Wirtschaft
Gemeinsam nur noch im Museum: Die Mitglieder der schwedischen Popgruppe "Abba" Benny Andersson, Anni-Frid Lyngstad, Agnetha Fältskog und Björn Ulvaeus (v.l.n.r.) beim "Grand Prix d'Eurovision de la Chanson" 1974 im südenglischen Brighton.
Gemeinsam nur noch im Museum: Die Mitglieder der schwedischen Popgruppe "Abba" Benny Andersson, Anni-Frid Lyngstad, Agnetha Fältskog und Björn Ulvaeus (v.l.n.r.) beim "Grand Prix d'Eurovision de la Chanson" 1974 im südenglischen Brighton.(Foto: picture alliance / dpa)

Bargeld-Boykott in Schweden: Abba-Star wirbt für Finanzexperiment

Björn Ulvaeus lehnt sich weit aus dem Fenster. Der alternde Pop-Millionär will mit dem Verzicht auf Geldscheine und Münzen eine neue Ära einleiten. Befürworter der Kartenzahlung - allen voran die Banken - sind begeistert.

Lebende Musiklegende: Björn Ulvaeus bei der Museumseröffnung in Stockholm im Mai 2013.
Lebende Musiklegende: Björn Ulvaeus bei der Museumseröffnung in Stockholm im Mai 2013.(Foto: picture alliance / dpa)

Abba-Star Björn Ulvaeus ruft in Schweden zu einem ökonomisch-sozialen Großexperiment auf: "Wir könnten und sollten das erste bargeldlose Land der Welt werden", appelliert der prominente Sänger an seine Landsleute. Die Schwedische Krone sei eine "kleine Währung", die nur in Schweden im Umlauf sei. Der Umstieg vom Geldschein zur Karte ist seiner Ansicht nach kein großer Schritt. Ungewöhnlich allerdings erscheint die Zielsetzung: "Es ist die ideale Umgebung, um eines der größten Programme zur Verbrechensbekämpfung einzuleiten", schreibt der 68-jährige Ulvaeus, der es in den späten 1970er Jahren an der Seite seiner damaligen Lebensgefährtin Agnetha Fältskog und dem befreundeten Paar Anni-Frid Lyngstad und Benny Andersson als Pop-Phänomen Abba zu Weltruhm gebracht hatte.

Um seine Idee in der Praxis zu erproben, hat sich Ulvaeus eigenen Angaben zufolge einem intensiven Selbstversuch unterzogen. Ein ganzes Jahr lang lebte der schwedische Popmusiker ohne Bargeld. "Die einzige Unannehmlichkeit, die ich erlebt habe, war, dass man eine Münze braucht, um im Supermarkt einen Wagen auszuleihen", schreibt er auf der Webseite des frisch eröffneten Stockholmer Abba-Museums. Künftig werde das Museum kein Bargeld mehr akzeptieren, heißt es dort in einer Erklärung. Den regulären Eintrittspreis in Höhe von 195 Schwedischen Kronen (knapp 22 Euro) sollten Besucher am besten vorab im Internet auf elektronischem Wege überweisen. Beim Kauf am Schalter werden bis zu 20 Kronen (rund 2,25 Euro) Extra-Gebühr fällig. Dafür ist dann auch der Eintritt in die "Swedish Music Hall of Fame" und die Daueraustellung zur Geschichte der schwedischen Pop-Musik im Preis enthalten.

"Es gab mal eine Zeit, in der Banknoten und Münzen ihren Zweck erfüllten", erklärt Ulvaeus. Der komplett bargeldlose Zahlungsverkehr im Museum sei mittlerweile "sicherer und effizienter für unsere Besucher und für unsere Mitarbeiter". Auf ungeteilte Zustimmung stößt der Abba-Star damit allerdings selbst in progressiven Ökonomenkreisen nicht.

Denn was im schwedischen Museumsgeschäft noch weitgehend reibungslos funktionieren mag, lässt sich nicht ohne weiteres auf größere Zusammenhänge übertragen. In Deutschland zum Beispiel wäre Ulvaeus mit seinem Selbstversuch wohl auf wesentlich mehr Schwierigkeiten gestoßen. Wer hier in einer Kneipe die Karte zückt, wird möglicherweise schief angesehen. Die Zahlung mit Kredit- oder EC-Karte ist in der Regel mit nicht unwesentlichen Kosten für den Händler verbunden. In Schweden dagegen ist die Geschäftswelt weiter. In Sachen Bargeld gelten dort schon fast umgekehrte Verhältnisse.

"Wir akzeptieren kein Bargeld"

Kioske, Kinos, Bars und Busse akzeptieren die Kartenzahlung nicht nur gleichermaßen - mancherorts kommt man mit Münzen und Scheinen sogar gar nicht mehr weiter. Zwar schreibt das Reichsbank-Gesetz ähnlich wie in Deutschland und dem Rest der Eurozone Laden- und Lokalinhabern vor, Bargeld als gesetzliches Zahlungsmittel anzunehmen. An anderer Stelle gibt es im schwedischen Gesetz aber ein Schlupfloch, wie Björn Segendorff, Berater bei der Reichsbank, erklärt. "Wenn ein Einzelhändler ein Schild an seiner Tür anbringt, auf dem steht: 'Wir akzeptieren kein Bargeld', und Sie hineingehen, könnte das als Vereinbarung betrachtet werden, die Sie eingegangen sind."

