Sport
Montag, 12. Juli 2010

"Nicht mal die Kinder im Griff": Referee Webb versagt im Finale

Howard Webb hatte im WM-Finale viel zu tun, insgesamt zeigte der Schiedsrichter zwölf Gelbe Karten und einmal Gelb-Rot. WM-Negativ-Rekord und Beleg dafür, dass Webb das Endspiel nie unter Kontrolle hatte. Das lag an den tretenden Holländern, überrascht aber nicht. Denn der Polizist aus England hat noch nicht mal seine Kinder im Griff. Sagt seine Frau.

In seinem Element: Howard Webb.
In seinem Element: Howard Webb.(Foto: dpa)

Brutale Fouls und Gelb-Rekord statt Kreativität und Zauberfußball: Das WM-Endspiel zwischen den Niederlanden und Spanien in Johannesburg war über weite Strecken geprägt vom überharten Einsteigen der beiden Mannschaften. Wobei sich offenbar insbesondere die Niederländer von Beginn an vorgenommen hatten, den Iberern mit zahlreichen Fouls im Mittelfeld den Schneid abzukaufen.

Insgesamt zeigte Schiedsrichter Howard Webb zwölf Gelbe Karten - so viele wie noch nie in einem WM-Finale. Zudem sah der Holländer John Heitinga in der Verlängerung (109.) noch Gelb-Rot. Webb, das ist der beurlaubte Polizei-Sergeant aus der englischen Grafschaft Yorkshire, über den seine Frau Kay vor dem Endspiel sagte: "Er kann ja nicht mal seine Kinder kontrollieren. Ich weiß nicht, wie er das auf einem Fußball-Platz hinkriegt." Nach dem WM-Finale lässt sich konstatieren: Er hat es nicht hingekriegt. Webb hat im bedeutendsten Moment seiner Schiedsrichter-Karriere versagt.

Nicht immer auf der Höhe

Gelb für de Jongs Kung-Fu-Tritt: Es blieb nicht die einzige Fehlentscheidung von Webb.
Gelb für de Jongs Kung-Fu-Tritt: Es blieb nicht die einzige Fehlentscheidung von Webb.(Foto: AP)

Im ausverkauften Soccer-City-Stadium standen deshalb nicht das Duell um den Goldenen Ball zwischen Hollands Ballkünstler Wesley Sneijder und Spaniens ballgewandten Torjäger David Villa im Mittelpunkt, sondern Kung-Fu-Tritte und zahllose Fouls. Vor allem der brutale Tritt des früheren Hamburger Profis Nigel de Jong in der 30. Minute gegen die Brust von Xabi Alonso sorgte bei den Fußball-Fans auf der Tribüne für Entsetzen - auch, weil Webb nur Gelb statt Rot zeigte.

Final-Schiedsrichter Webb hatte die Partie wie daheim seine Kinder nie richtig im Griff, war zu oft nicht auf der Höhe und hätte in dieser Szene de Jong die Rote Karte zeigen müssen. Wie de Jong sahen die Spanier Sergio Ramos und Carles Puyol sowie die Niederländer Mark van Bommel und Robin van Persie noch vor Ablauf der ersten halben Stunde von Webb völlig zu Recht die Gelbe Karte. Wobei sich van Bommel auch über Rot nicht hätte beschweren dürfen.

Fast wurden im Endspiel zwischen den Niederlanden und Spanien - beide eigentlich als Ballkünstler geschätzt - Erinnerungen an die Kartenflut von Nürnberg bei der WM 2006 wach. Im WM-Achtelfinale zwischen den Niederlanden und Portugal (0:1) wurden insgesamt vier Spieler von Referee Walentin Iwanow des Feldes verwiesen, zudem verteilte der Schiedsrichter acht Gelbe Karten. Fast so heftig war es auch im Endspiel 2010, Webb hatte mit den beiden Furien alle Hände voll zu tun und war letztlich überfordert. Der Engländer verpasste es, frühzeitig eine Linie ins Spiel zu bringen und die Brutalitäten der Niederländer zum Beispiel mit Rot gegen van Bommel oder de Jong zu unterbinden. Die abstruse Meinung, Webb habe zu viele statt zu wenige Gelbe Karten gezeigt, hatte Franz Beckenbauer nach dem Spiel exklusiv. Weltweit.

Zwölf Gelbe Karten - Rekord!

Im zweiten Abschnitt dauerte es keine neun Minuten, ehe Sergeant Webb Holland-Kapitän Giovanni van Bronckhorst und kurz darauf Verteidiger John Heitinga ebenfalls mit Gelb verwarnte. In der 67. Minute stellte dann Spaniens Joan Capdevila dem davonstürmenden Niederländer van Persie ein Bein - wieder Gelb. Zu diesem Zeitpunkt war mit sieben Verwarnungen bereits der bisherige Negativ-Rekord aus dem WM-Endspiel 1986 zwischen Deutschland und Argentinien um eine Gelbe Karte übertroffen. Wegen Meckerns wurde auch Bayern-Star Arjen Robben (83. ) verwarnt. Gelbe Karte Nummer acht. Nach Heitingas Platzverweis sah in der Verlängerung auch noch der von Bayern umworbene Gregory van der Wiel Gelb. Nach dem Siegtreffer von Andres Iniesta wurde auch noch der tobende Joris Mathijsen verwarnt. Xavi und Torschütze Iniesta sahen auch noch Gelb, wobei die Gelbe für Iniesta wegen Trikotausziehens nach seinem Siegtor die harmloseste Verwarnung des Endspiels war.

Weit weniger auffällig war dagegen das Duell der beiden Favoriten auf den Goldenen Ball des besten Turnierspielers. Weder der Niederländer Sneijder noch der Spanier Villa konnten sich groß in Szene setzen. Bezeichnend, dass Villa in der 70. Minute den Ball aus vier Metern nicht im Tor von Oranje unterbringen konnte. Spielerisch im Mittelpunkt stand eher das spanische Mittelfeld-Ass Xavi, der Dreh- und Angelpunkt beim Europameister und im WM-Finale bester Akteur auf dem Feld war.

Nicht alle Verlierer des WM-Endspiels trugen Orange.
Nicht alle Verlierer des WM-Endspiels trugen Orange.(Foto: AP)

Und auch wenn die Fifa noch abertausende Jubelmeldungen über die "mehr als guten" Schiedsrichterleistungen in Südafrika herausposaunt: Über Howard Webbs Finaldarbietung lässt sich nach dem einmaligen Kartenfestival und vielen klaren Fehlentscheidungen partout kein Lob formulieren.

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Quelle: n-tv.de