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"Für so ein intensives Spiel gab es extrem wenige strittige Situationen": Jürgen Klopp.
"Für so ein intensives Spiel gab es extrem wenige strittige Situationen": Jürgen Klopp.(Foto: dpa)
Montag, 02. Februar 2015

"Collinas Erben" gratulieren: Selbst Klopp kann nicht meckern

Von Alex Feuerherdt

Wenn Knut Kircher pfeift, hält sich selbst Trainer Klopp mit Kritik zurück - obwohl sein BVB einen Freistoß in Tornähe nicht bekommt. In Wolfsburg benötigten Alonso und Arnold einen Mediator, dem Schalker Huntelaar kann niemand mehr helfen.

Nun gilt Jürgen Klopp gemeinhin nicht als der allerbeste Freund der Schiedsrichter. Doch als der Trainer der Dortmunder Borussia am Samstagabend nach dem torlosen Remis in Leverkusen, das dem BVB den Sturz auf den letzten Tabellenplatz der Fußball-Bundesliga bescherte, auf vermeintlich kritische Entscheidungen zuungunsten der Schwarz-Gelben angesprochen wurde, mochte er den Unparteiischen partout nicht schelten. "Für so ein intensives Spiel gab es extrem wenige strittige Situationen."

Und das war durchaus als Lob für den Referee Knut Kircher zu verstehen. Diese Anerkennung hatte sich der Maschinenbauingenieur aus Rottenburg am Neckar, der dem TSV Hirschau angehört und heute seinen 46. Geburtstag feiert, auch redlich verdient. In seinem 221. Bundesligaspiel zeigte er einmal mehr, warum er als einer der Besten seiner Zunft gilt. Kircher versteht es exzellent, ein Spiel zu lesen und bei der Zweikampfbeurteilung zu einer Linie zu finden, die dem Spielcharakter jederzeit Rechnung trägt.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Verhalten sich die Mannschaften fair, lässt er die Begegnung laufen und gewährt großzügig Spielräume, um die Partie im Fluss zu halten. Geht es hingegen zur Sache, zieht er die Zügel enger, ohne deshalb übertrieben kleinlich zu pfeifen. Kirchers Akzeptanz bei den Spielern und Verantwortlichen ist herausragend, auch deshalb, weil seine Gestik so deutlich wie unaufgeregt ist und er es bei Ansprachen versteht, den richtigen Ton zu treffen. Der Vater von drei Kindern weiß, wann er beschwichtigen muss und wann energisch ermahnen.

Wenn es die Situation zulässt, regelt er einen Konflikt auch schon mal mit einem Flachs. In Leverkusen bot sich allerdings eher selten die Gelegenheit zu scherzen, weil beide Teams verbissen zu Werke gingen und die Grenzen des Erlaubten ein ums andere Mal überschritten. Dennoch musste Kircher nur drei Gelbe Karten zeigen, alle in der ersten Hälfte. Mehr benötigt er ohnehin nur selten, weil die Spieler seine Vorgaben meist respektieren und sich erkennbar daran orientieren.

Auch die Zeitlupe hilft wenig

Einer der Besten seiner Zunft: Knut Kircher.
Einer der Besten seiner Zunft: Knut Kircher.(Foto: imago/Revierfoto)

Die erste überaus knifflige Aufgabe beim Spiel zwischen Bayer und Borussia hatte Kircher nach 13 Minuten zu lösen. Da eilte der Leverkusener Torhüter Bernd Leno aus seinem Kasten und griff sich den Ball vor dem heranstürmenden Ciro Immobile, rutschte dann aber mit dem Spielgerät in den Händen immer weiter und kam so der Strafraumgrenze näher und näher. Dort angekommen ließ er, um einen Freistoß wegen Handspiels zu vermeiden, den Ball kurz los, nicht ohne ihm vorher noch eine kleine Richtungsänderung zurück in den Sechzehnmeterraum zu geben. Anschließend nahm er ihn wieder mit den Händen auf. Ob der Ball zuvor die Strafraumlinie vollständig überschritten hatte, konnte der Unparteiische wegen der Dynamik der Situation unmöglich zweifelsfrei erkennen - und sein Assistent erst recht nicht, da Leno den Ball mit seinem Körper verdeckte.

