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Du muss raus: Robert Lewandoski scheint seinem Kollegen Pepe Reina den Weg zu weisen.
Du muss raus: Robert Lewandoski scheint seinem Kollegen Pepe Reina den Weg zu weisen.(Foto: imago/Eibner)

"Collinas Erben" fordern Mut: Reina sieht Rot, Bürki ist bedient

Von Alex Feuerherdt

Der FC Bayern verliert schon wieder, doch trotz einer frühen Roten Karte klagt niemand den Schiedsrichter an. Die Kollegen In Paderborn und Hamburg lösen knifflige Aufgaben richtig. Nachdenkliches gibt es derweil aus unteren Ligen zu berichten.

In den Niederungen des Amateurfußballs ist das Leben für die Schiedsrichter wahrlich kein Zuckerschlecken. Beschimpfungen und Beleidigungen sind an der Tagesordnung und wenn es ganz schlimm läuft, wird der Unparteiische auch schon mal Zeuge von Gewalt oder gar selbst bedroht und geschlagen. In Braunschweigs erster Kreisklasse beispielsweise brach der Referee Mitte April die Partie zwischen dem SV Stöckheim und dem SC Leoni ab, nachdem es kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit zwischen beiden Mannschaften zu heftigen verbalen und körperlichen Auseinandersetzungen gekommen war. Wie das Braunschweiger Fußballmagazin "Abseits" berichtet, hatte sich der Schiedsrichter kurz vor dem Abbruch für zwei Gästespieler einen Platzverweis notiert, es aber versäumt, ihnen die Rote Karte zu zeigen. Nach dem vorzeitigen Ende des Spiels wurde er bedroht und bekam es mit der Angst zu tun.

In seiner Kabine kam es schließlich zu einem Deal zwischen ihm und beiden Mannschaften: Der Unparteiische sollte den Spielabbruch und die beiden Feldverweise im offiziellen Spielbericht einfach verschweigen, die Begegnung wäre demnach regulär und ohne besonderen Vorkommnisse zu Ende gebracht worden. Tatsächlich wäre der Betrug wohl auch nicht aufgeflogen - hätte der Referee nicht vergessen, die beiden Feldverweise wie vereinbart aus dem Spielbericht zu entfernen.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Weil sich daraufhin der SC Leoni beschwerte, kam es zu einer Sportgerichtsverhandlung. Die Beteiligten verstrickten sich in Widersprüche, die Wahrheit kam doch noch ans Licht. Die Partie wurde für beide Seiten als verloren gewertet, die Vereine bekamen eine saftige Geldstrafe. Und der Schiedsrichter darf acht Monate lang kein Spiel pfeifen. Eine derart drakonische Sperre ist selten und wird nur bei einem gravierenden Fehlverhalten ausgesprochen. Sie werfe jedoch Fragen auf, fand das Magazin "Abseits": "Warum es erst so weit kommen musste, dass der Schiedsrichter so viel Angst vor den Spielern hatte, dass er sich zu einer derartigen Dummheit hat verleiten lassen, stimmt nachdenklich. Muss man heutzutage als Unparteiischer wirklich zu solchen Mitteln greifen, um seine Haut zu schützen, oder bleibt es lediglich ein Einzelfall?"

Keine Sonderrechte für den Torwart

Ausnahmslos jeder Referee, der heute in der Bundesliga unterwegs ist, hat einmal ganz unten angefangen und dementsprechend das raue Klima der Kreisklasse kennengelernt. So etwas prägt die Persönlichkeit und hilft auch im Spitzenbereich, mit unsachlicher Kritik umzugehen. Und es schärft den Mut, sich gegen mögliche Widerstände durchzusetzen und Entscheidungen zu treffen, die unpopulär sind. Sascha Stegemann, der derzeit jüngste Bundesliga-Schiedsrichter, hatte diesen Mut zur Konsequenz, als er in seinem erst achten Spiel im Oberhaus nach gerade einmal 13 Minuten Bayerns Torwart Pepe Reina im Spiel des Rekordmeisters gegen den FC Augsburg nach einer "Notbremse" des Feldes verwies und auf den Elfmeterpunkt zeigte. Ein alternativloser Pfiff, gewiss, aber eben auch einer, für den man Mumm, Coolness und gute Nerven benötigt. Stegemann hatte all dies und war bei den Münchnern trotz der erneuten Niederlage überhaupt kein Thema.

