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Elfmeter, oder? Schalkes Klaas-Jan Huntelaar.
Elfmeter, oder? Schalkes Klaas-Jan Huntelaar.(Foto: imago/Team 2)

"Collinas Erben" würdigen Sartre: Schalkes Huntelaar hat Pech und Glück

Von Alex Feuerherdt

In Schalke erwischt der Schiedsrichter einen gebrauchten Tag, steht aber nicht übermäßig in der Kritik. Der Kollege in Berlin hat kurz nach Beginn eine heikle Situation zu überstehen. Und in Hoffenheim gibt es einen allzu strengen Handelfmeter.

Eigentlich ist das Regelwerk des Fußballs überaus simpel. Die Regel 12 etwa, die sich mit "verbotenem Spiel und unsportlichem Betragen" befasst, definiert knapp und präzise, welche Vergehen als Foul zu betrachten und mit einem direkten Freistoß zu ahnden sind: das Treten, Schlagen und Beinstellen (wobei jeweils schon der Versuch strafbar ist) sowie das Bedrängen, Rempeln, Anspringen, Stoßen, Halten und Anspucken des Gegners. Freistoßwürdig ist außerdem das absichtliche Handspiel. Weiter heißt es in der Regel: "Begeht ein Spieler eines der genannten zehn Vergehen im eigenen Strafraum, ist dies durch einen Strafstoß zu ahnden, vorausgesetzt, der Ball ist im Spiel." So einfach ist das also - zumindest in der Theorie.

Der Philosoph Jean-Paul Sartre hat gesagt: "Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich allerdings alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft." Auf die Schiedsrichter gemünzt, müsste man sogar feststellen: In der Praxis verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit beider Teams. Denn der Fußball ist nun mal ein Kontaktsport, deshalb ist nicht jede Berührung eines gegnerischen Akteurs gleich eine Regelübertretung. Wann die Grenze überschritten ist, legen die Unparteiischen auf dem Platz fest.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Dabei haben sie gewisse Ermessensspielräume. Und es liegt in der Natur der Sache, dass sie vor der Verhängung potenziell folgenschwerer Sanktionen besonders sicher sein wollen und müssen, dass ein strafwürdiges Vergehen vorliegt. Das hat dazu geführt, dass die Referees bei Zweikämpfen im Strafraum oft durchgehen lassen, was sie im Mittelfeld abpfeifen würden, schließlich ist ein Strafstoß ein fast sicheres Tor. Diese Praxis entspricht zwar streng genommen nicht dem Regeltext, kann aber für sich beanspruchen, seit Jahrzehnten weithin akzeptiert zu sein - eine Elfmeterflut wünschen sich nur die wenigsten. Gleichwohl bleibt es nicht aus, dass Strafstöße nicht gegeben werden, die bei Lichte betrachtet über jeden Zweifel erhaben sind. So wie am Mittwochabend beim Spiel zwischen dem FC Schalke 04 und dem HSV an diesem 24. Spieltag der Fußball-Bundesliga.

Da gingen in der 22. Minute nach einer gefühlvollen Flanke des Schalkers Younes Belhanda sowohl dessen Mitspieler Alessandro Schöpf als auch der Hamburger Matthias Ostrzolek im Strafraum der Norddeutschen zum Ball. Schöpf erreichte ihn auch, bevor er von Ostrzoleks Bein getroffen wurde und zu Boden ging. Weil sich beide Spieler im Sprung befanden, war es für Schiedsrichter Günter Perl schwer auszumachen, ob ein strafwürdiger Kontakt vorlag. Die Zeitlupe aber zeigte, was der Unparteiische nicht erkannte: nämlich ein Foul des Hamburgers.

Zwei Elfmeter verweigert, ein Abseitstor gegeben

Auch in der 61. Minute hätten die Gastgeber einen Elfmeter bekommen müssen, als Cleber den Schalker Klaas-Jan Huntelaar zu Boden zog, als der Ball auf die beiden zurollte. Während dem Schiedsrichter-Assistenten der Blick auf den Zweikampf durch mehrere Spieler versperrt war, mag Perl entweder zu sehr auf den Ball konzentriert gewesen sein, oder er empfand Huntelaars Fallen als zu freiwillig. Vertretbar war hingegen die Entscheidung des Referees, drei Minuten später erneut nicht auf Strafstoß zu erkennen - diesmal zuungunsten des HSV -, als Junior Caicara den Ball von Ostrzolek aus kurzer Distanz an die Hand geschossen bekam, während er sich wegdrehte. Für Absicht im regeltechnischen Sinne sprach hier nicht viel.

