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Neymar vor der Feuerprobe: Der Superstar, der noch keiner ist

Von Axel Witte

Nationalheiliger, Fußballer und Werbeikone. Brasiliens Hoffnung auf den sechsten WM-Titel hat einen Namen: Neymar da Silva Santos Junior. Mit nur 22 Jahren ist er bereits einer der teuersten Spieler der Welt. Doch bis er auch einer der besten ist, ist es noch ein langer Weg.

Es ist angerichtet. Heute eröffnet Gastgeber Brasilien in Sao Paulo mit dem Match gegen Kroatien die XX. Fußball-Weltmeisterschaft. Die Hoffnung auf einen Erfolg beim Kräftemessen der besten Mannschaften aus aller Welt wird dabei gerne an einigen wenigen Personalien festgemacht. Für das Team des Gastgebers und Rekordweltmeisters Brasilien heißt diese reduzierte Erfolgsformel Neymar.

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Mit 22 Jahren soll der Profi des FC Barcelona seine fußballbesessenen Nation in den kollektiven Rausch kicken. Alles andere als der sechste Titel wäre ein Desaster für die erfolgsverwöhnten Südamerikaner. Alles andere als ein toreschießender, genialer und den Unterschied ausmachenden Neymar wäre für seine Landsleute undenkbar. Superstar Neymar also? Nicht wirklich. Zumindest noch nicht.

Zugegeben Neymar da Silva Santos Junior ist mehr als nur ein Talent. Der ab seinem 13. Lebensjahr beim Pele-Club FC Santos spielende Angreifer sticht in einem Land voller Talente hervor. Gewinner der Copa Libertadores und Südamerikas Fußballer des Jahres war er schon. Schussstark, torgefährlich und quirlig ist er. Neymar ist Hoffnung. Neymar ist Verheißung. Für Brasilianer ist er ein Gott. Doch vor allem ist Neymar eine perfekt inszenierte Marke. Ein rebellisches Image und gutes Aussehen bescheren ihm, neben der Glorifizierung durch seine Landsleute, diverse persönliche Sponsorenverträge und ein geschätztes Zusatzeinkommen von über 15 Millionen Euro pro Jahr. Sein Wechsel zum FC Barcelona, in eine der attraktivsten Ligen der Welt, wird diese Werbeeinnahmen in Zukunft vermutlich noch kräftiger sprudeln lassen. 

Barcelona, Madrid, Sao Paulo? Die Frisur sitzt

Schussgewaltige Werbeikone.
Schussgewaltige Werbeikone.(Foto: imago sportfotodienst)

Dabei hatte der selbstverliebte Kicker angeblich zuvor einen Wechsel zu Real Madrid nur deshalb platzen lassen, weil die herrischen Madrilenen ihn in dem bereits unterschriftsreifen Vertrag dazu verpflichten wollten, sich von seiner vermeintlich extravaganten Frisur zu trennen. Es sind Anekdoten wie diese, die den Wert der Marke  Neymar weiter steigen lassen. Wahr oder nicht, bedienen sie perfekt das gewünschte Bild des unangepassten Individualisten, der sich allein durch seine Klasse den Mächtigen widersetzt. Verdienen tut daran nicht nur der Spieler, sondern das gesamte System Profifußball. Der Zuschauer lässt sich nur allzu gerne verzaubern. Und zahlt am Ende teuer aber klaglos für derartige Illusionen und die Identifikation mit seinem Idol.

Dabei wird gerne übersehen, dass der Vater eines knapp dreijährigen Sohnes noch nicht die brillante, komplette und ausgereifte Spielerpersönlichkeit ist, zu der er von Marketingexperten, Fußballfans und Medien gemacht wurde. Vielmehr ist er  gleichermaßen Phänomen und Sinnbild für die Automatismen des Geschäftsmodells Fußball im 21. Jahrhundert. In diesem Kosmos gibt es den Titel Superstar bei entsprechender Vermarktbarkeit als Vorschuss. Die fußballerische Bestätigung kann gegebenenfalls nachgereicht werden. Neymar nimmt diesen Deal nur allzu gerne an.

Publikumsliebling und Selbstdarsteller

Wer seine Auftritte beim letztjährigen Confederations-Cup gesehen hat, konnte beobachten, wie sehr er seine Rolle als Publikumsliebling genoss. Wer genauer hingeschaut hat, konnte aber auch einen Neymar beobachten, der sich mit einer an Hochmut grenzenden Selbstdarstellung auf dem Platz inszenierte.

Zugegeben, ihm gelangen im Turnier einige Tore. Doch vor allem sorgte er, aufgepeitscht durch die seinen Namen brüllenden Zuschauer, für ein Spektakel. Er gestikulierte, lamentierte, reklamierte – und verrannte sich in Eins-zu-Eins Situationen ständig in seine Gegenspieler. Von den vielgelobten technischen Fähigkeiten war wenig zu sehen. Stattdessen forderte er, ablenkend von seinem Unvermögen einen Gegner zu umspielen, vehement Frei- und Strafstöße. Dass er dabei selbst austeilte und gleichermaßen versteckt wie offen foulte, machte seinen Auftritt weder besser noch sympathischer.

Doch diese Defizite in Spiel und Charakter wurden wenig wahrgenommen. Und auch eine durchwachsene erste Saison in Barcelona vermag die Verherrlichung seiner Fähigkeiten nicht zu stoppen. Medien, Massen, Vermarkter und Funktionäre wollen mit aller Macht einen neuen Superstar. Und Neymar bietet die perfekte Projektionsfläche für diese Sehnsucht.

Spektakel, Personenkult und Fußball sind untrennbar miteinander verbunden. In einer Ära des eher nüchternen Systemfußballs sind sie sogar unbedingt erwünscht. Nichtsdestotrotz wird die Bezeichnung Superstar des Geschäftes wegen allzu schnell vergeben. Es wäre schön, wenn Neymar sich diese auch durch den entsprechenden fußballerischen Ruhm noch verdient.

Das Talent dazu hat er. Die Bühne ist bereitet. Scheitert er, hinterlässt er nicht nur ein Land in Tränen, sondern auch eine weitere Worthülse in der Märchenwelt des Fußballs.

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Quelle: n-tv.de

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