ziehen und nur Samstag, Sonntag und an Feiertagen fahren zu lassen gab es schon 2009, doch daraus wurde nichts. 2011 wurde dann der erste Plan für die Elektrokutschen entworfen. Doch seitdem haben sich drei Bürgermeister die Klinke in die Hand gegeben und das Projekt ist immer wieder ins Stottern gekommen.

"Die Pferde sind das Problem?"

Jetzt scheint es aber soweit zu sein. Noch gibt es kein fixes Datum, wann die Anordnung in Kraft treten wird, denn vorher muss noch der Stadtrat abstimmen. Doch auch die 47 Kutscher, die noch tagtäglich die Touristen durch Rom fahren, wissen, dass sich ihre Zeit dem Ende neigt. Ihren Kampf gegen die Anordnung wollen sie aber trotzdem nicht aufgeben.

Der Verband der Kutscher hat wissen lassen, man werde den Beschluss der Bürgermeisterin nicht einfach hinnehmen, sondern sich an das Verwaltungsgericht wenden. In einem Interview mit der Tageszeitung "La Repubblica" klagt Marco Calò, der diesen Beruf seit zwanzig Jahren ausübt: "Die botticelle gehören doch zu Roms Stadtbild. Früher einmal war ich Kaufmann, dann habe ich mich aber für diesen Beruf entschieden. Ich bin Kutscher aus Leidenschaft. Und jetzt soll ich neu anfangen?".

Sein Kollege Giovanni Montori, seit 30 Jahren in der Branche, mischt sich in die Diskussion ein und sagt: "Die Pferde sind jetzt das Problem dieser Stadt? Wir halten uns strikt an die Vorschriften. Im Sommer zum Beispiel, dürfen wir von 13 bis 17 Uhr nicht fahren, und wir fahren da auch nicht. Die Pferde leiden unter dem Verkehr? Dann soll man das Zentrum endlich von den PKWs befreien anstatt sogar die Autobusse der Touristen hineinzulassen".

Quelle: n-tv.de

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