"Wir haben als Mannschaft definitiv zu wenig investiert und deswegen verloren": René Adler.
"Wir haben als Mannschaft definitiv zu wenig investiert und deswegen verloren": René Adler.(Foto: imago/Revierfoto)

Dafür hätte der Schalker Treffer zum 2:1 nicht zählen dürfen, weil sich der Torschütze Huntelaar im Abseits befand. Insgesamt hatte das Schiedsrichterteam also einen gebrauchten Tag erwischt, auch wenn es mit der Gelb-Roten Karte für den Hamburger Johan Djourou in der 45. Minute eine wesentliche Entscheidung richtig traf. Dass der Unparteiische nach der Partie trotz seiner Fehler nicht übermäßig im Kreuzfeuer der Kritik stand, dürfte maßgeblich daran liegen, dass die Schalker das Spiel ungeachtet der verweigerten Elfmeter gewannen und die Gäste die Schuld für ihre Niederlage fairerweise bei sich selbst suchten. Ihr Torwart René Adler sagte: "Wir beschweren uns sicher nicht über das Abseitstor, Schalke hätte zwei Elfmeter bekommen können. Wir haben als Mannschaft definitiv zu wenig investiert und deswegen verloren."

In Berlin hatte Schiedsrichter Knut Kircher derweil in der Begegnung zwischen der Hertha und Eintracht Frankfurt schon nach vier Minuten eine äußerst knifflige Entscheidung zu treffen: Etwa 35 Meter vor dem eigenen Tor verstolperte der Berliner Vladimir Darida in zentraler Position den Ball gegen den angreifenden Marco Fabian und wusste sich anschließend nur durch einen Griff an das Trikot des Frankfurters zu helfen. Die Frage für den Unparteiischen war nun: Lag die Verhinderung einer offensichtlichen Torchance - also eine "Notbremse" - vor? Oder hätten die beiden Abwehrspieler der Hertha, die sich näher an der Torlinie, aber auf den Außenbahnen befanden, Fabian auf dem Weg zum Tor noch einholen und entscheidend stören können?

Entscheidend ist aufm Platz

Knut Kircher zeigte mit seinen Armen an: Letzteres - und beließ es bei einer Gelben Karte für Darida. Man kann aus guten Gründen anderer Auffassung sein als der Referee, allerdings war es - vor allem angesichts der relativ großen Entfernung von Fabian zum Tor - ausgesprochen schwer, zuverlässig einzuschätzen, ob die zwei verbleibenden Feldspieler der Berliner noch die Möglichkeit zum Eingriff gehabt hätten oder nicht. Wenn ein Schiedsrichter in einer solchen Situation aber nicht hundertprozentig davon überzeugt ist, dass die "Notbremse" gezogen wurde, wird er zur geringeren Strafe greifen - zumal die Dezimierung eines Teams nach nur wenigen Spielminuten eine erhebliche Tragweite hat.

Vollkommen überzeugt war dagegen Guido Winkmann, als er den Gästen aus Augsburg bei deren Partie in Hoffenheim in der 38. Minute einen Handelfmeter zusprach. Der Augsburger Stürmer Alexander Esswein hatte an der Strafraumgrenze abgezogen, der Ball flog geradewegs auf den am Elfmeterpunkt stehenden Hoffenheimer Niklas Süle zu, der das Spielgerät mit der Hand ins Toraus ablenkte. Seine Arme hatte Süle dabei zwar in die Schussbahn des Balles gebracht, aber eng an den Körper gehalten. Von einer Vergrößerung der Körperfläche konnte deshalb nicht die Rede sein, von einer unnatürlichen Handbewegung auch nicht, und ausweichen konnte er dem Ball in dieser Situation ebenfalls nicht mehr.

Winkmann sah gleichwohl Absicht am Werk und zeigte auf den Strafstoßpunkt. Obendrein sah Süle die Gelbe Karte, was allerdings folgerichtig war. Denn wenn ein Torschuss durch ein als absichtlich eingestuftes Handspiel blockiert wird, ist eine Verwarnung zwingend. Was also lernt man aus dem 24. Spieltag? Dass Adi Preißler, bis heute Rekordtorschütze der Dortmunder Borussia, Recht hatte, als er sagte: "Grau ist alle Theorie – entscheidend ist aufm Platz." Das gilt nicht nur für Spielsysteme und -taktiken, sondern eben auch für die Fußballregeln und deren Anwendung in der Praxis. Dass dabei Fehler passieren, ist unvermeidlich. Aber der Fußball wird ja auch immer noch von Menschen betrieben.

Quelle: n-tv.de

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