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"Collinas Erben" sind empört: Warum Schmidts Verhalten ein Tabubruch ist

Von Alex Feuerherdt

Weil Leverkusens Trainer Roger Schmidt sich weigert, einem Tribünenverweis durch den Schiedsrichter nachzukommen, steht die Partie gegen den BVB am Rande des Abbruchs. Ein Novum in der Bundesliga - und ein handfester Skandal.

Auch in ihrer 53. Saison erlebt die Bundesliga noch ungewöhnliche Premieren, wenngleich nicht nur positive: Am Sonntagnachmittag wurde an diesem 22. Spieltag zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Fußball-Oberhauses ein Spiel minutenlang unterbrochen, weil ein Trainer sich weigerte, dem Tribünenverweis durch den Schiedsrichter Folge zu leisten. Der Leverkusener Roger Schmidt war in der 65. Minute des Spiels gegen Borussia Dortmund (0:1) von Felix Zwayer wegen übermäßigen Protests von der Bank geschickt worden, mochte dieser Anweisung jedoch partout nicht nachkommen - und verharrte einfach an der Seitenlinie.

Als auch der Leverkusener Kapitän Stefan Kießling, vom Unparteiischen dazu aufgefordert, seinen Übungsleiter nicht zum Gehen bewegen konnte, bat Zwayer beide Mannschaften kurzerhand in die Kabine. Erst neun Minuten später wurde die Partie wieder aufgenommen - ohne Schmidt. Was den Trainer der Gastgeber so in Rage versetzt hatte, war die Situation, die dem Dortmunder Siegtreffer vorausgegangen war: Kurz vor dem Strafraum der Borussen hatte Kießling ein Offensivfoul gegen Sven Bender begangen.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Den Freistoß führten die Gäste schnell aus - und rund fünf Meter vom eigentlichen Ort des Vergehens entfernt. Der Unparteiische ließ das jedoch zu und handelte damit gemäß der seit jeher üblichen und weithin akzeptierten Praxis der Schiedsrichter, bei der Tatortfestlegung nicht allzu kleinlich zu sein, wenn eine Mannschaft einen Freistoß weit in ihrer eigenen Hälfte zugesprochen bekommt. Die Szene hätte ohnehin nicht weiter für Diskussionen gesorgt, wenn Pierre-Emerick Aubameyang am Ende des Angriffs nicht das Tor des Tages erzielt hätte. So aber echauffierte sich Roger Schmidt derart, dass Felix Zwayer ihn - aus einiger Entfernung, aber mit Blickkontakt - per Handzeichen auf die Tribüne verwies. Der Coach dachte jedoch gar nicht daran, den Innenraum zu verlassen, weshalb der Unparteiische den Leverkusener Kapitän zu sich rief und ihm auftrug, seinem Trainer "die Botschaft nochmals zu überbringen", wie Zwayer sagte. Damit handelte er anweisungskonform, denn "ob der Schiedsrichter direkt mit dem Trainer spricht oder den Spielführer schickt, liegt allein in seinem Ermessen", wie Herbert Fandel, der Vorsitzende der DFB-Schiedsrichterkommission, erläuterte. In den Amateurklassen sind die Referees sogar ausdrücklich angehalten, die Kommunikation mit einem Trainer über den jeweiligen Kapitän zu führen, um eine direkte Konfrontation zu vermeiden. Dass auch Zwayer diesen Weg wählte, erklärte er selbst damit, dass Schmidt "relativ aufgebracht war" und "ich es für angebracht gehalten habe, die Distanz in dieser Situation zu wahren".

