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Nicht sein Tag: Schiedsrichter Felix Brych in Dortmund.
Nicht sein Tag: Schiedsrichter Felix Brych in Dortmund.(Foto: imago/ActionPictures)
Montag, 08. Mai 2017

"Collinas Erben" legen sich fest: Kein "Scheißjob": Brych bleibt Nummer eins

Von Alex Feuerherdt

Bei der nicht unwichtigen Partie um die direkte Qualifikation für die Champions League zwischen der Dortmund Borussia und der TSG Hoffenheim macht Schiedsrichter Felix Brych ungewohnt viele und gravierende Fehler. Wie konnte das passieren?

Gerade im Moment heftiger Kritik sollte nicht in Vergessenheit geraten, dass Felix Brych seit Jahren die unangefochtene Nummer eins unter den deutschen Unparteiischen ist - und sich diesen Status mit starken Auftritten verdient hat. Dreimal - 2013, 2015 und 2016 - kürte ihn der Deutsche Fußballbund zum "Schiedsrichter des Jahres". Der 41-Jährige pfiff bei einer Welt- und einer Europameisterschaft, auch in der Champions League kommt er regelmäßig in Spitzenspielen zum Einsatz. Nicht zuletzt wegen seiner starken Persönlichkeit ist der Münchner weithin geschätzt.

Deshalb war es nur folgerichtig, dass er vom DFB auch mit der Leitung der Partie zwischen Borussia Dortmund und der TSG Hoffenheim (2:1) betraut wurde. Schließlich kämpfen beide Klubs um die direkte Qualifikation für die europäische Königsklasse, da war diese Begegnung am drittletzten Spieltag der Saison richtungweisend. Brych erwischte allerdings - was ihm nur ganz selten passiert - einen schwarzen Tag. Bei mehreren wichtigen Entscheidungen lag er falsch, jedes Mal zum Nachteil der Gäste. Wie konnte es dazu kommen?

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Beim ersten Fehlgriff nach knapp vier Minuten liegt die Erklärung nahe: Offenbar erkannten weder Brych noch sein Assistent, dass der Dortmunder Gonzalo Castro nach einem weiten Pass von Raphael Guerreiro den Ball noch berührt hatte, bevor er zu Marco Reus gelangte, der zum 1:0 einschob. Ohne diesen Ballkontakt von Castro wäre Reus nicht im Abseits gewesen, weil dann das Zuspiel von Guerreiro maßgeblich gewesen wäre und Reus in diesem Moment mehrere Gegner vor sich hatte. So aber lag eine deutliche Abseitsstellung vor.

Dem Assistenten war im Augenblick von Castros Ballberührung die Sicht durch zwei Hoffenheimer Spieler verdeckt, deshalb konnte er nicht sehen, ob Guerreiros Zuspiel noch verlängert wurde. Brych dagegen hatte in dieser Szene einen sehr guten Blickwinkel und eine optimale Distanz. Deshalb hätte man eigentlich erwarten können, dass die beiden in ihrer Besprechung an der Seitenlinie über die wesentlichen Informationen verfügen und sie zusammenbringen: Der Assistent hätte seinen Chef über die Abseitsstellung von Reus als solche benachrichtigt, der Schiedsrichter seinen Helfer über den Ballkontakt von Castro im entscheidenden Moment.

Das falsche Handspiel geahndet

Auch der Vierte Offizielle hätte helfend eingreifen können - zumindest theoretisch. Seine Position und seine Perspektive waren in diesem Moment allerdings naturgemäß ungünstig. Zudem gehört die Beurteilung von Abseitssituationen nicht zu seinen Kernaufgaben, dafür sind vor allem die Assistenten da. Daher ist der Hoffenheimer Trainer Julian Nagelsmann ein wenig über das Ziel hinausgeschossen, als er nach dem Spiel verärgert sagte, der Vierte Schiedsrichter möge doch bitte grundsätzlich mehr auf den Ball schauen und weniger auf die Übungsleiter an der Seitenlinie.

