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Und tschüss: Knut Kircher zeigt Xabi Alonso die Rote Karte.
Und tschüss: Knut Kircher zeigt Xabi Alonso die Rote Karte.(Foto: dpa)

"Collinas Erben" rechnen ab: Kießling tritt kostenlos, Alonso zahlt doppelt

Von Alex Feuerherdt

Beim Spiel der Leverkusener gegen den FC Bayern verzockt sich der Schiedsrichter ausnahmsweise, lässt zu viele Härten ungeahndet - was den Gastgebern hilft. In Mönchengladbach meistert sein Kollege derweil auch knifflige Situationen gut.

Es mag kurios klingen, doch nicht nur die Mannschaften, sondern auch die Schiedsrichter verfolgen eine Taktik, um zum Erfolg zu kommen. Die Unparteiischen haben bei der Auslegung der Fußballregeln nämlich gewisse Spielräume, etwa bei der Antwort auf die Frage, wo die Grenze zwischen erlaubt hartem und verbotenem Körpereinsatz zu ziehen ist und wann ein Foulspiel nicht nur mit einem Freistoß oder Strafstoß, sondern auch mit einer Verwarnung oder gar einem Feldverweis geahndet werden muss. Und diese Spielräume versuchen sie so geschickt wie möglich zu nutzen, um eine Partie in geordneten Bahnen zu halten.

Grundsätzlich gilt dabei: In erkennbar härteren Begegnungen pfeifen die Referees eher streng, um die Gefahr einer Treterei einzudämmen, in fairen Spielen lassen sie die Zügel etwas lockerer und mehr Körpereinsatz zu. Ändert sich der Spielcharakter, passen sie auch ihre Linie an. Welche Auswirkungen die Taktik des Schiedsrichters auf ein Spiel haben kann, lässt sich an den beiden Partien zwischen dem FC Bayern München und Bayer 04 Leverkusen in dieser Bundesligasaison besonders gut zeigen.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Im Hinspiel in der Münchner Arena, das Ende August stattfand, legten beide Teams zu Beginn eine recht harte Gangart an den Tag, woraufhin der Unparteiische Florian Meyer in den ersten 20 Minuten gleich viermal die Gelbe Karte zog. Es waren allesamt vertretbare, aber nicht in jedem Fall zwingende Verwarnungen, mit denen Meyer Ruhe in die Partie bringen wollte. Ein solches Unterfangen birgt für den Referee ein gewisses Risiko, denn wenn die Akteure ihr raues Spiel einfach fortsetzen, sind eine unschöne Kartenflut und jede Menge Hektik beinahe unvermeidlich, will der Schiedsrichter nicht inkonsequent sein. Meyer jedoch hatte - auch dank seiner Persönlichkeit und seiner Akzeptanz - mit der gewählten Strategie Erfolg: Die Begegnung beruhigte sich, und bis zum Schlusspfiff musste er nur noch einmal in die Brusttasche greifen.

Kirchers "lange Leine" kontraproduktiv

Meyers Kollege Knut Kircher dagegen wählte an diesem 20. Spieltag am Samstagabend im Rückspiel zwischen Bayer und Bayern einen anderen Weg, obwohl die Voraussetzungen ähnlich waren wie in der Hinrundenpartie. Vor allem die Leverkusener gingen sehr körperbetont zu Werke und überschritten die Grenzen des Zulässigen dabei insbesondere in der ersten Hälfte ein ums andere Mal. Die Absicht, die mit dieser Spielweise verfolgt wurde, lag auf der Hand: Die technisch überlegenen und individuell stärkeren Münchner sollten auch mit physischer Intensität - und notfalls mit Fouls - daran gehindert werden, ihr Spiel aufzuziehen. Die regelwidrigen Härten häuften sich dabei derart, dass der Schiedsrichter eigentlich gefordert gewesen wäre, dem Treiben Einhalt zu gebieten - auch mithilfe von Personalstrafen.

Durchaus aggressiv: Stefan Kießling.
Durchaus aggressiv: Stefan Kießling.(Foto: imago/Team 2)

Stefan Kießling beispielsweise bewarb sich mit harten Fouls gegen Joshua Kimmich, Xabi Alonso und Arturo Vidal gleich dreimal um eine Gelbe Karte, kam jedoch ohne Verwarnung davon, obwohl es vor allem bei seinem Tritt gegen Alonso für den Unparteiischen eigentlich keinen Spielraum mehr gab. Auch andere Leverkusener, etwa Ömer Toprak und Tin Jedvaj, hätten sich über den gelben Karton nicht beschweren können. Kirchers "lange Leine" bei der Kartenvergabe - die er dank seines souveränen Auftretens normalerweise problemlos umsetzt und die sich sonst oft positiv auf das Spiel auswirkt - tat der Begegnung diesmal nicht gut. Denn die Partie wurde zunehmend hektisch und fahrig, litt unter den häufigen Unterbrechungen und unter den auch verbal ausgetragenen Scharmützeln zwischen den Spielern.

