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Nun doch kein Wiederholungstäter: Jérôme Boateng.
Nun doch kein Wiederholungstäter: Jérôme Boateng.(Foto: imago/ActionPictures)

"Collinas Erben" über Boateng: Warum Strafrabatt kein "Unsinnsurteil" ist

Von Alex Feuerherdt

Der DFB reduziert überraschend die Sperre Jérôme Boatengs vom FC Bayern. Das Sportgericht des DFB schafft einen Präzedenzfall und bestätigt den Trend zur Liberalisierung seiner Rechtsprechung. Doch nicht alle sind damit einverstanden.

Eigentlich schien es im "Fall Boateng" keinen juristischen Spielraum zu geben. Nach seiner Roten Karte wegen einer "Notbremse" in der Partie gegen Schalke 04 am 3. Februar war der Verteidiger des FC Bayern vom DFB im Einzelrichterverfahren für drei Spiele in der Fußball-Bundesliga gesperrt worden. Und das war nach der bislang gültigen Rechtslage auch folgerichtig: Zwei Spiele Sperre gab es für das Vergehen - also die regelwidrige Verhinderung einer klaren Torchance; ein weiteres dafür, dass Jérôme Boateng wegen seines Platzverweises am 33. Spieltag der vergangenen Saison als "Wiederholungstäter" eingestuft wurde.

Dennoch legten die Münchner Einspruch gegen das Urteil ein, weshalb es am Montag zu einer mündlichen Verhandlung vor dem Sportgericht des DFB kam. Dort wurde das Strafmaß auf zwei Spiele reduziert - weil das Gericht in Boatengs Vergehen nun doch keine Wiederholungstat sah. Der Vorsitzende Hans E. Lorenz begründete das so: Man habe bereits im vergangenen Jahr "bei vorbelasteten Spielern auf Zuschläge bei der Sperre verzichtet, wenn die alte oder neue Strafe nur ein Spiel betragen hat".

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Im Klartext heißt das: Wurde ein Spieler nach einem Platzverweis lediglich für eine Partie gesperrt, hat ihn der DFB im Falle einer weiteren Hinausstellung nicht als "Wiederholungstäter" behandelt. Das Gleiche galt, wenn der erneute Platzverweis eines Spielers nur eine Strafe von einem Spiel nach sich zog. "Dieser Verzicht auf den Zuschlag", sagte Lorenz, werde nun "auch auf die Fälle der so genannten Notbremse erweitert" - ein Vergehen, für das grundsätzlich zwei Spiele Sperre vorgesehen sind. Entscheidend für die Änderung des Urteils war, dass ein Spieler, der im eigenen Strafraum mit unfairen Mitteln eine eindeutige Tormöglichkeit des Gegners verhindert, eine Art Strafnachlass bekommt, wenn der folgende Strafstoß ins Tor geht. Dann reduziert sich die Pause auf ein Spiel - weil die "Notbremse" nicht zum "Erfolg" geführt hat. "Wäre im vorliegenden Fall der Elfmeter verwandelt worden, hätte Boateng trotz Vorbelastung nur ein Spiel Sperre erhalten", erläuterte Sportrichter Lorenz. "Die Tatsache, dass Bayerns Torhüter Manuel Neuer den Elfmeter gehalten hat, sollte zu keiner zweihundertprozentigen Erhöhung der Sperre auf drei Spiele führen." Daher habe man sich zu dieser Präzedenzentscheidung entschlossen. Fortan, so Lorenz, werde "bei vergleichbaren Fällen ebenso verfahren".

Gefährlicher Unsinn für den Fußball?

Den "Strafrabatt" bei einem verwandelten Elfmeter nach einer "Notbremse" gibt es zwar schon eine ganze Weile, doch erst jetzt sorgt er für öffentliche Diskussionen. Von einem "Unsinns-Urteil" schreibt beispielsweise die "Bild"-Zeitung. Sie kommt zu dem Schluss: "Der DFB-Richter ruft öffentlich die Torhüter auf, einen Elfmeter durchflutschen zu lassen (z.B. bei einer 4:0-Führung), damit der eigene Mitspieler kürzer gesperrt wird. Das macht den Unsinn zu einem gefährlichen Unsinn für den Fußball." Der Kölner Jurist und Sportrechtler Jan F. Orth sagt dazu: "Die Frage ist, ob man in diesem theoretischen Fall, wie ihn die 'Bild'-Zeitung konstruiert, ein zulässiges taktisches Ausnutzen der Regelsituation sieht oder eine Manipulation, weil der Torwart seiner eigentlichen Aufgabe nicht nachkommt."

Wie man diese Frage beantwortet, hängt wohl nicht nur von rechtlichen, sondern auch von fußballphilosophischen Überlegungen ab. Immerhin hätte sich eine Mannschaft, die 4:0 führt, selbst die komfortable Möglichkeit verschafft, nach einer "Notbremse" in ihrem Strafraum zu wählen - zwischen einem Gegentreffer, der zu einer kürzeren Sperre für ihren Spieler führen würde, und einer "weißen Weste", die die Normstrafe von zwei Spielen nach sich zöge. Nicht unwahrscheinlich, dass sie die zuletzt genannte Option bevorzugen würde. Andernfalls hätte ihr Spieler schließlich trotz der deutlichen Führung gar nicht erst zu unfairen Mitteln gegriffen.

Gleichwie: Das Urteil des DFB-Sportgerichts bestätigt den Trend zur Liberalisierung bei den Strafen gegen Spieler und Klubs, der in der jüngeren Vergangenheit zu beobachten ist. Dazu gehört der Strafnachlass bei verwandelten Elfmetern nach "Notbremsen" genauso wie die Möglichkeit, Sanktionen nach einem Fehlverhalten von Zuschauern sowie Sperren gegen Spieler zur Bewährung auszusetzen. "Rechtsprechung und Sportrechtsprechung sind nichts Statisches, sondern unterliegen Entwicklungen", begründet Hans E. Lorenz die jüngsten Änderungen in der Rechtspraxis. An manche muss man sich erst noch gewöhnen.

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Quelle: n-tv.de

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