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Kyriakos Papadopoulos lässt sich filmreif im Strafraum fallen - doch der Video-Assistent gibt dem Unparteiischen Sören Storks einen Hinweis: gelb.
Kyriakos Papadopoulos lässt sich filmreif im Strafraum fallen - doch der Video-Assistent gibt dem Unparteiischen Sören Storks einen Hinweis: gelb.(Foto: imago/Eibner)
Montag, 28. August 2017

"Collinas Erben" loben : Papadopoulos überführt, Völler im Unrecht

Von Alex Feuerherdt

In fast allen Partien der Fußball-Bundesliga spielt der Videobeweis eine Rolle. Teilweise gibt es heftige Diskussionen über die Video-Assistenten, dabei tun sie - nüchtern betrachtet - genau das, was sie sollen. Fragwürdig ist nur eine Szene in Stuttgart.

Eines lässt sich jetzt schon festhalten: Die Sorge so mancher Fußballfreunde, dass mit dem Videobeweis der Stoff für Fach- und Stammtischdiskussionen über die Entscheidungen von Schiedsrichtern ausgeht, ist unbegründet. Momentan ist das Gegenteil der Fall. Am ersten Spieltag der Fußball-Bundesliga vor einer Woche wurde dabei allerdings nicht so sehr über die Kooperation zwischen den Unparteiischen und den Video-Assistenten sowie über daraus resultierende Änderungen von Entscheidungen debattiert. Was das betrifft, gab's wenig Kritik.

Im Mittelpunkt standen vielmehr die massiven technischen Probleme wie gestörte Funkverbindungen und fehlende Abseitslinien. Die DFL kritisierte den Dienstleister Hawk-Eye scharf, der Projektleiter Videobeweis beim DFB, Hellmut Krug, sagte bei Sky: "Wir können nicht Wochen und Wochen so weitermachen. Vor allem für die Schiedsrichter ist das unzumutbar. Wenn es weiterhin so läuft, müssen wir uns etwas anderes überlegen." Kurzzeitig stand sogar ein Aussetzen des Projekts als Möglichkeit im Raum.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Doch nun an diesem Wochenende lief es am zweiten Spieltag deutlich besser. Kalibrierte Abseitslinien stehen laut DFL zwar weiterhin nicht zur Verfügung, die Video-Assistenten müssen deshalb ohne dieses Hilfsmittel urteilen. Die Kommunikation zwischen den Referees auf den Plätzen und den Video-Assistenten in der Zentrale in Köln schien ansonsten aber ohne nennenswerte Störungen auszukommen. Dafür gab es in der Öffentlichkeit einige Diskussionen über angeblich zu Unrecht erfolgte - oder ausgebliebene - Eingriffe der Video-Assistenten. Andernorts wiederum trug der Videobeweis unstrittig zu korrekten Entscheidungen der Schiedsrichter bei.

1. FC Köln - Hamburger SV 1:3 (0:2). Nach dem Treffer der Kölner zum 1:2 in der Nachspielzeit wälzt sich der Hamburger Kyriakos Papadopoulos nach einer Berührung von Jhon Cordoba schreiend am Boden und erweckt so den Eindruck, das Opfer eines brutalen Vergehens geworden zu sein. Der Unparteiische Sören Storks - der nach knapp einer Stunde für seinen verletzten Kollegen Felix Brych einspringen musste und so zu seinem ersten Bundesligaspiel kam - hat den vermeintlichen Schlag nicht beobachtet und zieht deshalb den Video-Assistenten Günter Perl zu Rate. Der teilt ihm mit, dass keine Tätlichkeit vorliegt, sondern vielmehr eine Simulation von Papadopoulos. Die Folge: Storks zeigt dem Griechen die Gelbe Karte wegen unsportlichen Verhaltens.

