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Lass mal den Papy machen? Nach dem Aussetzer von Abwehrspieler Djilobodji gilt dieser Satz in Bremen vorerst nicht mehr.
Lass mal den Papy machen? Nach dem Aussetzer von Abwehrspieler Djilobodji gilt dieser Satz in Bremen vorerst nicht mehr.(Foto: Twitter)

"Collinas Erben" wundern sich: Schaaf tobt, Djilobodji entgleist martialisch

Von Alex Feuerherdt

Notbremse? Rückpass? Handspiel? In Hamburg muss der Referee Schwerstarbeit leisten. Hannovers Trainer empört der "Ober-Gau" eines Schiedsrichters, der gar nicht mehr pfeift. Und einem Bremer droht für eine blutrünstige Geste eine Sperre.

Knut Kircher hatte zweifellos schon leichtere Einsätze als seinen 242. in der Bundesliga beim Spiel zwischen dem Hamburger SV und der TSG 1899 Hoffenheim. Vor allem in der ersten Hälfte gab es für den 47-jährigen Unparteiischen äußerst knifflige Fälle zu beurteilen, über die auf dem Platz und den Rängen heftig diskutiert wurde. Der erste trug sich dabei nach 19 Minuten zu, als der Hoffenheimer Kevin Volland nach glänzendem Zuspiel von Andrej Kramaric allein auf den Hamburger Torwart René Adler zulief und von diesem schließlich etwa elf Meter vor dem Tor zu Fall gebracht wurde. Dass es sich um ein Foul handelte, war so unstrittig wie die daraus zwangsläufig resultierende Elfmeterentscheidung. Uneinigkeit bestand allerdings über die Frage, ob die Verhinderung einer offensichtlichen Torchance, also eine "Notbremse" vorlag. Ja, meinten die Hoffenheimer, nein, fanden die Hamburger.

Der Schiedsrichter beließ es bei einer Gelben Karte und sagte später im Interview: "Der Spieler geht nach außen weg und nicht zum Tor, das war für mich auf dem Platz das erste Bild und meine Argumentation der Szene." Nach dem Betrachten der Wiederholung müsse er jedoch einräumen, "dass man auch anders hätte entscheiden können". Denn der Schusswinkel wäre für Volland trotz der etwas seitlichen Position immer noch sehr gut gewesen, und es hätte auch kein Hamburger Spieler mehr rettend eingreifen können. Adler hätte also vom Platz fliegen müssen. "Wenn es schon einen Videobeweis geben würde, wäre es wohl knapp Rot gewesen", fügte der Referee dann auch an und bekannte, seine Haltung zum Thema technische Hilfsmittel überdacht zu haben: "Ich war immer Traditionalist. Aber mittlerweile gibt es durchaus Situationen, wo der Videobeweis gut getan hätte."

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Der HSV durfte also zu elft weiterspielen, den Strafstoß jedoch verwandelte Andrej Kramaric zum 1:0 für die Gäste. Drei Minuten später stand René Adler erneut im Mittelpunkt, als er einen Torschuss der Hoffenheimer vor die Füße seines Mitspielers Matthias Ostrzolek abwehrte, von wo der Ball erneut zu ihm gelangte. Der Keeper der Gastgeber schnappte sich die Kugel – und Knut Kircher pfiff, denn er interpretierte Ostrzoleks Aktion als absichtliches Zuspiel. Adler hätte den Ball deshalb nicht mit den Händen berühren dürfen. Die Hamburger protestierten vehement, doch der Schiedsrichter sah –aus nachvollziehbarem Grund – auch nach der Partie keinen Anlass, sich zu korrigieren: "Ostrzolek wurde nicht angeschossen. Ich traue einem Bundesligaspieler zu, aus fünf Metern auch mit dem Außenrist einen kontrollierten Pass zu spielen. Es gibt immer eine Grauzone. Bei dieser Entscheidung bleibe ich aber auch nach dem Spiel."

Adler zweimal im Mittelpunkt

Brüchige Mauer: Kevin Volland verwandelt einen Freistoß aus fünf Metern, den HSV-Keeper Rene Adler verschuldet hat.
Brüchige Mauer: Kevin Volland verwandelt einen Freistoß aus fünf Metern, den HSV-Keeper Rene Adler verschuldet hat.(Foto: imago/Metelmann)

Adler hatte den Ball etwa einen Meter vor seinem Gehäuse in die Hände genommen, den fälligen indirekten Freistoß gab es allerdings genau auf der Torraumlinie der Hamburger – wie immer, wenn es irgendwo im Fünfmeterraum zu einem Vergehen der verteidigenden Mannschaft kommt, das einen indirekten Freistoß nach sich zieht. Den Abwehrspielern ist es in solchen Fällen gestattet, sich auf der eigenen Torlinie zur Mauer aufzureihen, also den obligatorischen Mindestabstand von 9,15 Metern ausnahmsweise zu unterschreiten. Den Hausherren half das gleichwohl nichts, denn Volland schoss den Ball, den ihm Sebastian Rudy vorgelegt hatte, überlegt zum 0:2 in ihr Tor.