Schmidt lässt dem Schiedsrichter keine andere Wahl

Ein nachvollziehbares Vorgehen, zumal schon das Verhalten des Trainers unmittelbar nach der Aussprache des Verweises von der Bank ein Angriff auf die Autorität des Schiedsrichters war: Schmidt - dem voll und ganz bewusst gewesen sein dürfte, womit er sich den Ausschluss eingehandelt hatte, zumal er bereits früher im Spiel ermahnt worden war - bedeutete Zwayer mehrmals per Handzeichen, er möge sich zu ihm an den Spielfeldrand gesellen und ihm die Entscheidung erläutern. Es versteht sich von selbst, dass kein Unparteiischer sich wie ein Schuljunge herbeizitieren lässt, um Rapport zu erstatten. Schmidt ließ dem Schiedsrichter also nur noch die Option, den Kapitän einzuschalten. Was Stefan Kießling dem Referee daraufhin von der kurzen Unterredung mit seinem Trainer berichtete - nämlich offenkundig, dass Schmidt nicht gedachte, an seiner Weigerung etwas zu ändern -, führte schließlich dazu, dass Zwayer beide Mannschaften vorübergehend in die Kabine schickte und mit seinem Gespann voranging.

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Das war korrekt, wie Fandel bestätigte: "Wenn sich ein Spieler oder eben der Trainer nach einem Platzverweis weigert, den Innenraum zu verlassen, ist die Spielunterbrechung und die Androhung eines Abbruchs die richtige Entscheidung. Auf jeden Fall kann es nicht sein, dass der Trainer eine Entscheidung ignoriert und eine persönliche Erklärung des Unparteiischen durch sein Verhalten erzwingen will." Zwayer selbst sagte: "Wir sind in die Kabine gegangen und haben die Situation in Ruhe geklärt." Das Ziel sei es gewesen, "dass das Spiel danach fortgesetzt wird - aber mit der durchgesetzten Entscheidung". So kam es schließlich auch, denn nachdem das Schiedsrichterteam und die Mannschaften den Rasen wieder betreten hatten, war von Schmidt an der Seitenlinie nichts mehr zu sehen.

Nach dem Spiel versuchten der Trainer und auch der Leverkusener Sportdirektor Rudi Völler, den Vorfall herunterzuspielen und dem Schiedsrichter eine Mitschuld zu geben. Damit machten sie die Sache noch schlimmer. Denn Schmidts Weigerung war nicht nur ein Novum in der Geschichte der Bundesliga, sondern auch ein Tabubruch. Dass sich ein Trainer weigert, einer Anweisung des Unparteiischen zu folgen, und so einen Spielabbruch riskiert, schien bislang unvorstellbar. Ein solches Verhalten ist selbst dann nicht ansatzweise zu rechtfertigen, wenn man der Ansicht ist, dass der Referee zwecks Deeskalation seine Entscheidung hätte erklären sollen – wozu es vor allem deshalb nicht kam, weil Schmidt sich diese Erläuterung selbst verbaut hatte. Zwayers konsequentes Vorgehen war aber auch mit Blick auf den Amateurfußball richtig, denn alles andere hätte eine äußerst ungute Signalwirkung gehabt.

Drei Minuten nach der Wiederaufnahme der Partie forderten die Hausherren zu Recht einen Strafstoß, als der Dortmunder Verteidiger Sokratis den Ball mit dem seitlich ausgestreckten Arm ins eigene Toraus abwehrte. Zwayer pfiff jedoch nicht und räumte nach dem Spiel freimütig ein: "Wir haben bedauerlicherweise falsch entschieden. Wenn wir die Perspektive der Fernsehbilder gehabt hätten, hätten wir auf Elfmeter entschieden." Zu der von Leverkusener Seite geäußerten Vermutung, er habe das Handspiel wegen der vorangegangenen Vorfälle womöglich absichtlich übersehen, sagte der Schiedsrichter nur knapp: "Kein Kommentar." Das war wohl auch gut und weise so. Denn jede andere Antwort hätte vermutlich nur neues Öl ins Feuer gegossen. Über weitergehende Konsequenzen für Schmidt - etwa eine Geldbuße oder eine Sperre - werden nun der Kontrollausschuss und das Sportgericht des DFB entscheiden.

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Quelle: n-tv.de

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