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Eigentlich Rot - doch der Schiedsrichter entschied nach VIdeostudium auf Gelb für Chiles Jara nach dem Check gegen Werner. Nicht die erste strittige Entscheidung nach Einsatz des Videobeweis'.
Eigentlich Rot - doch der Schiedsrichter entschied nach VIdeostudium auf Gelb für Chiles Jara nach dem Check gegen Werner. Nicht die erste strittige Entscheidung nach Einsatz des Videobeweis'.(Foto: AP)
Montag, 03. Juli 2017

"Collinas Erben" zum Confed-Cup: Checks, Rügen, Video - plus Kontrollverlust

Von Alex Feuerherdt

Der Videobeweis sorgt beim Confed-Cup für Diskussionen. Seine Anwendung dauert oft lange, die Schiedsrichter wirken verunsichert, im Finale passiert ein dicker Bock. Sind das Kinderkrankheiten? Oder gibt es ein grundlegendes Problem?

Das Finale des Confed-Cups zwischen Chile und der deutschen Mannschaft (0:1) war etwas mehr als eine Stunde alt, da kam es an der Seitenlinie zu einem heftigen Zweikampf zwischen Gonzalo Jara und Timo Werner. Der Chilene fuhr dabei plötzlich ruckartig den Ellenbogen aus und traf den Leipziger mitten im Gesicht. Mit dem Einsatz um den Ball hatte diese Aktion rein gar nichts zu tun. Schiedsrichter Milorad Mažić übersah sie allerdings, er entschied auf Einwurf, während sich Werner die Wange rieb.

Daraufhin schaltete sich der Video-Assistent ein, wie es die Regularien vorsehen, wenn der begründete Verdacht besteht, dass dem Unparteiischen ein platzverweiswürdiges Vergehen entgangen ist. Nach einem kurzen Gespräch über das Headset lief der Referee an den Spielfeldrand, um sich die Szene selbst noch einmal anzuschauen. Als er auf den Platz zurückkehrte, rechnete wohl beinahe jeder, der in der Zwischenzeit im Fernsehen die Zeitlupen gesehen hatte, mit einer Roten Karte für Jara.

Zur allgemeinen Überraschung zeigte der serbische Schiedsrichter aber nur Gelb. Offenbar hatte er keinen bewussten Schlag des Chilenen erkannt, also keine Tätlichkeit und auch kein brutales Spiel, sondern regeltechnisch betrachtet bloß einen rücksichtslosen Körpereinsatz, auf den lediglich eine Verwarnung steht. Ein zweifelhaftes Urteil, denn eine solche Entscheidung gaben die Bilder eigentlich nicht her. Ein Fehler also trotz der Inanspruchnahme des Videomaterials.

War Gelb für Jara überhaupt möglich?

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Verwunderung bei vielen Betrachtern herrschte zudem darüber, dass der Videobeweis in einer rotverdächtigen Situation überhaupt in einer nachträglichen Gelben Karte münden kann. Denn hieß es nicht, nach der Prüfung einer solchen Szene gebe es nur zwei Möglichkeiten, nämlich entweder den Feldverweis oder den Fortbestand der ursprünglichen Entscheidung? Sollte Milorad Mažić also über seine Fehlwahrnehmung hinaus auch die Anweisungen falsch verstanden oder falsch praktiziert haben?

Einen Hinweis gibt das Protokoll des International Football Association Board (Ifab) zum Einsatz des Videobeweises. Dort heißt es: "Am Ende des Prüfungsvorganges fällt der Schiedsrichter die endgültige Entscheidung und zeigt das Ergebnis der Prüfung eindeutig an, trifft/ändert/widerruft jegliche Disziplinarmaßnahme (falls zutreffend) und stellt die korrekte Fortsetzung des Spiels sicher." Das Wort "jegliche" ist dabei nur so zu verstehen, dass bei der Sichtung einer platzverweisverdächtigen Situation auch eine Gelbe Karte herauskommen kann.

