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Durchaus erbost: Hoffenheims Torhüter Oliver Baumann diskutiert mit dem Linienrichter.
Durchaus erbost: Hoffenheims Torhüter Oliver Baumann diskutiert mit dem Linienrichter.(Foto: imago/Eibner)

"Collinas Erben" finden Wahrheit: Baumann zürnt, Vidal fürchtet Videobeweis

Von Alex Feuerherdt

Die TSG Hoffenheim ärgert sich über ein Tor, das doppelt irregulär ist, während es beim Nordduell keine Klagen gibt. Schwalben sind kein Thema in der Bundesliga. Und Deutschlands EM-Referee befindet sich auf ungewöhnlicher Mission.

Oliver Baumann war aufgebracht. Erst protestierte Hoffenheims Torwart beim Schiedsrichter Robert Hartmann. Und als er dort nicht weiterkam, begab er sich an die Seitenlinie zum Assistenten. Allein: Es half nichts, der Treffer zum 2:0 für Borussia Mönchengladbach behielt seine Gültigkeit. Was Baumann an diesem 31. Spieltag der Fußball-Bundesliga so empörte, war der Einsatz des Gladbachers André Hahn vor dem Tor: Nach einem Schuss von Raffael hatte Baumann den Ball nach vorne abgewehrt und anschließend versucht, ihn mit den Händen unter Kontrolle zu bringen. Dabei war er von Hahn entscheidend gestört worden. Der Ball gelangte schließlich zu Mahmoud Dahoud, der ihn mühelos ins Gehäuse der Hoffenheimer schob.

Mancher Betrachter mutmaßte daraufhin, dass Baumann schon deshalb nicht hätte angegriffen werden dürfen, weil er im Sprung kurz eine Hand am Spielgerät hatte. Das aber ist nicht richtig, denn eine Kontrolle des Balles, die den Torhüter regeltechnisch schützt, ist in einer solchen Situation erst dann gegeben, wenn er - so steht es in der Regel 12 (Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen) - "den Ball mit beiden Händen festhält oder ihn mit einer Hand gegen eine Oberfläche hält (z.B. am Boden, gegen den eigenen Körper)".

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Davon war der Torwart allerdings ein Stück entfernt, weshalb Hahn die Kugel grundsätzlich spielen durfte. Dass der Einsatz des Gladbachers dennoch regelwidrig war, lag daran, dass Hahn zunächst Baumanns Unterarm und erst danach den Ball getroffen hatte - was sich jedoch nur mit der Superzeitlupe und einer Ausschnittvergrößerung unzweifelhaft erkennen ließ. Dem Referee und seinem Assistenten ist daher kein Vorwurf zu machen. Sehen müssen hätte der Mann an der Linie dagegen ein Vergehen bei der Entstehung des Treffers. Als nämlich Ibrahima Traoré am Hoffenheimer Strafraum angespielt wurde und den Ball sofort zu Granit Xhaka weiterleitete, welcher wiederum mit einem Traumpass Raffael in Schussposition brachte, befand sich der guineische Nationalspieler deutlich im Abseits. Die Fahne des Assistenten blieb jedoch unten.

Derweil zeigte Manuel Gräfe am Freitagabend einmal mehr, dass er einer der stärksten deutschen Referees ist. Der Berliner wurde erstmals seit dem Relegationsspiel im vergangenen Jahr, in dem er eine heftig umstrittene und folgenreiche Freistoßentscheidung zugunsten des HSV getroffen hatte, wieder bei einer Partie der Hamburger eingesetzt - und dann gleich im brisanten Nordduell gegen Werder Bremen. Doch Gräfe erledigte diese für ihn in vielerlei Hinsicht schwierige Aufgabe gewohnt souverän, glänzte mit Ruhe und Umsicht und bewahrte auch in schwierigen Situationen die Nerven. Weniger glücklich amtierte dagegen Felix Zwayer in der Begegnung zwischen Eintracht Frankfurt und dem 1. FSV Mainz 05: In ein hart geführtes Spiel bekam er trotz acht Gelber Karten einfach keine Ruhe. Zudem übersah er die Tätlichkeiten der Mainzer Jhon Cordoba in der 75. Minute gegen David Abraham und Leon Balogun (89.) gegen Carlos Zambrano.

Warum Vidal nicht nachträglich gesperrt wird

Verschont blieb die Gilde der Unparteiischen an diesem Spieltag von weiteren Schwalben. Am vergangenen Dienstag hatte sich Arturo Vidal im DFB-Pokal-Halbfinale des FC Bayern München gegen Werder Bremen bei Referee Tobias Stieler bekanntlich durch einen allzu freiwilligen Faller einen Strafstoß erschlichen und dafür heftige Kritik geerntet. Vor allem in den sozialen Netzwerken forderten nicht wenige sogar eine nachträgliche Sperre für den Chilenen. Der DFB machte allerdings schnell deutlich, dass es keine Ermittlungen gegen Vidal geben wird. Der Grund dafür ist simpel: Da der Schiedsrichter den gesamten Vorgang gesehen und bewertet hatte - wenn auch falsch -, war eine unumstößliche Tatsachenfeststellung zustande gekommen. So wollen es die Fußballregeln, in denen es so lapidar wie unmissverständlich heißt: "Die Entscheidungen des Schiedsrichters zu spielrelevanten Tatsachen sind endgültig."

