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War kein Foul: Paderborns Stefan Kutschke hat's Schiedsrichter Marco Fritz gesagt. In dieser Szene allerdings ging es um etwas anderes.
War kein Foul: Paderborns Stefan Kutschke hat's Schiedsrichter Marco Fritz gesagt. In dieser Szene allerdings ging es um etwas anderes.(Foto: imago/Eibner)

"Collinas Erben" sind für Offenheit: Kutschke klasse, Völler sauer, Robben fällt

Von Alex Feuerherdt

Ein Aufsteiger setzt im Ostwestfälischen Maßstäbe beim Fair-Play in der Fußball-Bundesliga. Derweil diskutieren sie in Köln und Augsburg heftig über Elfmeter. Und ein früherer Nationaltrainer läuft heiß und knöpft sich den Schiedsrichter vor.

In Paderborn lief die 39. Minute, da machte sich Stefan Kutschke mit dem Ball am Fuß eilenden Schrittes auf den Weg zum Tor der Gäste aus Mönchengladbach, die zu diesem Zeitpunkt mit 2:0 beim Aufsteiger führten. Verfolgt wurde Kutschke dabei von Christoph Kramer, dem Weltmeister, der ihn im Mittelfeld - so sah es zumindest auf den ersten Blick aus - wenig weltmeisterlich von den Beinen holte, um den Konter der Hausherren zu unterbinden. Schiedsrichter Marco Fritz pfiff und zeigte Kramer die Gelbe Karte wegen taktischen Foulspiels. Die Angelegenheit schien eigentlich sonnenklar, doch der Gladbacher protestierte vehement gegen die Verwarnung.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Was dann geschah, schildert der vermeintlich Gefoulte so: "Ich bin zum Schiedsrichter gegangen und habe ihm gesagt, dass ich ausgerutscht bin. Das ist doch selbstverständlich." Der Unparteiische nahm die Gelbe Karte für Kramer zurück und bedankte sich per Handschlag bei Kutschke für dessen bemerkenswerte Offenheit. Statt eines Freistoßes für Paderborn gab es einen Schiedsrichterball - das ist die obligatorische Spielfortsetzung, wenn der Referee die Begegnung irrtümlich unterbrochen hat. "Klasse, einfach klasse" fand Gladbachs Trainer Lucien Favre die nicht alltägliche Aktion des Paderborners, und Kramer räumte ein: "Ich glaube, ich hätte das umgekehrt nicht getan." Was aber wäre passiert, wenn Kutschke sich  sogar einer unsportlichen "Schwalbe" bezichtigt hätte? Wäre der Schiedsrichter verpflichtet gewesen, ihm selbst den gelben Karton vor die Nase zu halten?

Nein - denn ein Spieler soll für seine Aufrichtigkeit nicht bestraft werden. Die Annullierung einer Entscheidung des Unparteiischen ist übrigens nur so lange möglich, wie das Spiel noch nicht wieder aufgenommen wurde. Läuft es wieder, dann gibt es kein Zurück mehr, sondern allenfalls noch einen Vermerk im offiziellen Spielbericht. Alles Weitere wäre dann die Sache der sportgerichtlichen Instanzen.

Tackling gegen Arjen Robben

Für Gesprächsstoff sorgten aber auch diverse Situationen, in denen es um die Frage ging: Elfmeter oder nicht? So forderten die Bayern bei ihrem Gastspiel in Köln bereits nach vier Minuten vergeblich einen Strafstoß, als Arjen Robben im Strafraum nach einem Tackling von Daniel Halfar zu Fall kam. Und die Dortmunder waren darüber erbost, dass Schiedsrichter Peter Gagelmann nicht auf den Punkt zeigte, als Ramos in der 66. Minute von Joel Matip hart an der Strafraumgrenze ein Bein gestellt bekam. Beide klagten durchaus zu Recht - allerdings muss man dabei berücksichtigen, dass sich die Dinge aus der Perspektive des Referees auf dem Platz oft weit weniger eindeutig darstellen als für den Fernsehzuschauer nach mehreren Zeitlupen.

Zudem werden die Stürmer immer cleverer, wenn es darum geht, "den Kontakt zu suchen" oder "einzufädeln", wie es in der Reportersprache häufig heißt. Offiziell sind diese Aktivitäten allerdings gar nicht erfasst - in der Regel 12 ("Verbotenes Spiel und unsportliches Betragen") ist vielmehr lediglich festgelegt, welche Vergehen unzweifelhaft als Foul einzustufen sind und welche Voraussetzungen dafür erfüllt sein müssen. Daraus ergibt sich umgekehrt, dass kein Einsatz geahndet wird, der die Kriterien für ein Foulspiel nicht erfüllt. Manchmal ist es allerdings schwierig, diesbezüglich zu einem eindeutigen Urteil zu kommen, zumal in der Realgeschwindigkeit des Spiels.

So wie beispielsweise in der 27. Minute der Begegnung zwischen dem FC Augsburg und Hertha BSC: Augsburgs Raul Bobadilla legte den Ball am Berliner Torhüter Thomas Kraft vorbei und kam dann zu Fall, wobei kaum zuverlässig zu sagen war, ob Bobadilla seinen Fuß durchaus freiwillig in Krafts Körper verhakt hatte und daraufhin zu Boden gegangen war oder ob Krafts Körpereinsatz für Bobadillas Niedersinken verantwortlich gemacht werden konnte. Für das eine wie für das andere sprachen gute Gründe, dementsprechend unterschiedlich fielen auch die Einschätzungen der beiden Trainer aus. "Das war nie und nimmer ein Foul", sagte Herthas Coach Jos Luhukay, während Augsburgs Übungsleiter Markus Weinzierl befand: "Der Torwart kommt zu spät, berührt Bobadilla, das kann man pfeifen." Im Fußball gibt es eben nicht nur Schwarz und Weiß. Schiedsrichter Bastian Dankert lag letztlich näher an Weinzierls Position: Er gab einen Elfmeter.

Bliebe noch Rudi Völler, Sportdirektor von Bayer 04 Leverkusen und regelmäßiger Kritiker der Unparteiischen. Er habe sich Referee Felix Brych "schon in der Halbzeitpause vorgeknöpft", sagte der ehemalige Nationaltrainer nach dem Spiel seines Klubs beim SC Freiburg. "Alle deutschen Schiris, die international pfeifen, ziehen viel zu schnell die Gelbe Karte", fand er. Doch 44 Fouls - das ist Saisonhöchstwert in der Bundesliga - sind eine Menge Holz, und so waren die acht Verwarnungen und die zwei Gelb-Roten Karten absolut folgerichtig. Vielleicht sollte sich Völler deshalb besser seine eigenen Spieler "vorknöpfen". Womöglich foulen die international ja deutlich weniger als in der Bundesliga.

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Quelle: n-tv.de

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