Das bedeutet also: Eine Verwarnung wird nur dann überprüft, wenn eine noch härtere Strafe im Raum steht, nicht aber, wenn sie möglicherweise zu Unrecht verhängt wurde. Umgekehrt kann es aber passieren, dass ein Spieler, der ursprünglich ungeschoren davonkam, nach der Prüfung, ob er ein rotwürdiges Vergehen begangen hat, (nur) eine Gelbe Karte erhält. Es entspräche auch nicht dem Sinn und Geist der Regeln, diese Option auszuschließen und den Referee vor die Extreme "Rot oder nichts" zu stellen.

Läuft noch nicht.
Läuft noch nicht.(Foto: imago/AFLOSPORT)

Nach der fragwürdigen Interpretation der Videobilder und der daraus resultierenden zu milden Strafe für Jara glitt dem Schiedsrichter die Partie allmählich aus den Händen. Bis dahin hatte er die umkämpfte und manchmal hitzige Begegnung gut unter Kontrolle, auch das Scharmützel zwischen den beiden Bayernspielern Joshua Kimmich und Arturo Vidal löste er mit einer Gelben Karte für beide angemessen auf. Milorad Mažić bemühte sich um Ruhe und bewahrte die Übersicht. Ausgerechnet der Videobeweis brachte ihn schließlich um seine Souveränität.

Abläufe müssen sich erst einspielen

Es war nicht das erste Mal beim Confed Cup, dass diese Neuerung einem Unparteiischen Probleme bereitete. Insgesamt lief ihre Anwendung noch nicht rund. Die Überprüfung von Entscheidungen etwa nahm oft mehr Zeit in Anspruch, als es nach den Vorstellungen der Verantwortlichen der Fall sein sollte. Dass ein Spiel dafür eine Minute und länger unterbrochen war, stellte eher die Regel als die Ausnahme dar. Zudem gestaltete sich die Anwendung uneinheitlich. Manche elfmeterverdächtige Strafraumszenen schauten sich die Schiedsrichter nach Rücksprache mit den Video-Assistenten noch einmal an, andere nicht. Und das in durchaus vergleichbaren Situationen. Auch die Abläufe wirkten manchmal unklar und wenig transparent.

Richtige Entscheidung in letzter Sekunde.
Richtige Entscheidung in letzter Sekunde.(Foto: imago/Schüler)

Beim Gruppenspiel zwischen Deutschland und Kamerun (3:1) hätte der Einsatz des Videobeweises einen Fehler des Schiedsrichters beinahe sogar verschlimmert: Der Referee hatte ohne technische Hilfe zunächst den falschen kamerunischen Spieler wegen eines rüden Fouls verwarnt und zeigte diesem Akteur nach Betrachten der Bilder auch noch die Rote Karte. Erst nach stürmischen Protesten und einem erneuten Videostudium wurde der eigentliche Täter mit dem Feldverweis bestraft. Zwei Minuten und 45 Sekunden dauerte das Prozedere, zwischen dem Foul und der Ausführung des Freistoßes vergingen sogar mehr als vier Minuten – eindeutig zu viel.

Das hat allerdings nachvollziehbare Ursachen. Der Videobeweis ist für alle Beteiligten neu und muss sich in der Praxis erst etablieren. Das sportlich wenig bedeutende Turnier in Russland war insoweit ein Testlauf. Dass es dabei noch etwas klemmte und holperte, darf man getrost als Teil eines Lernprozesses betrachten. Sowohl die Referees als auch die Video-Assistenten beim Confed Cup hatten bislang kaum Erfahrungen mit dem Einsatz der Technik gemacht und waren auch untereinander nicht eingespielt. "Vor dem Turnier hatte man nicht einmal zwei Wochen, um die Teilnehmer vorzubereiten und mit den wichtigsten Sachverhalten vertraut zu machen", sagte Hellmut Krug, bei DFB und DFL als Projektleiter für den Videobeweis zuständig, dem "Kicker".

