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"Den Schubser von Wagner sehe ich aus 60 Metern Entfernung": Hans-Joachim Watzke, Adlerauge.
"Den Schubser von Wagner sehe ich aus 60 Metern Entfernung": Hans-Joachim Watzke, Adlerauge.(Foto: imago/Michael Weber)
Montag, 19. Dezember 2016

"Collinas Erben" vs. postfaktisch: Watzke verliert jedes Maß, Wagner mit Glück

Von Alex Feuerherdt

In Sinsheim vergreift sich der Chef des BVB mit seiner Schelte gegen den Schiedsrichter. Generell sehen sich die Unparteiischen einer Kritik gegenüber, die oft maßlos ist. Ob der Videobeweis hilft? Der Test bei der Klub-WM verläuft eher mäßig.

Unlängst hat die Gesellschaft für deutsche Sprache das Wort des Jahres 2016 gekürt, die Wahl fiel auf "postfaktisch". Dieses Adjektiv verweise darauf, "dass es in politischen und gesellschaftlichen Diskussionen heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht". Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der "gefühlten Wahrheit" führe im "postfaktischen Zeitalter" zum Erfolg. Das gilt durchaus auch für den Fußball, wo derzeit einmal mehr derart über die Schiedsrichter geschimpft wird, dass man bisweilen den Eindruck bekommen könnte, sie verstünden ihr Handwerk nicht und begingen Fehler wie selten zuvor.

Dabei widersprechen die Zahlen dieser postfaktischen Ansicht, wie Lutz Michael Fröhlich in einem Interview des "Kicker" sagte: "Wir haben an normalen Spieltagen in der Bundesliga und 2. Bundesliga zusammen circa 20 bis 25 knappe und kritische Entscheidungen. Rund 75 Prozent davon erweisen sich nach Analyse der TV-Bilder als richtig. Bei den restlichen 25 Prozent gibt es weder Bestätigung noch Widerlegung, oder sie sind am Ende tatsächlich falsch", stellte der Leiter der Schiedsrichter-Kommission fest.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Pro Spieltag und Liga gehe es also "im Durchschnitt um zwei bis drei Entscheidungen". Dieses Verhältnis habe sich im Laufe der jetzigen Saison verglichen mit den Vorjahren "nicht wesentlich verändert". An den ersten zwölf Spieltagen gab es sogar weit weniger Aufregung über Entscheidungen der Referees als im Vergleichszeitraum der vorigen Spielzeit; die Schiedsrichter brachten ihre Partien insgesamt souverän über die Bühne. Das aber ist in Vergessenheit geraten: Nachdem es zuletzt einige falsche und strittige Pfiffe gab, sehen sich die Unparteiischen erneut einer Welle des Unmuts ausgesetzt. Manchem Kritiker geht dabei das Maß verloren, so wie Hans-Joachim Watzke. Der Geschäftsführer von Borussia Dortmund war nach der Auftaktpartie des 15. Spieltags zwischen der TSG Hoffenheim und dem BVB (2:2) kaum zu beruhigen: "Das ist unglaublich, unfassbar, ich rege mich sehr über die unfassbaren Fehlentscheidungen in der ersten Halbzeit auf." Benjamin Brand habe "eklatante" Fehler begangen, wie er sie "selten gesehen" habe, sagte Watzke. "Ich hoffe, dass wir den Schiedsrichter lange nicht mehr bekommen."

Wagners Schubser war kaum zu sehen

Zwei Szenen in diesem äußerst intensiven, zweikampfbetonten und schwer zu leitenden Spiel waren es, die den BVB-Chef so sehr echauffierten, dass er glaubte, dem Unparteiischen eine geradezu historisch schlechte Leistung vorwerfen zu müssen. Da war zunächst der Treffer zum 2:1 für die Gastgeber in der 20. Minute, bei dem sich der Torschütze Sandro Wagner durch einen kleinen, kaum merklichen Stoß in den Rücken von Sven Bender jenen Platz verschafft hatte, den er für einen erfolgreichen Kopfball auf das Gehäuse der Gäste benötigte. "Den Schubser von Wagner sehe ich aus 60 Metern Entfernung", behauptete Watzke - was man getrost bezweifeln darf, zumal außer Bender selbst nicht einmal die in unmittelbarer Nähe befindlichen Borussen etwas an der Gültigkeit des Tores auszusetzen hatten.

