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Schiedsrichter Stieler sorgte am vergangenen Spieltag der Fußball-Bundesliga für einen historischen Videobeweis-Moment.
Schiedsrichter Stieler sorgte am vergangenen Spieltag der Fußball-Bundesliga für einen historischen Videobeweis-Moment.(Foto: imago/Bernd Müller)
Montag, 21. August 2017

"Collinas Erben" sind aufgeregt: Der Videobeweis rumpelt beim Ligadebüt

Von Alex Feuerherdt

Für die Schiedsrichter verläuft der Saisonstart der Liga turbulent. Die Einführung des Videobeweises holpert. Doch dort, wo er zur Anwendung kommt, klappt alles. Zugleich sorgt ein erfahrener Unparteiischer mit Kritik für Gesprächsstoff.

Mit "kleineren Problemen" sei anfangs zu rechnen, hatte Hellmut Krug, der Projektleiter Videobeweis beim DFB, in den vergangenen Wochen anlässlich der bevorstehenden Einführung des Video-Assistenten immer wieder gesagt. Was dann aber am Samstagnachmittag passierte, als fünf Partien des ersten Spieltags in der Bundesliga gleichzeitig stattfanden, war keine Petitesse, sondern ein ziemliches Desaster.

Das lag allerdings nicht an den Schiedsrichtern oder ihren Kollegen an den Bildschirmen in der Kölner Zentrale, sondern daran, dass die Technik nirgendwo einwandfrei funktionierte. In keinem der Spiele, die am Samstag um 15.30 Uhr begannen, standen kalibrierte Abseitslinien zur Verfügung, bei drei Begegnungen war zudem die Funkverbindung zwischen dem Unparteiischen und dem Video-Assistenten über weite Strecken oder sogar ganz ausgefallen.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Nachdem schon die Premiere für den Videobeweis beim Supercup-Finale zwei Wochen zuvor nicht störungsfrei verlaufen war, sah sich die Deutsche Fußball-Liga angesichts der neuerlichen Pannen zu einer geharnischten Pressemitteilung veranlasst. Die Situation sei "nicht hinnehmbar", hieß es darin, es werde deshalb Anfang der Woche ein Gespräch mit der Geschäftsführung des Dienstleisters Hawkeye geben. Dabei sollen "die Hintergründe der technischen Schwierigkeiten schonungslos offengelegt und die Konsequenzen für das weitere Vorgehen besprochen werden". Hawkeye hatte nach dem Supercup zugesichert, bis zum Bundesligastart alle Probleme zu beheben. Warum es nun erneut zu gravierenden Störungen kam, war bislang nicht zu erfahren.

Vor allem in den sozialen Netzwerken machte rasch das Wort "Wettbewerbsverzerrung" die Runde. Tatsächlich wäre es ein erhebliches Problem gewesen, wenn die unterschiedliche Zuverlässigkeit der Technik einigen Mannschaften Vor- und anderen Nachteile gebracht hätte. Die Regelhüter vom International Football Association Board (Ifab) haben in ihren Richtlinien zum Einsatz des Video-Assistenten allerdings verbindlich festgelegt, dass kein Spiel für ungültig erklärt werden darf, weil die Technologie versagt hat, der Videobeweis unsachgemäß eingesetzt worden ist oder Entscheidungen des Referees zu Unrecht geändert wurden.

Gelungene Premiere in München

Letztlich wirkten sich die technischen Störungen aber auch nicht auf die Entscheidungen der Unparteiischen aus. Dort, wo die Technik klemmte oder ganz ausfiel, kam es gar nicht erst zu klaren Fehlern, die der Korrektur bedurft hätten. Und dort, wo sie funktionierte, konnte sie im Bedarfsfall genutzt werden wie vorgesehen. So etwa im Eröffnungsspiel am Freitagabend zwischen dem FC Bayern und Bayer Leverkusen: Als Charles Aranguiz nach 51 Minuten den in vollem Lauf befindlichen Robert Lewandowski abseits des Balles durch einen Griff an die Schulter im Strafraum zu Fall brachte, sah Schiedsrichter Tobias Stieler dieses Vergehen nicht genau, weil er dem Flug der Kugel gefolgt war. Folgerichtig ließ er weiterspielen, kurz darauf ging der Ball ins Seitenaus. Damit war die Partie unterbrochen.