Nach einer knappen halben Stunde gab es dann Aufregung auf der anderen Seite, als Pavel Kaderabek im eigenen Strafraum eine Flanke von Ivo Ilicevic ablenkte, Knut Kircher darin ein strafbares Handspiel erkannte und zum zweiten Mal in dieser Partie auf Strafstoß entschied, diesmal für den HSV. "Ich habe es in der Szene so gesehen, dass er seine Körperfläche vergrößert hat", begründete der Unparteiische nach dem Spiel seinen Pfiff. Auch die Zeitlupe schaffe keine völlige Klarheit, fand er. Nach den Fernsehbildern sprach jedoch zumindest mehr dafür, dass Kaderabek den Ball gar nicht mit der Hand, sondern mit der Brust gespielt und seinen Arm zudem so weit wie möglich zurückgezogen hatte. Wenn man allerdings Ausschnittvergrößerungen und Einzelbildschaltungen benötigt, um zu diesem Befund zu kommen, sollte man sich mit Vorwürfen gegenüber dem Referee, der nun mal in Sekundenbruchteilen entscheiden muss, zumindest zurückhalten.

Schaafs Ärger über Ex-Referee Merk

So, wie es Thomas Schaaf tat, obwohl seine höchst abstiegsgefährdete Hannoveraner Mannschaft bei der 0:1-Niederlage in Frankfurt zweimal kein Glück mit Entscheidungen des Unparteiischen hatten: Vor dem Tor des Tages in der 33. Minute stand der Vorlagengeber Stefan Aigner im Abseits – wobei es für das Schiedsrichterteam fast unmöglich war, auszumachen, ob der Frankfurter den Ball von einem Mit- oder einem Gegenspieler bekommen hatte. Und in der 49. Minute hätte es nach einem (ebenfalls sehr schwer zu erkennenden) Foul von Stefan Reinartz an Edgar Prib einen Strafstoß für die Gäste geben sollen. Der Trainer von Hannover 96 wollte die Niederlage gleichwohl nicht Schiedsrichter Wolfgang Stark in die Schuhe schieben.

Dafür ärgerte er sich umso mehr über Ex-Referee Markus Merk. Denn dieser hatte zur allgemeinen Überraschung kritisiert, dass die Hannoveraner nicht protestierten, als Prib keinen Elfmeter zugesprochen bekam. "Das zeigt die Haltung der Spieler, da ist große Lethargie. Ich wäre doch viel offensiver gewesen und hätte versucht, mein persönliches Recht durchzusetzen", sagte der frühere Fifa-Schiedsrichter im Bezahlsender "Sky". Schaaf wurde daraufhin deutlich. "Dass sich der Herr Merk hinstellt und sagt, er könne nicht verstehen, warum die Spieler sich nicht beschwert hätten, ist für mich der Ober-Gau", sagte er. "Denn wenn ein Spieler zum Schiedsrichter läuft und sich beschwert, wird er in der Regel sofort gemaßregelt oder sogar gesperrt." Das mag zwar eine übertriebene Einschätzung sein. Doch fragwürdig ist es allemal, wenn ausgerechnet ein ehemaliger Unparteiischer dazu aufruft, gegen die Entscheidung eines Referees Sturm zu laufen.

Unterdessen muss Werder Bremen damit rechnen, für einige Spiele auf seinen Verteidiger Papy Djilobodji verzichten zu müssen. Denn der Senegalese ließ sich nach einer Rangelei mit dem Mainzer Pablo De Blasis zu einer Unsportlichkeit hinreißen: Er setzte einen Zeigefinger an seine eigene Kehle und deutete damit pantomimisch einen Schnitt wie mit einem Messer an. Schiedsrichter Manuel Gräfe und seinem Gespann entging diese martialische Geste, doch die Kameras fingen die Szene ein. Nun wird es ein juristisches Nachspiel für Djilobodji geben, denn Anton Nachrainer, der Vorsitzende des DFB- Kontrollausschusses, kündigte bereits an: "Wir werden den Fall untersuchen." Eine ähnliche Geste hatte Deniz Naki, damals Profi in Diensten des FC St. Pauli, im November 2009 gegenüber den Fans von Hansa Rostock gezeigt – ebenfalls unbeobachtet vom Schiedsrichter. Der DFB sperrte ihn daraufhin wegen krass sportwidrigen Verhaltens nachträglich für drei Spiele.

Quelle: n-tv.de

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