Kleiner Schubser, goße Wirkung: Sandro Wagner und Sven Bender.
Kleiner Schubser, goße Wirkung: Sandro Wagner und Sven Bender.(Foto: imago/Jan Huebner)

In der Realgeschwindigkeit war mit bloßem Auge auch nichts Regelwidriges auszumachen, deshalb hatte weder der Schiedsrichter - der aus zentraler Position ohnehin nicht sehen konnte, was der hinter Bender befindliche, ebenfalls mittig postierte Wagner tat - noch der Assistent einen Einwand gegen Wagners Treffer. Brands Helfer an der Seitenlinie hatte zwar eine Seiteneinsicht, fand die kurze Kontaktaufnahme durch den Hoffenheimer Stürmer aber aus rund 35 Metern Entfernung nicht ahndungswürdig. Man kann nach dem Betrachten diverser Zeitlupen zu einer anderen Einschätzung kommen, doch etwas Skandalöses haftete der Entscheidung, anders, als es der wütende Watzke suggerierte, gewiss nicht an.

Gleiches gilt für die Gelb-Rote Karte gegen Marco Reus nach 41 Minuten. Bei einem Konter der Hoffenheimer war es zuvor zu einem Zweikampf zwischen Nadiem Amiri und dem Dortmunder in der Nähe der Seitenlinie gekommen. Der ballführende Amiri hielt Reus zunächst ein wenig mit dem Arm auf Distanz, der versuchte seinerseits, den Hoffenheimer mit einem kurzen Halten aus dem Tritt zu bringen. Amiri griff im Weiterlaufen an Reus‘ Ärmel - "eine Minute lang", wie Watzke in maßloser Übertreibung glaubte -, Reus legte schließlich kurz den Arm um seinen Gegenspieler und brachte ihn so zu Fall. Der Unparteiische sah darin die Unterbindung eines aussichtsreichen Angriffs, also ein taktisches Foul, und stellte den bereits verwarnten BVB-Angreifer mit der sogenannten Ampelkarte vom Platz.

Warum die Zeitlupe die Realität manchmal verzerrt

Nach Ansicht der Zeitlupen erschien diese Entscheidung vielen als zu hart oder gar als falsch, weil Amiri sich ja auch regelwidrig eingesetzt habe. Das Problem an verlangsamten Wiederholungen im Fernsehen ist, dass sie die Dynamik einer Aktion verzerren können. Der wichtige Faktor Tempo geht verloren, viele Handlungen sehen bewusster, klarer und manchmal auch schwerwiegender aus, als sie es in Echtzeit waren. Nicht ohne Grund empfiehlt das International Football Association Board in seinen kürzlich veröffentlichten Richtlinien zum Einsatz des Videobeweises den Schiedsrichtern, auf die Zeitlupe nur zurückzugreifen, wenn es um die Frage geht, ob es bei einem Foul- oder Handspiel überhaupt zu einem Kontakt kam (und wenn ja, wo).

In der Kontaktsportart Fußball üblich: Nadiem Amiri und Marco Reus.
In der Kontaktsportart Fußball üblich: Nadiem Amiri und Marco Reus.(Foto: imago/Sven Simon)

Zur Beurteilung der Intensität eines Zweikampfs (oder der Absicht beim Handspiel) sollen sie sich die betreffende Szene dagegen noch einmal in der Realgeschwindigkeit ansehen. Das Duell zwischen Amiri und Reus wurde bis zu dem Moment, in dem der Dortmunder den Hoffenheimer durch ein deutliches Halten zu Fall brachte, mit Bandagen geführt, die in der Kontaktsportart Fußball üblich sind. Dass Benjamin Brand schließlich auf Foulspiel von Reus erkannte, ist auch mit Blick auf den Verlauf und die Dynamik dieses Zweikampfs nachvollziehbar. Und dass er schließlich Gelb-Rot zeigte, war folgerichtig – denn geahndet wurde damit nicht die (zu vernachlässigende) Härte des Vergehens, sondern dessen unsportlicher Charakter, der in der unfairen Beendigung eines erfolgversprechenden Angriffs der Hausherren bestand. Darauf steht nun mal die Verwarnung, auch wenn das diesbezügliche Foul selbst harmlos ist.