Nachträgliche Sperre? Die muss Arturo Vidal nicht fürchten.
Nachträgliche Sperre? Die muss Arturo Vidal nicht fürchten.(Foto: dpa)

Damit soll nicht zuletzt vermieden werden, dass erst die Sportgerichte mit Verzögerung Klarheit über wesentliche Ereignisse eines Spiels schaffen. Denn die Wahrheit liegt, um es mit der Dortmunder Legende Adi Preißler zu sagen, auf dem Platz - und soll auch dort bleiben. Ausnahmen kommen im Wesentlichen nur dann in Betracht, wenn sich entweder unbeobachtet vom Schiedsrichterteam eine Verfehlung zuträgt, die einen Feldverweis nach sich ziehen würde, oder der Referee einen sogenannten Regelverstoß begeht, also beispielsweise den falschen Spieler vom Platz stellt oder eine Spielfortsetzung anordnet, die von den Regeln nicht vorgesehen ist. Nachträgliche Sperren für Vergehen, die auf dem Spielfeld lediglich eine Gelbe Karte nach sich gezogen hätten - wozu auch unsportliche Täuschungen gehören -, sind dagegen grundsätzlich nicht möglich.

Aber gab es da nicht den Fall Andreas Möller? Der Dortmunder war in der Saison 1994/1995 nach einer Schwalbe im Spiel gegen den Karlsruher SC, die der Schiedsrichter irrtümlich mit einem Strafstoß belohnt hatte, vom Sportgericht für zwei Spiele aus dem Verkehr gezogen und außerdem mit einer Geldstrafe belegt worden. Es blieb dies allerdings die Ausnahme, die der DFB heute in Abgrenzung zur Causa Vidal mit dem etwas wackligen Argument begründet, bei Möller sei kein Gegenspieler auch nur in der Nähe gewesen. Vor allem aber hält sich das Sportgericht seitdem wieder konsequent an seine Grundsätze. Und das heißt auch, dass es sich "nicht als Reparaturbetrieb für falsche Schiedsrichterentscheidungen" versteht, wie sein Vorsitzender Hans E. Lorenz es einmal formuliert hat.

Brych pfeift Spitzenspiel in Saudi-Arabien

Wer das alles unbefriedigend findet und der Meinung ist, dass eine Schwalbe wie die von Arturo Vidal auf keinen Fall ungesühnt bleiben darf, wird vermutlich sehnsüchtig auf die Einführung des Videobeweises warten. Denn der soll - einen erfolgreichen Abschluss der Testphase vorausgesetzt - automatisch aufgerufen werden, wann immer ein Strafstoß verhängt wird. Ein Video-Schiedsrichter wird sich die Szene, die zum Elfmeter geführt hat, dann noch einmal anschauen und dem Referee seine Einschätzung übermitteln. Der kann dann dieses Urteil entweder unbesehen übernehmen oder sich die Wiederholung der Sequenz am Spielfeldrand noch einmal anschauen. Hätte Tobias Stieler diese Möglichkeit bereits im Pokalspiel gehabt, dann hätte er seinen Pfiff revidiert: "Ich habe einen Kontakt gesehen, aber da war keiner", sagte er nach der Partie. "Das war eine Fehlentscheidung, es tut mir leid."

Das internationale Aushängeschild der deutschen Referees, Felix Brych, hatte derweil am Sonntag einen ungewöhnlichen Auftrag: Der Münchner, der auch bei der Europameisterschaft in Frankreich mit von der Partie sein wird, leitete das Spitzenspiel in der Saudi Professional League zwischen dem Spitzenreiter Al-Ahli Dschidda und dem Tabellenzweiten Al-Hilal Riad, das die Gastgeber mit 3:1 gewannen. Für den 40-jährigen Juristen war es nach 2007 und 2009 der dritte Einsatz in dem Land am Persischen Golf. "Das sind meist richtig intensive Duelle mit etwa 30.000 fanatischen Zuschauern", hatte Brych in einem Interview nach seinem zweiten Gastspiel resümiert. Schon häufiger hat der saudische Verband Schiedsrichter für seine Spitzenpartien beim DFB angefordert, so kam beispielsweise auch Knut Kircher schon zum Zuge. Die Einteilung nimmt der deutsche Verband in Abstimmung mit der Uefa vor. Die Resonanz aus Saudi-Arabien war bislang stets positiv.

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Quelle: n-tv.de

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