Er durfte dann doch feiert: Wolfsburgs Timm Klose, das ist der Mann mit der Nummer 5.
Er durfte dann doch feiert: Wolfsburgs Timm Klose, das ist der Mann mit der Nummer 5.(Foto: dpa)

Die Ruhe selbst war auch der Stuttgarter Unparteiische Markus Schmidt, als Timm Klose für den VfL Wolfsburg in Paderborn nach 16 Minuten per Kopf den Führungstreffer erzielte, Schiedsrichter-Assistent Kai Voss jedoch die Fahne hob, weil er der Auffassung war, dass Kloses Mitspieler Luiz Gustavo aus Abseitsposition ins Spiel eingegriffen hatte. Schmidt konnte aus seiner Position zwar die Abseitsstellung als solche nicht zweifelsfrei erkennen, dafür aber besser beurteilen als Voss, ob ein aktiver Eingriff des Brasilianers vorlag, etwa in Form einer Ballberührung oder einer Beeinträchtigung des Paderborner Torwarts Lukas Kruse. Da nachweislich weder das eine noch das andere der Fall war, gab der Referee nach kurzer Rücksprache mit seinem Helfer an der Seitenlinie das Tor. Ein gutes Beispiel für eine funktionierende Kooperation im Gespann.

Nicht minder knifflig ging es am Freitagabend in den letzten Minuten des Abstiegsduells zwischen dem Hamburger SV und dem SC Freiburg zu. Gojko Kacar traf für die Norddeutschen in der 90. Minute per Kopf zum Ausgleich, doch die Gäste reklamierten ein Foulspiel des Torschützen an ihrem Keeper Roman Bürki. Angesichts der Tatsache aber, dass der Torwart im Fünfmeterraum entgegen der landläufigen Annahme keinen besonderen Schutz mehr genießt und deshalb nicht mehr jeder Kontakt mit ihm abgepfiffen wird, war die Entscheidung von Schiedsrichter Knut Kircher, im Zweikampf zwischen Kacar und Bürki nichts Regelwidriges zu sehen, absolut vertretbar. Auf der anderen Seite hätte der Referee gute Gründe gehabt, in der Nachspielzeit einen Elfmeter für Freiburg zu geben, als Pavel Krmas im Hamburger Strafraum von Slobodan Rajkovic fest umklammert und zu Boden gezogen wurde. Kirchers Pfeife blieb jedoch stumm.

Derweil trug sich in Österreich unlängst etwas zu, das zeigt, dass der Schiedsrichter für die Spieler mitnichten immer nur ein Ärgernis ist, sondern manchmal sogar buchstäblich ihr Lebensretter sein kann. Bei einem Spiel in der untersten Wiener Amateurklasse schlug Michael Stangl, Verteidiger der CWF Amateure 99, nach einem Zweikampf mit dem Kopf auf dem Boden auf und verschluckte dabei seine Zunge. Referee Admin Durmic zögerte keine Sekunde, zog Stangl gemeinsam mit einem von dessen Mitspielern die Zunge aus dem starren Unterkiefer und sich selbst dabei Bisswunden zu. "Der Schiri hat mir das Leben gerettet", sagte der 50-jährige Hobbykicker anschließend. "So eine Sache kann auch anders ausgehen." Der Zwischenfall ereignete sich in der 82. Minute, das Spiel wurde anschließend nicht mehr angepfiffen. Ein Spielabbruch, mit dem anders als in Braunschweig zweifellos jeder leben konnte.

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Quelle: n-tv.de

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