Selbst nach Betrachten der Zeitlupe - die dem Referee bekanntlich nicht zur Verfügung steht - scheint es denkbar, dass zumindest noch ein kleiner Teil des Balles auf die Linie ragte. Damit aber wäre der Ball nach den Regeln noch innerhalb des Strafraums gewesen, und dann hätte auch kein Handspiel von Leno vorgelegen - dass der Schlussmann den Teil des Balles berührte, der sich bereits außerhalb des Strafraums befand, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Möglich wäre jedoch ein indirekter Freistoß für den BVB gewesen, schließlich hatte Leno den Ball zwischenzeitlich durchaus mit Absicht losgelassen und nicht, weil er keine Kontrolle über ihn hatte. Die Wiederaufnahme des Balles mit den Händen wäre also eigentlich nicht erlaubt gewesen. Eine Gelbe oder gar Rote Karte für den Keeper wegen Handspiels wäre übrigens nicht in Betracht gekommen. Denn wenn sich der Ball im Besitz des Torwarts befindet, ist er für den Gegner nicht spielbar. Deshalb wird durch ein versehentliches Überschreiten der Strafraumlinie mit dem Ball in der Hand keine verwarnungswürdige Unsportlichkeit begangen und erst recht keine klare Torchance verhindert.

Doppel-Gelb sorgt für Ruhe

Apropos Handspiel: Manche Beobachter waren erstaunt darüber, dass der bereits verwarnte Josip Drmic in der 34. Minute nicht mit Gelb-Rot vom Platz geschickt wurde. Leverkusens Stürmer war nach einem leichten Körperkontakt mit Sokratis im Dortmunder Strafraum zu Boden gegangen und hatte unmittelbar danach den Ball absichtlich - und ein wenig demonstrativ - mit der Hand aufgehalten, womöglich in Erwartung eines Strafstoßes. Zweifellos ein etwas seltsames Verhalten - aber kein wirklich unsportliches. Denn hier hatte Drmic weder einen aussichtsreichen Spielzug des Gegners unterbunden, noch wollte er sich den Ball unfair und mit Täuschungsabsicht vorlegen. Einen verwarnungswürdigen Protest musste Kircher in dem Handspiel ebenfalls nicht erkennen. Deshalb war der Freistoß, den es für die Borussen gab, Strafe genug für den Leverkusener.

Eine vorzügliche Leistung zeigte auch Tobias Welz, Schiedsrichter des Spitzenspiels am Freitagabend zwischen dem VfL Wolfsburg und dem FC Bayern München. Er hatte die schnelle und intensive Partie bestens im Griff und verstand es sehr gut, die am Ende der ersten Hälfte aufkommende Härte und Hektik wieder aus dem Spiel zu nehmen. Mustergültig war dabei die Doppel-Verwarnung gegen Bayerns Xabi Alonso und den Wolfsburger Maximilian Arnold, nachdem diese im Zuge eines Freistoßes für die Münchner aneinandergeraten waren und eine "Rudelbildung" ausgelöst hatten. Welz bewahrte die Ruhe, deeskalierte die Situation gekonnt und zeigte beiden Delinquenten die Gelbe Karte. Ein optimales Management in einer heiklen Phase des Spiels.

Ebenfalls konsequent und richtig handelte Sascha Stegemann mit der Roten Karte gegen den Schalker Klaas-Jan Huntelaar. Was den Niederländer bewogen haben mag, dem Hannoveraner Manuel Schmiedebach fünf Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit einfach von hinten in die Beine zu treten - im Niemandsland des Spielfeldes und ohne jede Chance auf den Ball -, weiß er vermutlich selbst nicht so genau. Dass Huntelaar dem Schiedsrichter anschließend auch noch den Vogel zeigte, könnte seine Sperre verlängern. Schalkes Trainer Roberto di Matteo war dennoch nicht einverstanden mit dem Platzverweis: "Manchmal ist eine Gelbe Karte auch genug", sagte er nach der Partie. Das Sportgericht des DFB dürfte das anders sehen.

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Quelle: n-tv.de

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