Nun gab es eine Kontaktaufnahme zum Video-Assistenten Jochen Drees in Köln. Dieser versorgte Stieler mit den notwendigen Informationen: Weiterspielen zu lassen, war ein klarer Fehler, es muss vielmehr einen Elfmeter geben und außerdem eine Gelbe Karte für Aranguiz. Der Referee tat, wie ihm empfohlen wurde, und sorgte so für einen historischen Moment: Es war die erste Entscheidung in der Geschichte der Bundesliga, die aufgrund des Videobeweises während des Spiels geändert wurde. "Ich bin froh, dass es so gut geklappt hat", resümierte Stieler nach dem Schlusspfiff. Ohne den Video-Assistenten "wäre ich in die Kabine gekommen und hätte gesagt, ich habe einen klaren Elfmeter übersehen". Das sei genau die Situation, in der "ein Video-Assistent helfen kann, den Fußball gerechter zu machen".

Manche Beobachter waren der Ansicht, dass der Videobeweis schon nach 21 Minuten zum Einsatz hätte kommen sollen. Da nämlich kam der Leverkusener Stürmer Kevin Volland nach einem Zweikampf mit Mats Hummels zu Fall und forderte einen Strafstoß. Tobias Stieler ließ jedoch weiterspielen, Jochen Drees sah sich die Szene im Kölner Studio derweil noch einmal an. Anschließend kam er zu dem nachvollziehbaren Schluss, dass es - anders als beim Einsatz von Aranguiz gegen Lewandowski - nicht unzweifelhaft falsch war, auf den Elfmeterpfiff zu verzichten. Deshalb riet er dem Referee auch nicht zu einer Korrektur der Entscheidung. Dass Spieler und Zuschauer nichts von alledem mitbekamen, lag daran, dass der Ball im Spiel geblieben und die Partie deshalb weitergelaufen war. In einem solchen Fall läuft die Prüfung im Hintergrund ab.

Wie die Schiedsrichter die Nerven behielten

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In Freiburg kam es am Sonntag beim Spiel gegen Eintracht Frankfurt mithilfe des Video-Assistenten zur zweiten Änderung einer Entscheidung mit Auswirkung auf den Spielausgang: Die Gastgeber schossen den Ball nach 18 Minuten ins gegnerische Tor, doch der Vorlagengeber Florian Niederlechner hatte sich im Abseits befunden. Dem Assistenten an der Seitenlinie war das zwar entgangen, doch dem Video-Assistenten Wolfgang Stark fiel es auf, als er sich die Wiederholung des Treffers ansah. Deshalb riet er Schiedsrichter Manuel Gräfe, den Treffer zu annullieren. Kalibrierte Abseitslinien standen Stark zwar nicht zur Verfügung, doch Niederlechners Abseitsposition war auch so gut zu erkennen.

In den anderen Begegnungen untermauerten die Prüfungen mithilfe der bewegten Bilder spielrelevante Entscheidungen der Unparteiischen. So etwa in Wolfsburg und Mönchengladbach, wo es bei Toren jeweils einen Abseitsverdacht gab, der sich jedoch nicht erhärtete. Oder auf Schalke, wo die Gastgeber einen Strafstoß zugesprochen bekamen, der jedenfalls nicht auf einer eindeutigen Fehlentscheidung beruhte. Die Gäste aus Leipzig hätten ebenfalls gerne einen Elfmeter gehabt, doch Referee Felix Zwayer bewertete das Handspiel des Schalkers Thilo Kehrer nicht als strafbar - und die Wiederholungen widerlegten ihn zumindest nicht.

Insgesamt gesehen war die Handhabung des Videobeweises dort, wo er funktionierte, dem Reglement entsprechend und erfolgreich. Dass es dort, wo er den Dienst versagte, nicht zu gravierenden Fehlern kam, war das alleinige Verdienst der Schiedsrichter. So entstand zumindest nirgendwo ein irreparabler Schaden. Man kann sich aber unschwer vorstellen, wie unangenehm und belastend es für einen Unparteiischen sein muss, wenn er auf die Zuverlässigkeit einer derart einschneidenden, für ihn gewöhnungsbedürftigen, auf fortgeschrittener Technologie basierenden und mit großen Erwartungen verbundenen Neuerung nicht bauen kann. Umso bemerkenswerter ist es, wie gut die Referees diese mit unvorhergesehenen Hürden bestückte Premiere bewältigt haben.