Schätzungen zufolge werden derzeit etwa nur noch ein Viertel der Zahlungen in Schweden über Bargeld abgewickelt, sagt Segendorff. "Schweden ist das einzige Land in der Welt, wo der nominale Wert von Bargeld im Umlauf sinkt." Das Abba-Museum, das Ulvaeus in dieser Hinsicht als Vorreiter feiern möchte, bewegt sich damit inmitten eines größeren gesellschaftlichen Trends. Ohne Kredit- oder EC-Karte kommt man als Besucher nicht mehr hinein.

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Der legendäre Pop-Star, der zusammen mit seinen Band-Partnern an den Verwertungsrechten der Abba-Hits Millionen verdiente, geht allerdings in einem Punkt sehr viel weiter. Er sieht den Abschied vom Bargeld nicht nur als Alltagserleichterung und Effizienzgewinn, sondern vor allem auch als wichtige Maßnahme zur Verbrechensbekämpfung. "Haben wir die Fähigkeit verloren, zu sehen, dass Münzen und Scheine nur Symbole sind, und dass diese Symbole leicht gegen andere ausgetauscht werden können?", fragt Ulvaeus.

Schutz vor Einbrechern?

Seine Meinung nach ist nur noch der Schwarzmarkt wirklich vom Cash abhängig. Um seine These zu begründen, verweist der Schwede auf persönliche Erfahrungen aus dem familiären Umfeld. "Die Wohnung meines Sohns wurde vor einer Weile ausgeraubt." Einbrecher hätten Fernseher, Computer und Designerkleidung mitgehen lassen, die sie leicht zu Barem hätten machen können. "Wir können ziemlich sicher sein, dass die Diebe direkt zu ihrem Schwarzmarkthändler vor Ort gegangen sind", schreibt Ulvaeus. "Wir können absolut sicher sein, dass dieser Güteraustausch in einer bargeldlosen Gesellschaft niemals stattgefunden hätte."

In welche Richtung sich der Zahlungsverkehr entwickelt, scheint für viele Schweden vollkommen klar. Bereits die Hälfte der Bevölkerung rechnet einer Studie zufolge fest damit, dass sich Schweden in den kommenden 20 Jahren zu einer komplett bargeldlosen Gesellschaft entwickeln wird. Allerdings gibt es auch Widerstand. Als zum Beispiel die Bank Swedbank vor Kurzem ankündigte, in einzelnen Filialen kein Bargeld mehr am Schalter ausgeben zu wollen, seien die Kunden im Stockholmer Stadtteil Östermalm auf die Barrikaden gegangen, wie es in einem Bericht der schwedischen Tageszeitung "Svenska Dagbladet" heißt. Dort leben demnach vor allem wohlhabende, ältere Menschen.

PR-Aktion von Mastercard?

Der Vorsitzende der Sicherheitsbranche und frühere schwedische Reichspolizeichef Björn Eriksson rief sogar dazu auf, Banken zu boykottieren, die sich weigern, Scheine herauszugeben. "Banken wollen mehr Kartenzahlungen, weil sie damit Geld verdienen", erklärt Eriksson. Wenn das Bargeld verschwinde, könnten die Banken Kartengebühren beliebig erhöhen, lautet eine seiner Befürchtungen.

Eriksson geht sogar so weit, Ulvaeus in einem Beitrag im "Svenska Dagbladet" als "PR-Agent von Mastercard" zu bezeichnen. Glaubwürdig wehren kann sich der Abba-Star gegen diesen Vorwurf kaum: Der US-Kreditkartenkonzern ist einer der beiden Hauptsponsoren des Abba-Museums. Mastercard wirbt auf der Abba-Museumsseite in großformatigen Werbeanzeigen und speziellen Rabatten für den bargeldlosen Zahlungsverkehr: "Walk in. Dance out", heißt es dort zum Beispiel in einer etwas hölzernen Anspielung an das Museumsangebot.

Bargeld bleibt "noch nützlich"

Reichsbank-Berater Segendorff ist davon überzeugt, dass Münzen und Scheine nicht ganz aus dem skandinavischen Land verschwinden werden. 2015 kommt eine neue Serie von Banknoten heraus. "Das könnten Sie als Zeichen sehen, dass wir daran glauben, dass Bargeld in der absehbaren Zukunft noch nützlich sein wird." Der Markt entscheide selbst, welche Services gebraucht würden - und es gebe Fälle, in denen Bares immer nützlich sein werde, etwa bei "Bezahlungen zwischen Personen, und in Fällen, in denen man Zahlungsinformationen nicht preisgeben will".

Quelle: n-tv.de

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