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Da fliegt er: Bayerns Arjen Robben, gefoult vom Paderborner Florian Hartherz.
Da fliegt er: Bayerns Arjen Robben, gefoult vom Paderborner Florian Hartherz.(Foto: dpa)

"Collinas Erben" bekennen Farbe: Robben glasklar, Sahin im Glück

Von Alex Feuerherdt

In Stuttgart und Paderborn erkennen die Schiedsrichter zwar zwei "Notbremsen", bestrafen sie aber unterschiedlich. Warum, bleibt rätselhaft. In Augsburg trägt der Held die gleiche Trikotfarbe wie der Referee. Das ist unglücklich – und regelwidrig.

Alle zwei Monate erscheint die "Schiedsrichter-Zeitung", das Magazin des DFB für seine Unparteiischen. Das neueste Exemplar ist vor wenigen Tagen an die Abonnenten verschickt worden und enthält unter anderem einen aufschlussreichen Bericht vom sechstägigen Wintertrainingslager der Bundesliga-Referees auf Mallorca sowie ein kurzes Interview mit Herbert Fandel. Der Schiedsrichterchef zeigt sich zufrieden mit den Leistungen der Unparteiischen in der Hinrunde und sagt: "Unser Ziel für die Rückrunde ist daher in diesem Jahr kein anderes als sonst auch: Wir wollen bei unseren Schiedsrichtern eine noch größere Einheitlichkeit in der Regelauslegung erreichen."

Dass das nicht immer ganz leicht ist, haben an diesem 22. Spieltag zwei Entscheidungen gezeigt, die in vergleichbaren Situationen getroffen wurden und doch recht unterschiedlich ausfielen. Sowohl im Spiel zwischen dem VfB Stuttgart und Borussia Dortmund als auch in der Partie der Bayern in Paderborn wurde jeweils nach einer Hereingabe ein Angreifer in höchst aussichtsreicher Position ganz knapp vor dem gegnerischen Tor von den Beinen geholt. In beiden Fällen gaben die Schiedsrichter auch den Elfmeter.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Doch während Bastian Dankert den Paderborner Florian Hartherz nach dem Foul an Arjen Robben des Feldes verwies, zeigte Deniz Aytekin in Stuttgart dem Dortmunder Nuri Sahin, der den einschussbereiten Georg Niedermeier drei Meter vor dem Tor zu Fall gebracht hatte, nicht einmal die Gelbe Karte. Dankerts Regelauslegung ist eindeutig nachvollziehbarer. Denn auf das "Vereiteln einer offensichtlichen Torchance" des Gegners "durch ein Vergehen, das mit Freistoß oder Strafstoß zu ahnden ist" - so lautet die offizielle Umschreibung der "Notbremse" in den Regeln -, steht nun mal die Rote Karte. Und wer würde bestreiten wollen, dass Robben in der 62. Minute der Partie bei den Ostwestfalen eine solche offensichtliche - das heißt: glasklare - Torchance hatte? Alle in den Regeln genannten Anhaltspunkte - wie die Distanz zwischen Vergehen und Tor, die Laufrichtung des Angreifers, die Position und Anzahl verteidigender Spieler und die Wahrscheinlichkeit, dass das angreifende Team in Ballbesitz bleibt oder kommt - sprechen jedenfalls dafür. Das heißt: Ohne Hartherz' Foul hätte der Münchner höchstwahrscheinlich getroffen.

Auch Georg Niedermeier wäre wohl zum Torschützen geworden, wenn ihn Nuri Sahin nach 31 Minuten nicht regelwidrig daran gehindert hätte. Zwar befanden sich Dortmunds Torwart Roman Weidenfeller und sein Kollege Lukasz Piszczek noch auf der eigenen Torlinie, doch angesichts der sehr geringen Distanz des Stuttgarters zum gegnerischen Gehäuse muss man trotzdem von einer offensichtlichen Torchance sprechen. Warum aber ließ Aytekin dann Sahin gänzlich ungeschoren davonkommen? Vielleicht, weil er und sein Assistent in der Hektik aus den Augen verloren hatten, wer für das Foul verantwortlich war. Dafür spricht, dass Aytekin, wie Nahaufnahmen des Fernsehens zeigten, zweimal "Wer war’s?" in das Mikrofon seines Headsets sprach, ohne danach in seine Brust- oder Gesäßtasche zu greifen.

