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Bremens Gelb-Schinder Zlatko Junuzovic und Clemens Fritz (r.) müssen zahlen statt zuschauen. Ob das hochbezahlte Bundesligaprofis wirklich von Schummeleien abhält?
Bremens Gelb-Schinder Zlatko Junuzovic und Clemens Fritz (r.) müssen zahlen statt zuschauen. Ob das hochbezahlte Bundesligaprofis wirklich von Schummeleien abhält?(Foto: imago/Ulmer)

"Collinas Erben" über Schummler: Bremen-Urteil des DFB höhlt Fair Play aus

Von Alex Feuerherdt

"Abschreckungscharakter" und "Signalwirkung" haben die Geldbußen gegen die Bremer Junuzovic und Fritz laut DFB-Sportgericht. Tatsächlich wird das Urteil das Gegenteil von Fair Play bewirken. Mehr Pragmatismus bei Strafen ist nötig.

Zwanzigtausend Euro also. So viel müssen die Bremer Profis Zlatko Junuzovic und Clemens Fritz jeweils dafür bezahlen, dass sie sich im Bundesligaspiel gegen Hannover 96 absichtlich ihre fünfte respektive zehnte Gelbe Karte eingehandelt haben, um in der als aussichtlos geltenden Partie beim FC Bayern München gesperrt zu sein - und anschließend wieder unvorbelastet auf den Platz gehen zu können. Beide hatten nach dem Schlusspfiff in Interviews ihren Vorsatz eingeräumt – Junuzovic klar und deutlich, Fritz durch die Blume. Der Kontrollausschuss der DFB ermittelte deshalb wegen unsportlichen Verhaltens gegen die beiden, das DFB-Sportgericht beraumte eine mündliche Verhandlung an. Von einem Freispruch angesichts der Ehrlichkeit der Spieler bis zu einer Verlängerung ihrer Sperre schien alles denkbar. Heraus kam am Ende eine Geldbuße.

Das absichtliche "Abholen" von Gelben Karten verstoße gegen das Fair Play, sagte der Vorsitzende des Sportgerichts, Hans E. Lorenz, zur Begründung. Man habe aber für Ehrlichkeit "große Sympathie" und sich deshalb zu einer Strafmilderung entschlossen. Wären Junuzovic und Fritz nicht so offen gewesen und hätte man ihnen trotzdem Vorsatz nachweisen können, so Lorenz, dann hätte das eine zusätzliche Sperre zur Folge gehabt. Bei den fünf Darmstädtern, die am 21. Spieltag vor der Partie beim FC Bayern München Gelbsperren einfuhren, sei dieser Vorsatz letztlich nicht zu belegen gewesen. Die Geldstrafe gegen die beiden "geständigen" Bremer "soll Abschreckungscharakter haben, und wir erhoffen uns eine Signalwirkung", sagte Lorenz. "Nachahmungstäter" müssten wissen, dass sie mit Sperren zu rechnen haben.

Keine moralische Grundsatzfrage

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Tatsächlich wird die Signalwirkung des Urteils wohl eher darin bestehen, dass Spieler nach neuen Mitteln und Wegen suchen, um ihre Absicht nicht allzu offensichtlich werden zu lassen. Das heißt: Wer befürchten muss, dass sein Vorsatz hinter einem absurden Ballwegschlagen oder einer unsinnigen Spielverzögerung nicht nur erkennbar wird, sondern künftig auch zu einer Sperre von mehr als nur einem Spiel führt – wie es im Bereich der Uefa bereits seit 2011 üblich ist –, wird im Zweifelsfall zu einem überflüssigen Foul greifen. Eines, das ihn selbst von jedem Verdacht befreit, dem Gegner womöglich aber Schmerzen zufügt. Und er wird hinterher tunlichst den Mund halten. Dass das im Sinne des Fair-Play-Gedankens ist, darf man bezweifeln. Insofern könnte das DFB-Sportgericht in der Praxis das genaue Gegenteil davon erreichen, was ihm in der Theorie vorschwebt.

Ohnehin taugt die Angelegenheit nicht dazu, moralische Grundsatzfragen zu beantworten. Provozierte Sperren sind keine Kapitalvergehen, sie gehören schon lange zum Profifußball. Das machte auch Hans E. Lorenz deutlich, als er sagte: "Uns ist bekannt, dass man sich in der Bundesliga schon mal eine Gelbe Karte abholt, wenn die Schwiegermutter Geburtstag hat oder wenn man Nachwuchs erwartet oder einem die Busreise zum nächsten Spiel zu weit vorkommt." Spieler nutzen also das Reglement aus. Das kann man gewiss unschön finden. Doch verwerflicher und den Wettbewerb stärker verzerrend, als es die – nicht strafbare – Schonung mehrerer Stammspieler in einem unbedeutenden Ligaspiel vor einem wichtigen Match im Europacup ist, sind absichtlich herbeigeführte Sperren auch nicht. Im Gegenteil.

Ein pragmatischerer, weniger grundsätzlicher Umgang mit der Problematik hätte dem Sportgericht deshalb gut zu Gesicht gestanden. Ein Umgang, wie ihn viele Schiedsrichter in solchen Fällen pflegen. Der ehemalige Bundesliga-Referee Thorsten Kinhöfer beispielsweise berichtete kürzlich, er habe es in seiner Laufbahn häufig erlebt, dass ein Spieler ihm während der Partie ankündigte, sich seine fünfte Gelbe Karte "abholen" zu wollen. Als Unparteiischer könne man das ohnehin nicht verhindern, sagte Kinhöfer. Deshalb habe er den Betreffenden stets gebeten: "Tu wenigstens niemandem dabei weh."

Quelle: n-tv.de

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