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(Foto: imago/Uwe Kraft)

"Collinas Erben" unter Fledermäusen: Warum es Gelb für Batman gab

Von Alex Feuerherdt

Beim BVB veranstalten sie einen halblegalen Maskenball, aber nur eine Hälfte der Maskierten wird verwarnt. In Belfast bestehen derweil die Regelhüter darauf, "Notbremsen" im Strafraum mit Elfmeter und Rot zu ahnden. Die Sperre soll jedoch entfallen.

Die Aktion war sorgsam vorbereitet und hatte etwas Geheimnisvolles: Hinter dem Tor der Schalker hatte jemand aus der Dortmunder Entourage vor dem Anpfiff der jeweiligen Spielhälfte beiläufig eine geheimnisvolle schwarze Stofftasche deponiert, deren Inhalt nur Eingeweihte kannten. Zum Vorschein kam dieser Inhalt schließlich nach 78 Minuten, als der turmhoch überlegene BVB an diesem 23. Spieltag der Fußball-Bundesliga gegen den FC Schalke 04 mit 1:0 in Führung ging.

Torschütze Pierre-Emerick Aubameyang zog zwei Masken aus dem Beutel. Eine setzte er sich selbst auf, die andere gab er seinem Mitspieler Marco Reus. Da standen die beiden nun als Batman und Robin, und die Bundesliga war um einen kuriosen Torjubel reicher. Ob Schiedsrichter Felix Zwayer diese Idee im Grunde seines Herzens amüsant fand, ist nicht überliefert, allerdings auch unerheblich. Er zeigte Aubameyang jedenfalls die Gelbe Karte, weil ihm die Regeln in dieser Situation keinerlei Spielraum ließen.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

"Ein Spieler wird verwarnt, wenn er Kopf oder Gesicht mit einer Maske oder Ähnlichem bedeckt", heißt es unmissverständlich unter der Rubrik "Torjubel" in den Richtlinien der Fifa zur Regel 12, die sich mit verbotenem Spiel und unsportlichem Betragen beschäftigt. Der Weltfußballverband will, dass das übertriebene Feiern eines Treffers mit einer Verwarnung geahndet wird, und die Unparteiischen haben diese Anordnung umzusetzen. Pierre-Emerick Aubameyang hatte diese Art der Jubelchoreografie schon einmal praktiziert: Nach seinem Tor zum 2:0 im Supercupfinale gegen den FC Bayern zu Beginn der Saison hatte der Dortmunder Stürmer eine Spiderman-Maske hervorgeholt und aufgesetzt. Schiedsrichter Peter Gagelmann ließ ihn seinerzeit ungestraft davonkommen. Gut möglich, dass der DFB seinen Referees anschließend noch einmal eingeschärft hat, dass für diese ausufernde Form der Freudenbekundung genauso zwingend die Gelbe Karte zu zeigen ist wie für das Ausziehen des Trikots.

Das Prinzip der Verhältnismäßigkeit

Warum aber wurde nur Batman verwarnt und nicht auch sein Gehilfe Robin? Der Grund liegt darin, dass bei vergleichsweise geringfügigen gleichartigen Unsportlichkeiten, die von mehreren Spielern eines Teams auf einmal begangen werden, die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben soll. So bekommt beispielsweise nur ein Spieler die Gelbe Karte, wenn sich bei einem Freistoß die gesamte Mauer zu früh nach vorne bewegt. Erklimmen nach einem Torerfolg mehrere Spieler den Zaun, der sie von den Fans in der Kurve trennt, wird ebenfalls nur einer von ihnen zur Rechenschaft gezogen. Die Schiedsrichter picken sich in solchen Fällen üblicherweise denjenigen heraus, der als Erster oder am auffälligsten gegen die Regeln verstoßen hat. Und der Meister der Maskerade am Samstag war unzweifelhaft Aubameyang, nicht Reus.