Dass diese dreiste Schauspielerei, mit der eine Rote Karte für Cordoba provoziert werden sollte, mithilfe des Videobeweises aufgedeckt und bestraft wurde, traf zwar allgemein auf Zustimmung. Manche fragten sich aber, ob das Vorgehen von den Regularien für den Video-Assistenten gedeckt war. Denn wenn der Referee den Verdacht hat, dass er einen platzverweiswürdigen Verstoß übersehen oder falsch beurteilt hat, und er deshalb seinen Helfer vor den Monitoren um Hilfe bittet, muss die ursprüngliche Entscheidung dann nicht bestehen bleiben, wenn sich herausstellt, dass sie nicht klar falsch ist? Anders gefragt: Gab es hier eigentlich nicht nur zwei Optionen, nämlich entweder die Rote Karte für Cordoba (im Falle einer Tätlichkeit) oder gar keine persönliche Strafe? Die Antwort ist: nein. Denn im Protokoll des International Football Association Board (Ifab) zum Einsatz des Videobeweises heißt es zum Thema "Review": "Am Ende des Prüfungsvorganges fällt der Schiedsrichter die endgültige Entscheidung und zeigt das Ergebnis der Prüfung eindeutig an, trifft/ändert/widerruft jegliche Disziplinarmaßnahme (falls zutreffend) und stellt die korrekte Fortsetzung des Spiels sicher."

Das Wort "jegliche" ist dabei nur so zu verstehen, dass beim Review einer Situation - also bei der genauen Prüfung eines Vorgangs auf Anforderung oder mit Zustimmung des Schiedsrichters, etwa aufgrund eines Platzverweisverdachts - auch eine Gelbe Karte für einen Spieler herauskommen kann. Vom Review zu unterscheiden ist der sogenannte Check, eine schnelle Vorabprüfung durch den Video-Assistenten, um festzustellen, ob es überhaupt Anhaltspunkte für die Notwendigkeit eines Reviews gibt. Checks führt der Video-Assistent ständig durch, in Eigenregie oder auf Bitten des Unparteiischen, während des laufenden Spiels genauso wie in Unterbrechungen. Stellt sich dabei heraus, dass ein Review sinnvoll ist, bekommt der Schiedsrichter eine entsprechende Empfehlung, der er nicht folgen muss, aber in der Regel folgen wird. Ergibt ein Check dagegen, dass ein Review nicht nötig ist, bleibt die Entscheidung des Referees auf dem Feld unverändert bestehen.

Eintracht Frankfurt - VfL Wolfsburg 0:1 (0:1). Nach 28 Minuten erläuft der Neu-Frankfurter Kevin-Prince Boateng einen Steilpass, zieht in den Wolfsburger Strafraum und wird dort von Ignacio Camacho gelegt. Schiedsrichter Benjamin Cortus zögert nicht und gibt einen Elfmeter. Doch Günter Perl, der auch hier als Video-Assistent fungiert, bemerkt bei der Überprüfung der Entscheidung, dass Boateng sich im Abseits befand. Es liegt also eine klare Fehlentscheidung vor. Folgerichtig nimmt Cortus den Strafstoß zurück und entscheidet auf indirekten Freistoß für die Gäste. Dabei vergehen zwischen dem Elfmeterpfiff und der Korrektur gerade einmal 15 Sekunden.