Zwei Torhüter im Mittelpunkt

Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass Aytekin gar nicht der Ansicht war, dass eine eindeutige Torchance verhindert wurde. Das zumindest behauptete der Stuttgarter Sportdirektor Robin Dutt, der nach eigenen Angaben mit dem Schiedsrichter gesprochen hatte, im Interview des Bezahlsenders "Sky". Manche fühlten sich daraufhin an die vergangene Spielzeit erinnert, als der Gladbacher Julian Korb im Dezember 2013 für ein Foul an dem völlig frei vor dem Tor stehenden Schalker Kevin-Prince Boateng von Schiedsrichter Felix Zwayer nur verwarnt worden war. Hellmut Krug, der Schiedsrichter-Manager der DFL, hatte diese Entscheidung seinerzeit überraschend verteidigt: "Wenn eine Flanke von außen kommt, ist es keine zwingende Torchance", sagte er. Eine Einschätzung, die nicht nur beim damaligen Schalker Trainer Jens Keller für Kopfschütteln sorgte: "Ich weiß nicht, was man sich sonst unter einer klaren Chance vorstellt. Es ist doch nicht entscheidend, dass die Flanke kommt, sondern was im Strafraum passiert." Ob Krug die Schiedsrichter mit seinem fragwürdigen Diktum verunsichert hat?

Doch zurück nach Paderborn, wo Bastian Dankert nicht nur in der Elfmeterszene richtig lag, sondern auch - wenngleich nicht sofort - in einer kniffligen Situation nach neun Minuten. Da nämlich passte Jérôme Boateng den Ball zurück zu seinem Torwart Manuel Neuer, der das Spielgerät zur allgemeinen Verwunderung mit den Händen aufnahm. Der Unparteiische zögerte nur ganz kurz und entschied dann auf indirekten Freistoß für die Gastgeber. Eigentlich schien der Fall klar, doch die Bayern protestierten ungewöhnlich vehement. Dankert hielt Rücksprache mit seinem Gespann und nahm die Entscheidung richtigerweise zurück, weil der Paderborner Süleyman Koc Boatengs Rückpass noch leicht abgefälscht hatte und damit als Letzter am Ball gewesen war, bevor Neuer ihn aufnahm. Damit lag keine Regelübertretung vor. Statt eines indirekten Freistoßes gab es einen Schiedsrichterball.

Die spektakulärste Szene des Spieltags trug sich jedoch zweifellos in Augsburg zu, wo der Torwart des FCA, Marwin Hitz, in der vierten Minute der Nachspielzeit zum 2:2-Ausgleich gegen Bayer 04 Leverkusen traf. Mancher Betrachter fragte sich daraufhin, ob die Gäste nicht vielleicht ein wenig irritiert waren, weil der Schlussmann der Hausherren genauso ein gelbes Trikot trug wie Schiedsrichter Tobias Welz. Man wird das guten Gewissens verneinen können – aber glücklich war diese farbliche Übereinstimmung trotzdem nicht. Und regelgerecht war sie streng genommen auch nicht. Schließlich heißt es in der Regel 4 (Ausrüstung der Spieler): "Jeder Torwart unterscheidet sich in der Farbe der Sportkleidung von den anderen Spielern, vom Schiedsrichter und von den Schiedsrichter-Assistenten." Diese Anordnung ist in den vergangenen Jahren eher nachlässig gehandhabt worden. Vielleicht sollte sie wieder konsequent eingehalten werden, bevor es irgendwann vermeidbaren Ärger gibt.

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Quelle: n-tv.de

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