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Die Demonstrationen während des Confed Cups 2013 ergriffen das ganze Land.
Die Demonstrationen während des Confed Cups 2013 ergriffen das ganze Land.(Foto: imago sportfotodienst)

Noch 100 Tage bis zur WM: "Millionen Brasilianer werden protestieren"

Ein Gastbeitrag von Christopher Gaffney, Rio de Janeiro

100 Tage vor der Fußball-WM ist die Vorfreude in Brasilien groß - die Wut auch. Millionen werden im Sommer auf den Straßen protestieren: Weil ihr Geld für Stadien statt für Krankenhäuser ausgegeben wird. Weil Soldaten patroullieren. Und weil die Brasilianer nur kurzfristig profitieren.

Die Protestwellen während des Confederations Cups 2013 haben eines sehr deutlich gemacht: Viele Brasilianer sind zutiefst unzufrieden mit ihrer Regierung. Ohne die übertriebenen Investitionen in den Confed Cup und die Fußball-Weltmeisterschaft hätte diese Unzufriedenheit es wohl kaum in das nationale und internationale Schweinwerferlicht geschafft. Aber die Ausgaben von über 10 Milliarden Euro haben die öffentliche Aufmerksamkeit auf die schon vorher bestehende Undurchsichtigkeit und Ineffizienz gelenkt, die den öffentlichen Sektor in Brasilien dominieren.

Der berechtigte Ärger der Demonstranten hat sich über Jahre aufgebaut, weil sich die Lebensbedingungen immer weiter verschlechtert haben. Sie werden sich auch die Weltmeisterschaft als Ziel nehmen - und zwar deshalb, weil ihre eigene Regierung nicht für die Bildung und die ihrer eigenen Bürger sorgen kann, aber der Fifa und ihren Partnern Weltklasse-Stadien, Hotels und Verkehrsinfrastruktur offeriert.

Mit Paramilitär gegen Demonstranten

Gut ausgerüstet - aber auch gut vorbereitet? Brasilianische Polizeikräfte.
Gut ausgerüstet - aber auch gut vorbereitet? Brasilianische Polizeikräfte.(Foto: imago/Fotoarena)

Die Ausrichtung des Confederations Cup 2013 hat die lange still vor sich hin brodelnde Unzufriedenheit auf Brasiliens Straßen gebracht. Ich selbst habe das Turnier mit einer Mischung aus Aufgeregtheit und Angst erlebt. In den Jahren zuvor hatte ich an vielen Protesten teilgenommen. Auf das, was 2013 passiert ist, war ich trotzdem nicht vorbereitet. Während des Confederations Cups haben die größten sozialen Proteste in der Geschichte Brasiliens stattgefunden.

Es war einerseits aufregend, ein Teil von ihnen zu sein. Auf der anderen Seite hat die Polizei die Proteste gewalttätig unterdrückt. Auch sie war nicht vorbereitet, was man am ungehemmten Einsatz von Tränengas, Gummigeschossen und Pfefferspray sehen konnte. Diese Brutalität und Plumpheit ist aber auch Spiegelbild ihrer generellen Einstellung zum Allgemeinwohl der Bürger. Brasilianische Polizisten sind schlicht nicht dafür ausgebildet, mit friedlichen Demonstrationen umzugehen. Die Bundesregierung hat eine 10.000 Mann starke Einheit von "Shock troops" ausgebildet, die sich während der Weltmeisterschaft um Demonstranten kümmern soll. Es ist unklar, ob sie auch mit friedlichen Methoden vertraut sind.

Beim Confed-Cup wurde deutlich, dass der Schutz des Turniers, der Stadien und der wirtschaftlichen Interessen wichtiger war als die Gewährung demokratischer Rechte und der Sicherheit der Bevölkerung. Aber der Confed-Cup war nur ein kleines Testturnier. Bei der WM werden 64 Spiele in zwölf Städten ausgetragen, Milliarden Zuschauer werden das Turnier verfolgen. Und Millionen Menschen werden auf die Straße gehen.

100 Millionen Dollar sind nicht genug

Die Fußball-WM bedeutet viele Dinge für Brasilien, die meisten von sind voller Widersprüche. Die Leute freuen sich darüber, die Welt willkommen zu heißen - und sie schämen sich gleichzeitig über die Art und Weise, wie ihre eigene Regierung die WM durchführt. Schon das WM-Logo impliziert mit seinen gesichtslosen Händen, die nach dem Pokal greifen, dass im Hintergrund viele Unbekannte ihre Finger im Spiel haben.

Die brasilianischen Vorbereitungen für die WM wurden von den Anforderungen und Voraussetzungen der Fifa bestimmt. Damit ein Spiel einer Fifa-WM stattfinden kann, bedarf es eines Stadions nach Fifa-Standard, eines Transport- und Sicherheitsplans, ausreichender Flughafen- und Hotelkapazitäten, Kommunikationsinfrastruktur und finanzieller Garantien.

Trotzdem richten ständig hunderte von Städten Fußballspiele aus. In Brasilien sorgt der desaströse Zustand der städtischen Infrastruktur jedoch dafür, dass alle WM-Städte in allen Fifa-Kategorien investieren mussten, um die Anforderungen zu erfüllen. Als der Fußball-Weltverband 2007 die WM-Endrunde an Brasilien vergab, hieß es, dass nicht ein einziges Stadion im Land WM-tauglich war - obwohl das Maracana-Stadion in Rio de Janeiro erst 2007 für die Pan-Amerika-Spiele für 100 Millionen Dollar renoviert worden war.