Fröhlich nimmt Spieler in die Verantwortung

Unzweifelhaft falsch lag dagegen Brands Kollege Wolfgang Stark, der dem 1. FC Köln beim Gastspiel in Bremen (1:1) kurz vor Schluss trotz bester Sicht einen Strafstoß verwehrte, als Robert Bauer im eigenen Strafraum Marco Höger auf den Fuß trat und ihn so zu Fall brachte. Auch der Hamburger SV (nach einem Foul des Mainzers Alexander Hack an Nicolai Müller in der 26. Minute) und Eintracht Frankfurt (nach einem Foul des Wolfsburgers Daniel Caligiuri an Ante Rebic in der 69. Minute) hätten bei ihren Auswärtspartien jeweils einen Elfmeter zugesprochen bekommen können, die Schiedsrichter ließen jedoch in beiden Fällen weiterspielen. Dafür hatten die Frankfurter zuvor einen reichlich zweifelhaften Strafstoß erhalten - den Alex Meier verschoss.

"Jeder Fehler ist umso ärgerlicher, je mehr er ergebnisrelevant ist", hatte Schiedsrichter-Chef Fröhlich im "Kicker"-Interview gesagt. Genau an diesem Punkt müsse auch "gearbeitet werden, um ergebnisrelevante Fehler künftig noch stärker zu vermeiden". Gleichzeitig machte Fröhlich klar, dass es häufig die Akteure auf dem Platz sind, die mit ihrem Verhalten dafür sorgen, dass die Unparteiischen in Bedrängnis und schließlich in die Kritik geraten: "Durch eine Simulation etwa schafft ein Spieler erst den Vorgang, den der Schiedsrichter zu entscheiden hat. Durch eine aggressive und respektlose Spielweise, mit vielen Fouls und rüden Attacken, schaffen Mannschaften ein Szenario, in dem der Schiedsrichter zum Durchgreifen gezwungen wird." Die "moralische Verantwortung für einen sauberen und fairen Fußball" werde "abgegeben an den Schiedsrichter". Und das sei nicht gut.

Videobeweis: Holpriger Test bei der Klub-WM

Vielleicht hilft der Videobeweis den Referees ja ein wenig; das ist zumindest eines der erklärten Ziele. Bei der Klub-WM der Fifa in Japan wurde er erneut getestet, allerdings mit eher unbefriedigendem Ergebnis. Denn in beiden Halbfinalspielen stiftete der Einsatz der Technik mehr Verwirrung, als für Klarheit zu sorgen. In der Partie zwischen Atletico Nacional Medellin und dem japanischen Klub Kashima Antlers dauerte es nach einem Foul der Kolumbianer im eigenen Strafraum, das Schiedsrichter Viktor Kassai aus Ungarn übersehen hatte, mehr als vier Minuten, bis die Begegnung unterbrochen, das Klärungsgespräch des Unparteiischen mit den Video-Assistenten abgeschlossen, die Elfmeterentscheidung gegenüber den verdutzten Spielern kommuniziert und der Strafstoß ausführbar war. Ein viel zu großer Zeitraum.

Noch holpriger ging es im zweitem Semifinale zwischen CF America aus Mexiko und Real Madrid zu. In der Nachspielzeit erzielte Cristiano Ronaldo das 2:0 für die Spanier, doch Referee Enrique Caceres aus Paraguay signalisierte nach Rücksprache mit den Video-Assistenten: Abseits. Den fälligen indirekten Freistoß führten die Mexikaner blitzschnell aus, und Caceres ließ die Partie auch laufen – um sie nach einigen Sekunden jedoch erneut zu unterbrechen und das Tor schließlich doch noch zu geben. Offenbar hatte er seine Helfer im Studio zuvor falsch verstanden, und diese hatten sich nun ein weiteres Mal bemerkbar gemacht. Regeltechnisch gesehen war diese Korrektur eigentlich gar nicht mehr möglich, weil das Spiel bereits mit Zustimmung des Schiedsrichters fortgesetzt worden war. Auf dem Platz spielten sich dann auch chaotische Szenen ab, bei denen der Referee nicht gut aussah.

Womöglich handelt es sich bei diesen Verzögerungen und Unstimmigkeiten gewissermaßen um die Kinderkrankheiten des Videobeweises, über die schon bald niemand mehr sprechen wird. Den Schiedsrichtern wäre es sehr zu wünschen. Bei der Klub-WM war der Einsatz der Technik jedenfalls noch nicht dazu geeignet, ihre Autorität zu stärken. Zwar stand in beiden Fällen am Ende die richtige Entscheidung – was wesentlich ist –, doch das wurde mit einigem Durcheinander und langen Unterbrechungen erkauft. Bis zum Testbeginn in der Bundesliga, zu dem es voraussichtlich in der nächsten Saison kommen wird, gibt es noch einiges zu tun, wenn der Videobeweis die ohnehin schon überzogene Schelte gegen die Schiedsrichter nicht noch verstärken soll.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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