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Der Manager Herrhausen starb nicht weit entfernt von seinem Haus im Taunus.
Der Manager Herrhausen starb nicht weit entfernt von seinem Haus im Taunus.(Foto: picture alliance / dpa)

25 Jahre nach dem RAF-Attentat: Mord an Herrhausen bleibt ein Rätsel

Von Diana Dittmer

Der damalige Chef der Deutschen Bank war Quereinsteiger, Altruist und Vorkämpfer für Schuldenerlässe für Dritte-Welt-Länder. Vor einem Vierteljahrhundert tötete die RAF Alfred Herrhausen. Noch heute fragt man sich, warum?

Das Attentat der Roten-Armee-Fraktion (RAF) auf Alfred Herrhausen am frühen Morgen des 30. November 1989 bewegt die Menschen noch heute. Es sind die schrecklichen Bilder vom zerfetzten und ausgebrannten Mercedes in der Herbstsonne, von der Wucht einer Sieben-Kilo-Bombe durch die Luft geschleudert, und danach quer auf der Straße stehend. Daneben die zugedeckte Leiche, die danach davongetragen wird. Diese Bilder haben sich ins Gedächtnis eingebrannt.

Alfred Herrhausen: Seit 1970 im Vorstand der Deutschen Bank.
Alfred Herrhausen: Seit 1970 im Vorstand der Deutschen Bank.(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn jemand nicht ins Opferbild der RAF passte, war es Alfred Herrhausen. Mit 59 Jahren war er zu jung, um mit den Nazi-Verbrechen in Verbindung gebracht zu werden. Der Quereinsteiger bei der Deutschen Bank war auch nicht der Prototyp des gierigen Bankers. Mit seiner kritischen Haltung zum Finanzwesen war er seiner Zeit weit voraus. Er forderte Transparenz und Offenheit für das kapitalistische System, lange bevor das rücksichtslose und unmoralische Treiben in der Branche öffentlich diskutiert wurde.

Noch heute heben Kollegen und Weggefährten seine Sonderstellung unter den deutschen Spitzenmanagern hervor und betonen, dass er anders gewesen sei. Ex-WestLB-Chef Ludwig Poullain erinnert sich: In den ersten Jahren bei der Deutschen Bank habe Herrhausen sich sehr weit zurückgenommen. "Er war ganz still und hat gelernt." Später, als Vorstandssprecher, sprach er die Macht der Banken offen an. Und appellierte, verantwortungsvoll damit umzugehen.

Vorkämpfer für soziale Gerechtigkeit

Geschichte schrieb er vor allem mit einem Schuldenerlass für Länder der Dritten Welt. Die Deutsche Bank war das erste Geldinstitut, das auf die Rückzahlung von Krediten verzichtete, ohne dazu gezwungen zu sein. Die Idee dazu war Herrhausen 1987 bei der Tagung des Internationalen Währungsfonds gekommen. Er forderte, Ländern wie Mexiko ihre Schulden zu erlassen und im Gegenzug Reformen zu verlangen. Die Bankenszene war fassungslos.

Vorstandsmitglied Hilmar Kopper, der später sein Nachfolger wurde, tat den Vorschlag als "intellektuelle Bemerkung" ab. Aber Herrhausen setzte seinen Willen durch - im Alleingang, ohne den Vorstand zu fragen. Er "hat es einfach gemacht, es einfach verkündet", erklärt Poullain. Das habe seinen Ruf ausgemacht: nicht nur "rumzuverhandeln", sondern etwas zu tun.

Herrhausen dachte anders. Vielleicht war sein eiserner Wille, etwas durchzusetzen und zu ändern, wo er es für sinnvoll hielt, eine seiner größten Stärken. Wenn es um seine Überzeugung ging, war er kompromisslos. Auch privat. Als er sich scheiden ließ und das zweite Mal heiratete, bot er ohne zu zögern seinen Rücktritt an. Der Bankvorstand wusste, was er an ihm hatte. Herrhausen blieb auf seinem Stuhl.

Vorbild für Ackermann & Co.

