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"Eine vertretbare Rote Karte, die man nicht zu hundert Prozent geben muss": Julian Nagelsmann.
"Eine vertretbare Rote Karte, die man nicht zu hundert Prozent geben muss": Julian Nagelsmann.(Foto: imago/Thomas Bielefeld)

"Collinas Erben" entdramatisieren: Nagelsmann cooler als Schaaf und Labbadia

Von Alex Feuerherdt

Hoffenheims Trainer kann trotz der Niederlage beim BVB die Rote Karte für seinen Spieler verstehen, selbst der Betroffene grollt dem Schiedsrichter nicht. Der oberste Sportrichter des DFB sagt ohnehin: Nie sei der Fußball so anständig gewesen.

Sie haben viel diskutiert in dieser Woche: über das Verhältnis zwischen Schiedsrichtern und Trainern im Allgemeinen und über die Frage, ob Felix Zwayers Reaktion auf Roger Schmidts unsportliches Verhalten beim Spiel der Fußball-Bundesliga gegen die Dortmunder Borussia nun angemessen oder überzogen war, im Besonderen. Der Leverkusener Trainer erfuhr dabei die Solidarität seiner Kollegen Thomas Schaaf von Hannover 96 und Bruno Labbadia vom Hamburger SV. Beide zeigten Verständnis für Schmidts Reaktion und nannten das Urteil des DFB gegen den Übungsleiter - der mit einem Innenraumverbot für fünf Spiele belegt wurde, davon sind zwei Spiele bis zum Ende der kommenden Saison zur Bewährung ausgesetzt - "einen Hammer" (Schaaf) und "heftig" (Labbadia).

Sein Chef, Herbert Fandel, wiederum stärkte Zwayer den Rücken. Der Vorsitzende der DFB-Schiedsrichter-Kommission hieß dessen Vorgehen ausdrücklich gut und beklagte einen generellen Verfall der Sitten: "Wir haben den Tiefpunkt einer leider erheblich negativen Entwicklung erlebt. Es ist respektloser geworden, in einer Art und Weise, die nicht länger akzeptabel ist. Seit Beginn der aktuellen Spielzeit befinden wir uns sichtlich in einer Negativspirale. Die Schiedsrichter werden dabei immer häufiger zum Alibi. Jede kleinste Entscheidung wird kritisiert und überhöht."

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Dass es auch ganz anders geht, zeigte an diesem 23. Spieltag der mit Abstand jüngste Bundesligatrainer - und das nach einer Partie, in der sein Team lange überraschend geführt hatte, bevor es durch eine kontroverse Entscheidung des Schiedsrichters dezimiert wurde und doch noch verlor. Die Szene nach einer knappen Stunde, die Sebastian Rudy am Sonntagabend in Dortmund einen Platzverweis durch Peter Sippel eintrug, kommentierte Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann beim Bezahlsender "Sky" nüchtern und verständnisvoll: "Rudy will ein kleines taktisches Foul machen. Es sieht dann schon rüde aus, weil er von hinten in die Beine geht. Ich glaube, es ist eine vertretbare Rote Karte, die man nicht zu hundert Prozent geben muss. Aber man kann sich auch nicht beschweren, dass der Schiedsrichter sie gibt."

Auch der Bestrafte selbst hegte keinerlei Groll: "Ich wollte den Ball spielen, und in dem Moment, wo Aubameyang den Ball wegspitzelt, komme ich zu spät und von hinten. Es tut mir auf jeden Fall leid, dass ich ihn so erwischt habe. Meiner Meinung nach war es keine Rote Karte, aber man muss die Entscheidung des Schiedsrichters akzeptieren." Tatsächlich hatte der Nationalspieler wohl in erster Linie vor, einen Dortmunder Konter zu stoppen. Dabei kam er allerdings derart deutlich zu spät, dass der Ball nicht mehr spielbar war und das taktische Foul aus einer Grätsche von hinten mit Anlauf bestand. Schiedsrichter Sippel erkannte eine gesundheitsgefährdende Spielweise und stellte Rudy vom Platz - vertretbar.