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In Frankfurt hatte Florian Meyer beim Spiel der Eintracht gegen den Hamburger SV derweil alle Hände voll zu tun. In der intensiven, teilweise nickligen Partie mit vielen kleinen Fouls – 43 Freistöße sind ein deutlich über dem Durchschnitt liegender Wert – pfiff der erfahrene Unparteiische aus dem niedersächsischen Burgdorf zu Recht etwas kleinlicher, um nicht Gefahr zu laufen, eine Treterei heraufzubeschwören. Im Rahmen dieser eher eng geführten Spielleitung war auch der Strafstoß für die Frankfurter in der elften Minute vertretbar. Der Hamburger Verteidiger Johan Djourou hatte den freigespielten Lucas Piazon zwar nicht allzu heftig gerempelt, aber ebenso unfair wie effektiv um eine Tormöglichkeit gebracht. Ebenfalls korrekt war die Gelb-Rote Karte für den Hamburger Matthias Ostrzolek nach einem nicht sonderlich harten, aber taktischen Foul, durch das ein vielversprechender Angriff der Gastgeber abrupt beendet wurde. Ansonsten überzeugte der kommunikative Meyer in diesem schwierigen Spiel durch seine mal energischen, mal beruhigenden Ansprachen und seine konsequente Linie.

"Notbremse": Künftig keine Sperre mehr?

Unterdessen kamen in Belfast die obersten Regelhüter des International Football Association Board (Ifab) zu ihrer jährlichen Sitzung zusammen. Auf der Tagesordnung stand unter anderem eine Diskussion über die sogenannte "Dreifachbestrafung" nach einer "Notbremse". Die Uefa hatte vorgeschlagen, unfaire Torverhinderungen im Strafraum in Zukunft nur noch mit der Gelben statt der Roten Karte zu sühnen. Das wurde vom Ifab zwar abgelehnt, dennoch war sich das Gremium darin einig, dass die derzeitige Sanktionsfolge zu hart ist und eine Lösung gefunden werden muss. Es regte deshalb an, nach einer "Notbremse" im Sechzehnmeterraum künftig die automatische Sperre entfallen zu lassen, die eigentlich nach jedem Platzverweis fällig ist. Die Fifa soll nun prüfen, inwieweit dieser Vorschlag umgesetzt werden kann.

Dass das Ifab seinen Plan nicht gleich verabschiedete, sondern an den Weltfußballverband weiterreichte, hat seinen Grund in der Gewaltenteilung. Das Board ist die weltweit höchste Legislative im Fußball, also für die Änderung von Regeln zuständig. Es hätte daher beschließen können, den Platzverweis nach einer "Notbremse" durch eine Gelbe Karte zu ersetzen – was es jedoch nicht wollte. Die Sperren hingegen gehören zum Aufgabenbereich der Judikative, die vom Fifa-Exekutivkomitee verkörpert wird. Dieses tagt am 19. März und wird sich dann aller Voraussicht nach für eine Änderung des Disziplinarreglements entscheiden. Das letzte Wort hätte schließlich am 29. Mai der Fifa-Kongress. Wenn nicht alles täuscht, dürfte die Regelung danach lauten: Wer im Strafraum mit unlauteren Mitteln ein Tor oder eine klare Torchance verhindert, fliegt zwar vom Platz, wird aber nicht gesperrt, erhält also lediglich eine Matchstrafe.

Sollte es so kommen, wäre man auch beim DFB zufrieden. Der Verband hatte bei der Fifa schon einige Male einen Antrag gestellt, die "Dreifachbestrafung" abzumildern. Die Umsetzung des Ifab-Vorschlags "würde den Fußball und die Arbeit unserer Schiedsrichter vereinfachen und verständlicher machen", sagte Herbert Fandel, Vorsitzender der DFB-Schiedsrichterkommission. Die Einführung einer Matchstrafe hält er für "einen Schritt in die richtige Richtung". Sage also niemand, die Regelhüter seien nicht flexibel.

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Quelle: n-tv.de

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