Auch Politiker schätzten ihn - quer durch alle Parteien. Bundeskanzler Helmut Kohl ehrte Herrhausen nach dem Tod mit den Worten, er hinterlasse eine Lücke, die auf Jahrzehnte nicht zu schließen sei. 16 Jahre später ermahnte Kanzler Gerhard Schröder Josef Ackermann, er möge sich Herrhausens "Philosophie noch einmal zu Gemüte führen". Ackermann hatte in seiner Funktion als Deutsche-Bank-Chef gleichzeitig Rekordgewinn und Stellenabbau der Bank verkündet. Schröder erinnerte daran, dass Herrhausen das Unternehmen stets in der Pflicht gegenüber den Beschäftigten und dem Land gesehen habe.

Die Führungsriege nach Herrhausen hat für viele negative Schlagzeilen gesorgt: Von Hilmar Kopper bleibt der "Peanuts"-Spruch in Erinnerung. Dessen Nachfolger Rolf-Ernst Breuer steht mit dem Kirch-Prozess in Verbindung. Dessen Nachfolger, Josef Ackermann, ist mit dem "Victory"-Zeichen unangenehm aufgefallen. Herrhausen sagte dagegen: "Wir müssen das, was wir denken, sagen. Wir müssen das, was wir sagen, tun. Wir müssen das, was wir tun, dann auch sein." Er sei "der letzte Aufrechte" seiner Zunft gewesen, sagt Poullain. Herrhausen habe noch den Mut gehabt, offen zu reden. Danach sei es anders geworden.

Vielleicht lag es daran, dass Herrhausen gar nicht aus der Bankbranche kam. Der gebürtige Essener war in der Gas- und Elektrizitätsindustrie aufgestiegen. Bei der Deutschen Bank landete er 1969 auf Wunsch des damaligen Vorstands Wilhelm Christians. Der Einstieg des Branchenfremden war ungewöhnlich und ein Bruch mit der Bankkonvention. Trotzdem berief man den "Elektriker", wie manche spotteten, bereits nach einem Jahr in den Vorstand. Herrhausens Hintergrund passte. Denn die Deutsche Bank kontrollierte damals über ihre Beteiligungen einen großen Teil der Industrie. 1985 wurde Herrhausen zunächst Vorstandssprecher in der Doppelspitze mit Christians und 1988 dann alleiniger Sprecher. Damit wurde er zu einem der mächtigsten Männer der deutschen Wirtschaft.

Offene Akte Herrhausen

Bei allem Erfolg eckte er mit seiner Art aber auch an. Mancher hielt ihn für einen "intellektuellen Snob". Noch 1989 setzte Herrhausen - wieder gegen interne Widerstände - die Übernahme der britischen Morgan Grenfell durch. Die Deutsche Bank schwenkte auf Investmentbanking-Kurs ein. Dem Vorstand gelang es lediglich, die Berufung des Morgan-Grenfell-Chefs in den Vorstand abzuschmettern. Das war wenige Tage vor Herrhausens Ermordung. Angeblich nahm Herrhausen das damals so mit, dass er kurz vor seinem Rücktritt stand. Die Investmentbanken damals seien "gut" gewesen, sagt sein damaliger Kollege Poullain. Seine Nachfolger drückten dem Investmentbanking später einen anderen Stempel auf. Mit Herrhausens Ideen deckte sich das nicht. "Das Spiel mit Lug und Trug", ist Pollain überzeugt, hätte Herrhausen nicht mitgemacht.

Aber auch in Herrhausens Biografie gibt es Licht und Schatten. Einige Details sind in Vergessenheit geraten. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass er als Hochbegabter drei Jahre lang in der Nazi-Eliteschule Napola am Starnberger See ausgebildet wurde. Herrhausen sagte einmal, diese Zeit habe ihm keinen Schaden zugefügt, er habe eine Menge preußischer Tugenden gelernt, darunter "die Freude an der Arbeit".

Einen konkreten Grund, warum Herrhausen Opfer der RAF wurde, liefern solche Details nicht. Auch das Bekennerschreiben der RAF blieb unklar. Die Anklage ist so allgemein formuliert, dass sie auch auf andere Wirtschaftsbosse angewendet werden könnte: "Durch die Geschichte der Deutschen Bank zieht sich eine Blutspur zweier Weltkriege und millionenfache Ausbeutung, und in dieser Kontinuität regierte Herrhausen." Mit seiner Persönlichkeit oder seinem Führungsstil hatte das nichts zu tun.

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Quelle: n-tv.de

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