Warum Bičakčić auf dem Platz bleiben durfte

Verwunderung herrschte allerdings im Dortmunder Stadion, als der Hoffenheimer Torwart Oliver Baumann bei einer Abwehraktion versehentlich mit seinem Mitspieler Ermin Bičakčić zusammenstieß und beide kurz auf dem Feld behandelt wurden, anschließend jedoch keiner von ihnen vorübergehend vom Platz gehen musste. Aber auch in diesem Fall handelte Sippel richtig. Denn hier lagen gleich drei Ausnahmen von der Regel vor, nach der ein Spieler, der auf dem Feld eine Erstversorgung erhält, danach den Rasen zu verlassen hat und ihn erst nach der Fortsetzung des Spiels wieder betreten darf: Erstens ist es dem Torwart nach einer Behandlung generell erlaubt, auf dem Platz zu bleiben. Prallt er, zweitens, mit einem Mit- oder Gegenspieler zusammen und muss auch dieser versorgt werden, darf auch er sofort weiterspielen. Stoßen, drittens, mehrere Spieler derselben Mannschaft zusammen und bedürfen danach der Betreuung, braucht ebenfalls niemand von ihnen den Platz zu verlassen.

In Frankfurt kam es derweil kurz vor dem Abpfiff des ohnehin grausigen Spiels gegen den FC Schalke 04 zu einem kleinen Tumult. An der Seitenlinie vor den beiden Bänken hatte der Frankfurter Makoto Hasebe seinen Gegenspieler Max Meyer zunächst leicht gefoult, als dieser den Ball abschirmte. Der Schalker fiel auf das Spielgerät, Hasebe setzte dennoch noch einmal seinen Fuß dagegen. Meyer sprang auf und stellte den Japaner vehement zur Rede, daraufhin entstand eine Rudelbildung, die Schiedsrichter Felix Brych mit einer Gelben Karte für die beiden Auslöser beendete. Bei strenger Regelauslegung wäre auch ein Platzverweis für Hasebe denkbar gewesen, wenn man dessen kurzes Stochern nach dem blockierten Ball als Nachtreten gewertet hätte. In der Realgeschwindigkeit stellte sich der Vorgang für den Referee und den in unmittelbarer Nähe postierten Vierten Offiziellen aber wohl als nicht so dramatisch dar.

"Keine Verrohung der Sitten"

Unterdessen haderte Werder Bremen in der Partie gegen den SV Darmstadt 98 mit Schiedsrichter Robert Hartmann. Doch dessen Strafstoßentscheidung zugunsten der Gäste in der 44. Minute nach einem Foul des Bremer Torhüters Felix Wiedwald am früheren Werder-Stürmer Sandro Wagner war korrekt. Und so berechtigt der Protest der Hausherren auch gewesen sein mag, als der Referee in der 81. Minute dem bereits verwarnten Darmstädter Kapitän - und späteren Torschützen - Aytac Sulu trotz eines rüden Tritts gegen Anthony Ujah die verdiente Gelb-Rote Karte nicht zeigte, so sehr können sich die Bremer glücklich schätzen, dass dem Schiedsrichter-Assistenten kurz vor Schluss die Abseitsstellung von Claudio Pizarro im Vorfeld jenes Eckstoßes entging, den Werder zum 2:2-Endstand nutzte.

Vielleicht ist alles ohnehin gar nicht so dramatisch, wie es manchmal scheint. Dieser Ansicht ist zumindest Hans E. Lorenz, der Vorsitzende des DFB-Sportgerichts. Er hat das Urteil gegen Roger Schmidt gesprochen, sagt im Interview des "Handelsblatts" aber auch, die Trainer träten nicht aggressiver auf als früher: "Die Meldungen haben nicht zugenommen. Nach meinem Eindruck gibt es immer drei, vier temperamentvolle Leute, mit denen die Schiedsrichter ihre Probleme haben, die anderen arbeiten sehr manierlich. Jürgen Klopp war natürlich immer ein potenzieller Kunde. Aber der ist weg, und einen richtigen Nachfolger hat er noch nicht gefunden."

Überhaupt sei der Fußball so anständig wie noch nie, sagte Lorenz: "Wir haben beim Sportgericht immer weniger zu tun. Es gibt immer weniger Rote Karten, auch in dieser Saison. Wir hatten bisher nur einen Platzverweis wegen Tätlichkeit." Von einer Verrohung der Sitten könne man deshalb "beim besten Willen nicht sprechen". Dass der Eindruck vielfach anders sei, liege am Multiplikationseffekt durch die Berichterstattung. Auch das Gefühl, es werde mehr Foul gespielt, trüge: "Selbst die Zahl der Freistöße ist in den vergangenen Jahren latent zurückgegangen." Ob diese Erkenntnisse auch bei den Beteiligten ankommen?

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Quelle: n-tv.de

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