VfB Stuttgart - 1. FSV Mainz 05 1:0 (0:0). In der 6. Minute zieht der Mainzer Robin Quaison im Stuttgarter Strafraum mit dem Ball an Marcin Kaminski vorbei, es kommt zu einem leichten Kontakt mit dessen Schienbein, Quaison gerät dadurch aus dem Tritt und fällt. Schiedsrichter Benjamin Brand lässt weiterspielen, der Video-Assistent Tobias Stieler interveniert ebenfalls nicht. 79. Minute: Der Stuttgarter Simon Terodde lässt im Strafraum der Mainzer Giulio Donati und Torhüter René Adler schlecht aussehen. Donati grätscht, Adler hechtet - woraufhin Terodde ins Straucheln gerät und schließlich zu Boden geht. Wieder sieht Brand keinen Anlass zu pfeifen. Doch diesmal schaltet sich Stieler ein und empfiehlt dem Referee einen Strafstoß. Die beiden Szenen sind nicht identisch, haben aber etwas gemein: Es gibt jeweils sowohl Gründe, die für einen Strafstoß sprechen, als auch Argumente, auf einen Elfmeterpfiff zu verzichten. Hier wie dort fehlt die absolute Eindeutigkeit, auch nach dem Betrachten der Zeitlupen. Warum im einen Fall ein klarer und deshalb korrekturbedürftiger Fehler des Schiedsrichters vorliegen soll, im anderen Fall jedoch nicht, erschließt sich deshalb nicht. Womöglich hatte sich Benjamin Brand bewusst dazu entschlossen, in den beiden sich ähnelnden Situationen im Sinne einer Balance bei der Spielführung gleich zu entscheiden. Auch deshalb mutet der Eingriff des Video-Assistenten bei der zweiten Strafraumsituation eher unnötig an.

Immer für einen Ausraster gut: Rudi Völler.
Immer für einen Ausraster gut: Rudi Völler.(Foto: imago/Team 2)

Bayer 04 Leverkusen - TSG Hoffenheim 2:2 (1:0). "Das war ein klares Foul, Wolfgang Stark ist da wohl im Keller in Köln vor dem Fernseher eingeschlafen", wütete der Leverkusener Sportchef Rudi Völler, der es selten schafft, öffentlich zu kritisieren, ohne persönlich zu werden. Der Grund für seinen neuerlichen Zornesausbruch: Stark war Video-Assistent und hatte keine Einwände gegen die Anerkennung des Hoffenheimer Ausgleichstores zum 2:2, das Mark Uth erzielt hatte. Völler dagegen war der Ansicht, dass Uth sich im Vorfeld der Torerzielung unfair gegen Benjamin Henrichs eingesetzt und so einen entscheidenden Vorteil verschafft hatte. Die Bilder bestätigten das nicht eindeutig. Uth und Henrichs befanden sich im Laufduell, ihre Wege kreuzten sich leicht. Warum der Leverkusener zu Fall kam - durch einen von Uth fahrlässig verursachten Kontakt oder doch eher, weil er infolge eines Missgeschicks unglücklich ins Stolpern geriet -, war nicht zweifelsfrei zu ermitteln. Dass Schiedsrichter Harm Osmers hier weiterspielen ließ und folgerichtig auch das Tor anerkannte, war deshalb kein klarer Fehler. Entsprechend bestand auch für Wolfgang Stark keine Notwendigkeit zum Eingreifen.

SV Werder Bremen - FC Bayern München 0:2 (0:0). Bei einem hohen Ball in den Bremer Strafraum drückt Jérôme Gondorf in der 41. Minute mit seinem angelegten Oberarm und dem Rücken ein wenig gegen Robert Lewandowski, der dadurch nicht an den Ball kommt und fällt. Schiedsrichter Bastian Dankert lässt weiterspielen und erhält vom Video-Assistenten Felix Zwayer auch keine gegenteilige Empfehlung. Mit Recht: Die Partie laufen zu lassen, war zumindest keine klare Fehlentscheidung. "Zu wenig für einen Elfmeter", sagen die Reporter in solchen Fällen gerne - und hier durchaus zu Recht.

