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Wilde Hühner: Melia und Hanna nebst Federvieh.
Wilde Hühner: Melia und Hanna nebst Federvieh.(Foto: dpa)

"Allein diese Stille": Urlaub im Stall gilt als chic

Stallgeruch, Mobilfunk-Löcher und rund herum nichts als Pampa - so sieht für manche Menschen der Traumurlaub aus. Was einst als spießig galt, ist wieder hip: Ferien auf dem Bauernhof. Die neue Landlust macht's möglich.

Behutsam sammelt Hanna die Eier im Hühnerstall ein. Eins nach dem anderem reicht sie Jutta Sauer, die die Eier in einen Eimer gleiten lässt. Die Vierjährige und ihre Familie nennen das Urlaub, für Sauer ist es Arbeitsalltag. Während viele Deutschen zum Sonnenbaden nach Spanien fliegen, zieht es die Mews aufs Land. Seit vielen Jahren verbringen sie ihre Ferien auf dem Bauernhof in Dangast. Dort suchen sie vor allem eins: Ruhe.

"Entschleunigung tritt hier ganz schnell ein", sagt Erna Mews. "Allein diese Stille." Bei ihr Zuhause in Dormagen, im Städtedreieck zwischen Düsseldorf, Köln und Mönchengladbach, dröhnen Flugzeuge, eine Autobahn und Fabriken. Auf Sauers Hof, 30 Kilometer südlich von Wilhelmshaven am Jadebusen gelegen, gackern meist nur die Hühner. Seit 1984 quartiert sich Erna Mews dort regelmäßig ein - früher mit ihren Kindern, inzwischen kommen auch die Enkelinnen Hanna und Melia mit.

Landwirtschaft ist "hoch technisiert"

Auf den Weiden hinter dem roten Backsteinhaus grasen die Kühe. In der Ferne brummen die Traktoren von Helmut Sauer und Sohn Hauke. Auf dem Land geht alles etwas beschaulicher zu. So empfinden es zumindest die Touristen. Doch auch hier ist die Zeit nicht stehen geblieben. "Früher mussten wir im Sommer unsere Zimmer räumen", erinnert sich Helmut Sauer. Wenn die Feriengäste kamen, zogen er und seine Geschwister auf den Boden oder in den Stall. Die Gäste saßen beim Abendbrot mit am Tisch und packten auf dem Hof an.

Bei Bäuerin Jutta Sauer brummt das Geschäft.
Bei Bäuerin Jutta Sauer brummt das Geschäft.(Foto: dpa)

Heute vermietet die Familie auf ihrem Grundstück drei Wohnungen und zwei Ferienhäuser. Auch die Landwirtschaft hat sich gewandelt: Urlauber, die vom Kühemelken oder der Maisernte träumen, könnten enttäuscht sein. "Das ist mittlerweile alles so hoch technisiert, da ist nicht mehr viel mit Helfen", meint Sauer. Hühner füttern, den Pferdestall ausmisten, im Garten wühlen und Traktor fahren - Städtern bietet das Landleben trotzdem noch Handfestes.

4,5 Millionen Deutsche verbrachten nach der jüngsten Reiseanalyse des Bundeslandwirtschaftsministeriums von Mai 2010 bis Mai 2011 ihren Urlaub auf dem Bauernhof. Diese Zahlen basieren allerdings auf einer repräsentativen Umfrage, eine genaue Statistik gibt es nicht. Danach macht der Bauernhof-Urlaub zurzeit zwar nur sechs Prozent der knapp 87 Millionen Inlandsreisen aus. Branchenvertreter gehen aber von einer steigenden Tendenz aus.

"Bedürfnis nach überschaubaren Zusammenhängen"

"Die Zahl der Übernachtungen nimmt kontinuierlich zu", sagt der Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft für Urlaub auf dem Bauernhof und Landtourismus, Frank Wetterich. Wie das Landleben selbst gilt auch der Urlaub in idyllischer Abgeschiedenheit seit neustem als chic. "In Zeiten der Globalisierung gibt es ein steigendes Bedürfnis nach überschaubaren Zusammenhängen", begründet Wetterich. "Die Leute wollen wissen, wo die Milch herkommt."

Anonyme All-Inclusive-Bettenburgen und überfrachtete Rundreisen durch ferne Länder ziehen oft nicht mehr. Das Exotische findet sich neuerdings vor der Haustür. "Fast jeder war schon auf Mallorca, aber nicht im Elbsandsteingebirge", sagt die Trendforscherin Josefine Sporer. Im Alltag klimpern die meisten Menschen nur noch auf der Computertastatur rum oder betatschen das iPhone. Auf dem Bauernhof können sie mit der Mistgabel in der Hand dagegen noch ordentlich ins Schwitzen geraten. "Das Landleben verkörpert alles, was wir in der Stadt nicht haben", sagt die Expertin vom Hamburger Trendbüro.

Bei den Sauers brummt auf jeden Fall das Geschäft. Von Ostern bis zum Ende der Herbstferien sind ihre Unterkünfte immer ausgebucht - was aber auch an der Lage liegt, gibt Jutta Sauer zu. "Der Strand ist nur einen Kilometer entfernt." Deshalb stehen ihre Gäste nicht vor der Wahl: entweder Sonnenbaden oder Kuhstall. Sie können beides haben.

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Quelle: n-tv.de