Dass das Spiel schließlich ohne jede Verwarnung für die Gastgeber endete, während die Gäste beim Abpfiff nur noch zu zehnt auf dem Rasen standen, passte zum etwas unglücklichen Eindruck, den Knut Kircher hinterließ. Zwar waren die Gelbe und die Gelb-Rote Karte für Xabi Alonso, jeweils wegen eines taktischen Fouls, für sich genommen vertretbar. Doch wenn man bedenkt, welche Vergehen der Leverkusener ungestraft blieben, stimmte die Verhältnismäßigkeit nicht, und die Personalstrafen spiegelten den Spielcharakter auch nicht wider. Dass sich die Bayern dennoch nicht übermäßig laut über den Schiedsrichter beklagten, hat zweifellos viel mit dem großen Respekt zu tun, den sich Kircher im Laufe seiner Karriere verdient hat - und der auch am Samstag bei aller Aufregung zu spüren war.

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Junuzovic sieht nachträglich Gelb

In Mönchengladbach, wo die Borussia den Spieltag am Freitagabend gegen Werder Bremen eröffnete, bot Schiedsrichter Sascha Stegemann unterdessen eine gute Vorstellung. Seine sachliche, unaufgeregte Körpersprache war wohltuend, die gelegentlichen Proteste der Bremer ließ er unbeeindruckt an sich abprallen. Zudem lag der Referee in den spielentscheidenden Situationen richtig: Beide Strafstöße waren korrekt, und es war auch nachvollziehbar, den Einsatz des Gladbachers Mahmoud Dahoud gegen Jannik Vestergaard vor dem Eckstoß, der zum 3:0 führte, nicht als Foulspiel gewertet zu haben, da auch der Bremer zog und zerrte.

Die regeltechnisch anspruchsvollste Situation hatte Stegemann jedoch in der 74. Minute zu bewältigen. Als der Bremer Zlatko Junuzovic den Gladbacher Nico Elvedi kurz vor dessen Strafraum über den Haufen rannte und ihn dabei im Gesicht traf, ließ der Unparteiische zu Recht zunächst weiterspielen, weil sich für die Gastgeber eine gute Kontermöglichkeit ergab. Elvedi blieb derweil verletzt am Boden liegen. Der Mönchengladbacher Angriff endete schließlich am Bremer Strafraum, woraufhin die Norddeutschen ihrerseits zum Kontern ansetzten. Weil Elvedi jedoch immer noch nicht wieder auf den Beinen war, unterbrach der Referee nun das Spiel - zum Ärger der Bremer, die eine Ungleichbehandlung beklagten, weil der Schiedsrichter zuvor den Gladbacher Angriff laufen lassen hatte.

Dazu muss man wissen, dass der Schiedsrichter für den Fall, dass ein Spieler am Boden liegen bleibt, die Partie nur unterbrechen soll, wenn er überzeugt ist, dass eine ernste Verletzung vorliegt. Das ist manchmal jedoch schwer zu beurteilen - insbesondere dann, wenn sich das Spielgeschehen rasch verlagert und er ihm deshalb folgen muss. Häufig spielt eine Mannschaft den Ball in einer solchen Situation von sich aus ins Seitenaus. Die Gladbacher jedoch wollten ihre plötzliche Kontermöglichkeit nutzen - und hatten in der Eile vielleicht auch gar nicht bemerkt, dass ihr Mitspieler womöglich Hilfe benötigt. Für Sascha Stegemann gab es zu diesem Zeitpunkt jedenfalls noch keine Anzeichen, dass eine Spielunterbrechung unbedingt erforderlich ist.

Als die Bremer dann in Ballbesitz kamen und Elvedi sich noch immer auf dem Rasen krümmte, musste der Schiedsrichter allerdings von einer ernsthaften Verletzung ausgehen – schließlich hatte der Verteidiger schon während des gesamten Angriffs seiner eigenen Mannschaft am Boden gelegen, was eine Simulation unwahrscheinlich erscheinen ließ. Hätte Stegemann auch jetzt noch weiterspielen lassen, wäre möglicherweise die Gesundheit des Gladbacher Spielers riskiert worden - zumal der Bremer Angriff auch noch über die Seite lief, auf der Elvedi lag. Hinzu kam, dass die Bremer so Profit aus einer Situation geschlagen hätten, die sie selbst erst durch ein Foul heraufbeschworen hatten. Daher war die Spielunterbrechung durch den Schiedsrichter richtig - wie übrigens auch die Gelbe Karte, die Junuzovic nun nachträglich für sein unfaires Einsteigen sah.

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Quelle: n-tv.de

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