Gründlichere Vorbereitung in der Bundesliga

In Deutschland dagegen "arbeiten wir mit unseren Schiedsrichtern bereits seit über einem Jahr sehr intensiv an diesem Thema", so Krug. Einem monatelangen "Offline-Test" an jedem Bundesliga-Spieltag, bei dem die Video-Assistenten noch keine Sprechverbindung zum Unparteiischen auf dem Feld hatten, folgten eigens anberaumte Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die sogenannten "Pre-Live-Tests". In diesen konnte jeder Bundesliga-Schiedsrichter den Videobeweis mehrmals "online" üben – als Referee auf dem Feld wie auch als Video-Assistent vor den Bildschirmen im Studio.

Ein deutlicher Unterschied zum Confed Cup wird darin bestehen, dass sich die Unparteiischen in der Bundesliga nur selten eine Szene noch einmal am Spielfeldrand ansehen werden. Denn der Video-Assistent soll grundsätzlich nur dann intervenieren, wenn er einen klaren, unauslegbaren Fehler des Unparteiischen in den Bereichen Torerzielung, Strafstoß, Rote Karte und Spielerverwechslung entdeckt. Hat er Zweifel oder liegt eine Entscheidung im Graubereich, dann bleibt es normalerweise bei der auf dem Feld getroffenen Entscheidung. Auf diese Weise sollen die gröbsten Patzer ausgebügelt und Unterbrechungen gleichzeitig auf ein Minimum reduziert werden.

Beim Confed Cup dagegen eilten die Schiedsrichter recht häufig an die Seitenlinie zum Monitor – vielleicht auch deshalb, weil sich die Video-Assistenten manchmal noch nicht recht trauten, eine klare Einschätzung zu einer Situation abzugeben, und sie lieber dem Unparteiischen überließen. In der höchsten deutschen Spielklasse soll das anders sein und zudem "viel im Hintergrund ablaufen", wie Bundesliga-Referee Patrick Ittrich bei einem Workshop zum Videobeweis in Hannover sagte. Manche Checks von kritischen Szenen "bekommt die Öffentlichkeit vielleicht gar nicht so mit", so der 38-Jährige weiter. Trotzdem würden alle relevanten Entscheidungen überprüft – und zwar "so schnell wie möglich", wie Hellmut Krug sagt.

Debatte zwischen Befürwortern und Kritikern

Beim Turnier in Russland – das sollte bei aller Aufregung über Unebenheiten und Fehler bei der Anwendung nicht unterschlagen werden – hat der Einsatz des Video-Assistenten immerhin dazu geführt, dass mehrere falsche Entscheidungen verhindert respektive korrigiert wurden. Eine fehlerhafte Anwendung wie im Finale blieb die Ausnahme. Dennoch ist die Debatte zwischen Befürwortern und Kritikern des Videobeweises neu entbrannt.

Die Kritiker machen unter anderem geltend, dass durch die Technik zu stark ins Spiel eingegriffen wird, die Unterbrechungen zu lange dauern und die Nerven von Spielern wie Fans besonders nach Toren zu stark strapaziert werden. So dauerte es beispielsweise in der Partie zwischen Portugal und Mexiko (2:2) gut zwei Minuten, ehe feststand, dass der Treffer zum 2:1 für den Europameister kurz vor Schluss zählte.

Die Befürworter des Videobeweises argumentieren dagegen, dass Genauigkeit vor Geschwindigkeit geht und es am wichtigsten ist, dass eine Entscheidung mit direkter Auswirkung auf das Spiel korrekt ist. Unter diesem Aspekt hat die Neuerung beim Confed Cup funktioniert, wenn man von der spektakulären Ausnahme im Endspiel absieht. Die Diskussionen zeigen gleichwohl, dass sich nicht nur die Schiedsrichter erst daran gewöhnen müssen, dass sich im Profifußball etwas Wesentliches ändert.

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Quelle: n-tv.de

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