Elfmeter für den BVB: Die Hoffenheimer Oliver Baumann, Benjamin Hübner und Kevin Vogt sind nicht mit Felix Brychs Entscheidung einverstanden.
Elfmeter für den BVB: Die Hoffenheimer Oliver Baumann, Benjamin Hübner und Kevin Vogt sind nicht mit Felix Brychs Entscheidung einverstanden.(Foto: imago/Uwe Kraft)

Der nächste Pfiff des Unparteiischen, der die Gäste aus dem Kraichgau erregte, ertönte in der 13. Minute, als es nach einem Handspiel von Pavel Kaderabek einen Strafstoß für Borussia Dortmund gab. Über dessen Berechtigung lässt sich trefflich streiten, nicht jedoch darüber, dass es gar nicht erst zu dieser Szene hätte kommen dürfen. Denn kurz, bevor Kaderabek den Ball mit der Hand spielte, hatte es bereits Marco Reus getan, als er einen langen Ball von Julian Weigl mit der Brust anzunehmen versuchte, sich jedoch verschätzte und die Kugel mit dem Oberarm annahm. Die folgende Flanke landete dann am Unterarm des Hoffenheimers.

Aus Brychs Perspektive dürfte es nicht klar zu erkennen gewesen sein, ob Reus den Ball mit der Brust oder mit dem Arm gespielt hatte. Und man pfeift als Referee nun einmal nicht einfach auf Verdacht. Als Rechtfertigung würde das jedoch gewiss nicht einmal der Schiedsrichter selbst ins Feld führen wollen. Er hätte sich einfach in eine günstigere Position bringen müssen. Der Ball war schließlich lange genug unterwegs, um das zu bewerkstelligen, Brych wurde hier nicht von einem unerwarteten Spielzug überrascht. Geahndet hat er letztlich das falsche Handspiel.

Auf der anderen Seite hätten auch die Hoffenheimer gerne einen Elfmeter gehabt, als Sokratis nach einem Eckstoß in der 40. Minute ausgiebig am Trikot von Sandro Wagner zerrte und dessen Leibchen so einer regelrechten Zerreißprobe unterzog. Ein Elfmeterpfiff wäre hier tatsächlich angebracht gewesen – zumal das Halten von Sokratis‘ Mitspieler Matthias Ginter gegen Wagner, das Brych in der 85. Minute schließlich mit einem späten Strafstoß für die Gäste ahndete, im Vergleich dazu das geringere Vergehen darstellte.

Nagelsmann kritisiert und fühlt mit

Dass Sokratis' Foul ungeahndet blieb, mag daran liegen, dass bei Eckstößen von Abwehrspielern wie von Stürmern stets gerne gerangelt, gezupft und gedrückt wird. Für den Schiedsrichter ist es in solchen Situationen nicht einfach, den Überblick zu behalten - er kann seine Augen schließlich nicht überall haben. Andererseits war das Textilvergehen des Dortmunder Innenverteidigers zum einen von einiger Dauer und zum anderen recht plump. Brych hatte deshalb durchaus die Möglichkeit, es zu sehen und zu bestrafen.

Im Unterschied dazu war es überaus schwer zu erkennen, ob sich der durchgestartete Hoffenheimer Andrej Kramaric in der 45. Minute tatsächlich im Abseits befand, wie der Assistent urteilte. Bei dieser Entscheidung ging es um Zentimeter. Die Fernsehbilder legten nahe, dass sich das Schiedsrichterteam erneut geirrt hatte. Zum Vorwurf kann ihm das jedoch nicht ernsthaft gereichen, dafür ging es einfach zu knapp zu. In solchen Situationen benötigt vor allem der Assistent auch eine Portion Glück. Dass sie ihm hier fehlte, passte jedoch zum unglücklichen Auftritt des Gespanns der Unparteiischen an diesem Tag.

"Schiri ist eben auch ein Scheißjob", sagte der Hoffenheimer Trainer Julian Nagelsmann nach dem Abpfiff. Felix Brych wird diese Aussage gewiss nicht teilen, in Bezug auf die Partie am Samstag aber zumindest einen Stoßseufzer losgeworden sein. Seinen Status als Nummer eins unter den deutschen Schiris vermag die ausnahmsweise fehlerhafte Spielleitung dennoch nicht infrage zu stellen. Dafür hat der Jurist oft genug unter Beweis gestellt, dass er ein außergewöhnlich befähigter Referee ist. Schlechte Tage sollte man den Unparteiischen außerdem genauso zugestehen wie den Spielern auch.

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Quelle: n-tv.de

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