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So gehen also die Gauchos. Haben sie Rückenschmerzen?
So gehen also die Gauchos. Haben sie Rückenschmerzen?(Foto: REUTERS)

Der "Gaucho-Tanz" der Weltmeister: Der Skandal, der keiner ist

Ein Kommentar von Christian Bartlau

Ein harmloser Song, ein Riesen-Aufschrei. Die deutschen Spieler hätten bei ihrer Siegesfeier am Brandenburger Tor mit dem "Gaucho-Tanz" die Argentinier verhöhnt, heißt es. Sie hätten Sympathie verspielt. Das ist Quatsch - und die Skandale muss man woanders suchen.

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So geht ein Shitstorm, ein Shitstorm, der geht so: Am Brandenburger Tor feiern die Fußball-Weltmeister mit ihren Fans und geben den "Gaucho-Tanz" zum Besten. Die Argentinier werden mit gebücktem Gang veralbert, dann gehen Mario Götze, Miroslav Klose, Toni Kroos, André Schürrle, Shkodran Mustafi und Roman Weidenfeller aufrecht und singen "Die Deutschen, die gehen so." So weit, so unlustig, Fußball-Folklore. Auf Twitter wächst der Unmut. Stellvertretend die "Taz"-Chefredakteurin Ines Pohl, sie schrieb: Jetzt zeige die Mannschaft das "wahre Gesicht".

#Gauchogate ist geboren. Die "Taz" spricht von Respektlosigkeit und einer "kriegergleichen Überhöhung des eigenen Selbst", Spiegel Online sieht eine "Verhöhnung". Darüber regen sich wiederum irgendwelche Menschen auf, die dann ihren Hass auf die "Gutmenschen" in die Kommentarspalten speien. So weit, so erwartbar, so langweilig. Man hätte sich das alles sparen können. Denn der "Gaucho-Tanz", er taugt gar nicht zum Skandal.

1. Die Diskussion wird unter einer falschen Prämisse geführt.

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Die deutsche Nationalmannschaft ist nicht Deutschland. Sie spiegelt nicht das Staatsverständnis dieses Landes wider. Sie repräsentiert das Land, ja. Aber wenn das DFB-Team darauf verzichtet, die Brasilianer beim Stand von 5:0 mit Hacke, Spitze, einszweidrei zu demütigen, ist das sportlich fair. Es bedeutet aber nicht, dass Deutschland zu einem besseren Ort geworden ist. Man kann ja auch nicht behaupten, Deutschland habe keine Probleme mit Rassismus und Integration mehr, nur weil Mesut Özil, Sami Khedira und Co. in der Weltmeistermannschaft spielen. Frankreich hat diese Erzählung mal geglaubt, nach dem WM-Gewinn 1998 mit Einwanderer-Kindern wie Zinedine Zidane und Marcel Desailly. Sieben Jahre später brannten die Banlieues.

2. Der "Gaucho-Tanz" ist einfach nur unsportlich.

Gehen wir einfach mal von Folgendem aus: Wenn das Kindermädchen vom DFB ihre Nationalspieler nicht minütlich überwacht und an ihre Vorbildfunktion erinnert, benehmen sich auch Bastian Schweinsteiger und Co. im Zweifel nicht anders als Kreisliga-Kicker bei der Saisonabschluss-Tour. Vor allem trinken sie zu viel, was die Witze nicht besser macht. Und wo wir bei schlechten Witzen sind, müssen wir über Oliver Pocher reden. Der hatte schon 2008 bei der unsäglichen Vize-Europameister-Feier den selben Gesang angestimmt. Das "So geht der Torres" hatte nichts von einer überheblichen Geste, wie denn auch? Eben jener Torres hatte schließlich im Finale den Siegtreffer erzielt. Was also sollte das? Selbstironie? Wohl eher: Scheißegal, wir feiern trotzdem.

Betrachtet man es aus dieser Angetrunken-Scheißegal-Perspektive, dann ist der "Gaucho-Tanz": ein Song, den die Fans kennen, den die Spieler kennen, schön einfach, wie Fußball-Gesänge halt so sind. Er gehört sogar zur harmlosen Sorte. Mit dem Lied macht man sich ein bisschen über den Gegner lustig, ohne ihn arg zu beschimpfen oder herabzuwürdigen. Es ist keine Hetztirade gegen Schwule, auch nicht gegen Andersfarbige. Nur: Die sind doof, wir toll. Das ist immer noch unsportlich, ja. Aber die Unsportlichkeit gehört zum Sport dazu. Im Spiel gibt es für sowas die Gelbe Karte. Ein kleiner Aufreger, der Schiedsrichter pfeift - und weitermachen.

3. Die Skandale liegen woanders.

Deutschland-Schals in Polizeiwagen beim Einsatz gegen Flüchtlinge und ihre Unterstützer in Berlin-Kreuzberg. Deutschland-Fahnen am Holocaust-Denkmal. Ein Nazi-Überfall auf eine linke Kneipe in Hamburg. "Deutschland, den Deutschen, Ausländer raus!"-Rufe beim Public Viewing in Weimar. Solche widerlichen Vorfälle gab es zuhauf in den Wochen der Weltmeisterschaft. Unverkrampfter Party-Patriotismus, so hätten es Angela Merkel und der DFB gern. Der aber kommt nicht aus ohne seine hässlichen Brüder, nicht ohne Rassismus, Chauvinismus, Antisemitismus. Darüber könnte man mal reden. Aber es ist so viel einfacher, sich über einen Dummejungen-Streich von Fußballern aufzuregen.


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Quelle: n-tv.de

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