Kaum Beteiligung an Mega-Projekten

Politik im Stadion: Fans solidarisieren sich beim Confed Cup mit den Protesten.
Politik im Stadion: Fans solidarisieren sich beim Confed Cup mit den Protesten.(Foto: imago sportfotodienst)

Positiv gesehen dient die WM als Gelegenheit, städtische Mobilität zu verbessern, neue Stadien zu bauen und eine stabilere Infrastruktur für Tourismus, Kommunikation, Sicherheit und Transport zu schaffen. Das Wachstum der brasilianischen Wirtschaft ließ Investitionen in all diesen Bereichen möglich erscheinen. Die Brasilianische Entwicklungsbank BNDES sollte all dies finanzieren. Als Brasilien die WM 2007 bekam, war der Optimismus groß.

Aber der Druck, alle Projekte bis zum 31. Dezember 2013 fertigzustellen, um diverse Testveranstaltungen zu ermöglichen, hat zu einer Reihe von Spannungen zwischen der Fifa und der politischen Führung Brasiliens geführt. Sie haben aber auch zahlreiche Problemen zwischen der Regierung und dem brasilianischen Volk heraufbeschworen. Der undurchsichtige Planungsprozess hat den Mangel an demokratischer Beteiligung bei Mega-Projekten offen gelegt.

Als im Juni 2013 Millionen von Brasilianern auf die Straße gegangen sind, haben sie nicht nur gegen die Umverteilung von öffentlichem Vermögen hin zu Privatorganisationen wie der Fifa protestiert. Sie haben auch ihren Frust darüber herausgeschrien, dass sie nicht gefragt werden, wofür öffentliche Gelder ausgegeben werden.

Es gibt einen kurzfristigen Nutzen

Das Geld, das in die WM-Projekte investiert wird, verändert das Land. Das heißt aber nicht, dass die Bürger von diesen Projekten langfristig profitieren. Diese Projekte bürden den nachfolgenden Generationen eine große Schuldenlast auf.

Christopher Gaffney ist Gastprofessor an der staatlichen Universität Fluminense in der Abteilung Architektur und Städtebau. Gaffney ist auch Autor eines Buches über Fußballtempel in Rio de Janeiro und Buenos Aires.
Christopher Gaffney ist Gastprofessor an der staatlichen Universität Fluminense in der Abteilung Architektur und Städtebau. Gaffney ist auch Autor eines Buches über Fußballtempel in Rio de Janeiro und Buenos Aires.

Richtig ist aber auch: So umstritten die Projekte auch sind, es gab auch kurzfristigen Nutzen. Brasilien investiert zehn Milliarden Euro in die WM - das hat vorübergehend Arbeitsplätze im Bausektor und in der Industrie geschaffen. Es gibt auch die Hoffnung, dass der Tourismus profitieren wird, obwohl das immer noch ein relativ kleiner Bereich ist in Brasilien. Bislang besuchen jedes Jahr sechs Millionen internationale Touristen das Land.

Klar ist aber auch: Sobald das Turnier vorbei ist, werden die Investitionen in allen Städten sinken. Ohne langfristige Zusagen, auch alle größeren Projekte wirklich fertigzustellen, drohen den Städten Bauruinen, womöglich platzen auch Immobilien-Blasen. Einzige Ausnahme wird Rio de Janeiro sein, wo 2016 noch die Olympischen Spiele stattfinden.

Der wichtigste und nachhaltigste Vorteil dürfte aber die Stärkung der sozialen Bewegungen sein, die ihre Basis vergrößern und festigen konnten. Diese Bewegungen werden auch während der WM 2014 die Proteste anführen.

Das Allgemeingut Fußball wird privatisiert

Brasilien ist mit seiner Fußball-Nationalmannschaft historisch und kulturell tief verbunden. Genauso tief ist die Zerissenheit bezüglich der Fifa und des brasilianischen Fußballverbandes. Diese Organisationen haben sich mit dem öffentlichen Sektor verbündet, um mit Steuergeld brasilianische Stadien zu zerstören und in Einkaufszentren zu verwandeln.

Alle städtischen Stadien, die für die WM saniert wurden, wurden privatisiert. Das hat schon 2013 zu einem Anstieg der Ticketpreise um 32 Prozent geführt. Die unteren Schichten in Brasilien können es sich nicht länger leisten, Profi-Fußball anzuschauen. Die Drehkreuze vor den Stadien sind zu sozialen Filtern geworden, die nur noch die Mittel- und Oberklasse passieren kann.

Etwas, was es seit der Militärdiktatur nicht gab

Noch schlimmer ist, dass die WM Straßenhändlern die Möglichkeit nimmt, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Der öffentliche Raum rund um WM-Stadien wird im Namen der Fifa und ihrer Sponsoren von öffentlichen Sicherheitskräften überwacht und gesäubert. Die massiven Ausgaben für die öffentliche Sicherheit führen zu einer Militarisierung des öffentlichen Raumes.

Drohnen und Roboter werden während der WM durch die brasilianischen Städte patroullieren. Während des Confed-Cups gehörten Soldaten plötzlich wieder zum Straßenbild - etwas, das es seit den Tagen der Militärdiktatur nicht mehr gegeben hatte.

Die Vorbereitungen auf das WM-Turnier haben die Unzulänglichkeiten und die Brutalität des brasilianischen Staates offengelegt, besonders im Bereich der öffentlichen Sicherheit. Aber dieser Staat besteht immer noch aus den Brasilianern. Die Schwierigkeit, eine Gesellschaft auf Grundlage der Rechtsstaatlichkeit zu formen, wird durch die WM aber in den Fokus gerückt.

Das bedeutet: Die Widersprüche und Spannungen in Brasilien werden im Sommer nicht nur in den zwölf Stadien der WM-Städte ausgespielt. Sie werden auch in den umliegenden Straßen sichtbar werden.

Quelle: n-tv.de

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