Gräfe mit harscher Kritik an Ex-Schiri-Chefs

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Die Einführung des Video-Assistenten war am Wochenende aber nicht das einzige brisante Thema für die Bundesliga-Schiedsrichter. Hinzu kam ein Interview, das einer aus ihrer Mitte, Manuel Gräfe nämlich, dem Berliner "Tagesspiegel" gegeben hatte. Darin äußert der 43-Jährige, der seit 2004 in der Bundesliga pfeift und dort mit 222 Einsätzen zu den erfahrensten Unparteiischen gehört, eine ungewöhnlich deutliche Kritik an den früheren Schiedsrichter-Chefs Hellmut Krug und Herbert Fandel. Gräfe wirft den beiden vor, Referees "zu oft nach Gusto und nicht nach Leistung" bewertet zu haben. Felix Zwayer etwa sei von ihnen trotz seiner Verstrickung in die Bestechungsaffäre um den früheren Unparteiischen Robert Hoyzer bevorzugt worden, Marco Fritz und Bibiana Steinhaus dagegen hätten sie "nicht entsprechend ihren Möglichkeiten eingesetzt oder gefördert".

Erst nachdem Lutz Michael Fröhlich vor einem Jahr das Amt des Leiters der Schiedsrichter-Kommission Elite von Fandel übernommen habe, sei diese Entwicklung entscheidend verändert worden. Seitdem hätten sich auch die zwischenzeitlich schwächer gewordenen Leistungen der Unparteiischen wieder verbessert. Die Reaktionen auf Gräfes Kritik fielen unterschiedlich aus. Krug, Fandel und Zwayer wollten sich nicht äußern. Der frühere Weltschiedsrichter Markus Merk sagte, er sei "schockiert" von Gräfes Äußerungen, insbesondere von der Kritik an Zwayer. Auch der ehemalige Bundesliga-Referee Thorsten Kinhöfer war nicht einverstanden: "Öffentliche Kritik der Schiedsrichterführung und der Kollegen finde ich bedenklich", sagte er. Der einstige Fifa-Schiedsrichter Bernd Heynemann dagegen fand, an Gräfes Einschätzungen sei "nichts Falsches".

Dass es Kritik an Krug und Fandel gibt, ist nicht neu. Bereits im Januar 2016 fanden zahlreiche Bundesliga-Unparteiische deren Führungsstil in einer anonymen Umfrage zu autoritär und ihre Beurteilungen von Schiedsrichterleistungen intransparent. Unklar bleibt, warum Manuel Gräfe die Vorwürfe ausgerechnet jetzt erneuert hat, in einer Phase, die für die Referees durch die Einführung des Videobeweises ohnehin nicht ganz einfach ist. Der Sportwissenschaftler selbst sagt, er habe "definitiv keine persönlichen Motive", es gehe ihm "um die Sache". Seine Kritik habe er gegenüber Krug und Fandel "auch mehrfach schon im direkten Gespräch" geäußert, aber es habe sich nichts geändert. Nun sollten die beiden den neuen Weg unter Fröhlich "endlich mitgehen".

Während Krug den Videobeweis als Supervisor des DFB begleitet und nicht mehr Schiedsrichter-Manager der DFL ist, ist Fandel nach seinem Rücktritt vom Vorsitz der Elite-Kommission der Unparteiischen zum Vorsitzenden des Schiedsrichter-Gesamtausschusses geworden. Beide Ämter sind weiterhin mit viel Einfluss verbunden. Fröhlich sagte, es gehe zu weit, wenn ein Schiedsrichter einen Kollegen - gemeint ist Zwayer - "öffentlich und in dieser Form attackiert". Man werde deshalb "zeitnah" mit Manuel Gräfe sprechen. Auch dessen Einlassungen zu Fandel und Krug könne man "so nicht stehen lassen". Eines ist sicher: Die Saison hat für die Schiedsrichter so unruhig begonnen wie selten.

Quelle: n-tv.de

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