"Ist das hier die Bundesliga?" - so etwas Ähnliches dürfte sich Christoph Kramer nach der Begegnung mit Daniel Baiers Ellenbogen gefragt haben.
"Ist das hier die Bundesliga?" - so etwas Ähnliches dürfte sich Christoph Kramer nach der Begegnung mit Daniel Baiers Ellenbogen gefragt haben.(Foto: imago/Nordphoto)

FC Augsburg - Borussia Mönchengladbach 2:2 (1:2). Nach sieben Minuten wehrt der Gladbacher Jannik Vestergaard einen Torschuss im Strafraum mit dem ausgestreckten Arm ab, Schiedsrichter Sascha Stegemann lässt jedoch weiterspielen. Nach 19 Minuten landet der Ellbogen von Daniel Baier im Gesicht von Christoph Kramer, der Referee zeigt dem Augsburger nur die Gelbe Karte. Weil Vestergaard sich vom Ball wegdreht und Baier seinen Arm beim Sprung in Richtung Kramer angelegt hat, kann in beiden Fällen zumindest nicht von einem krassen Fehler die Rede sein. Dass der Video-Assistent Tobias Welz jeweils keine Korrektur vorschlägt, ist deshalb korrekt.

RB Leipzig - SC Freiburg 4:1 (0:1). Den leichten Schubser, den der Leipziger Jean-Kevin Augustin nach 17 Minuten im Freiburger Strafraum von Marc-Oliver Kempf verpasst bekommt, will Schiedsrichter Christian Dingert nicht mit einem Elfmeter ahnden. Das ist vertretbar - und deshalb ist es auch korrekt, dass der Video-Assistent Jochen Drees sich nicht einschaltet. Genauso wie nach dem Tor zum 3:1 für die Gastgeber, vor dem sich Augustin zwar energisch, aber im Rahmen der Regeln gegen Kempf durchsetzt.

Hannover 96 - FC Schalke 04 1:0 (0:0): Der Hannoveraner Salif Sané wehrt nach 49 Minuten eine Hereingabe von Bastian Oczipka bei einer Grätsche mit der Hand ins Toraus ab, Schiedsrichter Patrick Ittrich gibt einen Eckstoß. Die Distanz ist extrem kurz, ob Sanés Armhaltung in dieser Situation der unsportlichen Vergrößerung der Körperfläche dient oder einfach nur fußballtypisch ist, lässt sich nicht mit Bestimmtheit klären. Nach einer kurzen Kommunikation mit Video-Assistent Robert Hartmann setzt der Unparteiische das Spiel deshalb wie ursprünglich entschieden fort. Auch das ist nachvollziehbar.

Video-Assistenten auf gutem Weg

Bundesliga-Schiedsrichter Sascha Stegemann resümierte bei einem Pressetermin in Köln Ende Juli: "Die Video-Assistenten sollen nicht beurteilen, ob eine Entscheidung richtig ist, sondern vielmehr, ob sie klar falsch ist." Nur im Falle eindeutiger, unstrittiger Fehler dürften sie ihrem Kollegen auf dem Feld eine Korrektur empfehlen, im Zweifelsfall sollten sie sich heraushalten. Dass über die Frage, wann ein Fehler tatsächlich klar und unstrittig ist, früher oder später Diskussionen entbrennen würden, war gleichwohl abzusehen. Denn hier handelt es sich letztlich um etwas, das Raum für subjektive Urteile lässt, weil bei der Einschätzung immer auch Emotionen und Interessen eine Rolle spielen.

Es lässt sich jedoch festhalten: Wenn man die ersten beiden Spieltage dieser Saison zugrunde legt, liegt die Latte für eine Entscheidungsänderung recht hoch. Die Korrekturempfehlung in Stuttgart fällt aus dem Rahmen, die Video-Assistenten haben sonst nur in wirklich glasklaren Fällen interveniert und die Finger von Situationen gelassen, in denen die Entscheidung des Schiedsrichters vielleicht Bauchschmerzen verursacht, aber nicht gänzlich abwegig ist. Genau so ist das auch vorgesehen, denn die Wahrheit soll möglichst auf dem Platz bleiben. Die Debatten werden nie ganz verstummen, aber das müssen und sollen sie auch gar nicht. Wichtig ist, dass die Schiedsrichter und Video-Assistenten zu einem einigermaßen einheitlichen Maßstab hinsichtlich der Frage kommen, wann ein Eingriff unumgänglich ist. Was das betrifft, sind sie auf einem guten Weg.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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